RIO REISER

Rezensionen
Am Piano I (Möbius, 1998, Buschfunk-Vertrieb) "Der Weg zum Herzen geht über das Ohr" besagt ein arabisches Sprichwort und wird auch für einige deutsche Ohren gelten. Die Lieder von Rio Reiser, dem 1996 verstorbenen Künstler (ich schreibe mit Absicht nicht Rocksänger, denn er war noch vieles mehr), gingen schon immer direkt ins Herz, denn von dort kamen sie ja. Von dort kommen auch die Lieder, die man jetzt neu erwerben kann und neu hören muß. Wenn man die CD "Am Piano I" einlegt, denkt man nicht daran, daß jenes Herz nicht mehr schlägt, denn die Kraft und Intensität, die Rio Reisers Stimme auch posthum ausstrahlt, gibt noch immer Mut, macht noch immer Freude und berührt einen im Innersten.

An die hundert unveröffentlichte Songs wurden in Rios Gemächern gefunden und bilden einen Nachlaß, den man durchaus als kulturellen Schatz bezeichnen kann. Davon hat das Rio-Reiser-Archiv (in Persona Gert Möbius, Rios Bruder, und Lutz Kerschowski, enger Freund und Musikerkollege von Rio) 18 Songs ausgewählt, um die Vielseitigkeit des unterschätzten Musikers zu demonstrieren. Es ist keine CD für den Markt, sondern vielmehr eine CD, wie sie Rio Reiser selbst gefallen hätte. Einige der Aufnahmen sind Demos, die irgendwie nie auf ein Album paßten, aber dennoch zur Veröffentlichung gedacht waren.

Im Gegensatz zu anderen Neuveröffentlichungen fällt auf, daß diese CD sehr liebevoll gemacht ist. Schon das originelle Cover hat viele nette Eigenarten, die sehr untypisch für das Business, aber sehr typisch für Rio Reiser sind. Da ist zum Beispiel die Anlehnung an ein Karl-May-Buch oder die Verwirklichung einer Erfindung von Rios Vater. Mehr soll hier gar nicht verraten werden, entdeckt es mit Euren eigenen Sinnen.

Das Booklet zur CD ist ausgesprochen informativ und detailliert, zeigt neben unbekannten Fotos auch einen kleinen Ausschnitt aus Rios Tagebuch (Weihnachten 1972).

Gleich der erste Song der CD - "Ich sitz an Land" - dürfte für die meisten Hörer eine unbekannte Perle sein, denn es ist aus dem Kinderhörspiel "Teufel hast Du Wind" von 1976. Es ist ein gelungener Auftakt, der einlädt, sich zu Rio an Land zu setzen, die Schiffe in die Ferne ziehen zu lassen und mit ihm auf eine musikalische Reise zu gehen.

Es folgen 17 ganz unterschiedliche Songs, darunter drei irre Live-Versionen von Ton-Steine-Scherben-Songs, die Rio 1986 bei einem Konzert in Berlin gesungen hatte, dann drei englische Titel, die irgendwie nicht so gut rüberkommen. Der Schwachpunkt liegt nicht bei den Songs, auch nicht bei Rio, sondern bei der Sprache. Wenn Rio Reiser englisch singt, dann geht etwas von dem verloren, was ihn ausgemacht hat. Da ist kein Sprachwitz, kein Wortspiel, es fehlt das berlinisch-freche, der Zauber in seiner Stimme. All das findet sich dann aber zu hundert Prozent in dem Stück "Haben wir gelacht". Das Lachen vergeht einem spätestens bei dem Marlene-Dietrich-Lied "Ich werde Dich lieben". Jeder Mensch, der Rio Reiser in irgendeiner Weise nah war, kann sich hier nicht gegen feuchte Augen oder einen Kloß im Hals wehren, zumal die Stimme akustisch unglaublich nah dran ist, es klingt regelrecht intim.

Ein kleines Highlight der CD ist mit Sicherheit die Kombination dreier Tracks, die man einfach nicht einzeln hören darf. Es wäre sträflich, denn schließlich war es als Medley gedacht und aufgenommen, und gerade die Übergänge von einem Song zum nächsten sind genial. Da singt Rio eben noch ein deutsches Volkslied (welches er übrigens auch live gerne sang) und setzt dann unvermittelt zu einem "Ohwembaweh" ein, und jeder Musikliebhaber weiß, welches Lied folgen muß. Daß Rio Reiser aber danach einen Titel von den Rolling Stones spielt, unterstreicht nur, wie sehr er seine Wurzeln, seine Einflüsse zu schätzen wußte.

Gegen Ende der CD kommt ein wunderschönes Lied, das leider ein großes Manko besitzt: Es ist entschieden zu kurz! "Weit von hier" handelt von einem ganz besonderen Kind, und kaum ist man in seine Welt eingetaucht, wird man auch schon wieder rausgeschmissen. Dabei sind so viele Fragen offen: Wo ist "hier"? Vor welcher Tür saß das Kind? Welches Lied sang es? Warum erschreckt es sich? Wohin rannte es ? Und vor allem, was wurde aus dem Kind?

Nun, das schöne an der CD ist ja, daß der Titel mit der römischen eins zumindest eine römische zwei verspricht. Vielleicht erfahren wir dann noch mehr über das Kind, über Rio Reiser. Auf jeden Fall zeigt sich schon in der ersten Edition sehr deutlich die Ambivalenz Rio Reisers, dieses stete Nebeneinander von Traurigsein und Glücklichsein, Spaß und Ernsthaftigkeit, Hoffnung und Verzweiflung.

Was diese CD ausmacht, ist die Reduzierung auf's Wesentliche. Nur die Stimme und das Klavier, gnadenlos werden Stärken wie Schwächen aufgezeigt, und es zieht jedem Künstler die Schuhe aus, der diese Musikalität und Gesangsqualität noch nicht mal unter Einsatz großartiger Technik hinbekommt. Daß die Tonqualität der Songs nicht mit heutigen Maßstäben vergleichbar ist, liegt auf der Hand. Die Aufnahmen entstanden bei Konzerten oder bei Rio Zuhause in Fresenhagen, sind damit wunderbar unverfälscht und authentisch.

Die Breite des Repertoires, das auf diesem raren Tonträger versammelt ist, ermöglicht jedem Hörer, egal mit welchen Vorlieben, etwas für sich zu entdecken. Der Kleinkunst-Liebhaber wird genauso etwas finden, wie der Rock-Fan oder eine alte Scherbe.

Im ganzen ist die CD, die seit November 1998 im Handel ist, sehr klug produziert, die Reihenfolge der Titel ist gut gewählt und Rio wird nicht ausgeschlachtet, weder als klimpernder Entertainer, noch als singender Dichter oder sonstwas. Ganz im Gegenteil: In vorbildlicher Weise wird gezeigt, was zwischen den Polen Scherben-Mythos und "König von Deutschland" lag, daß es eben nicht nur das war, was Rio Reiser gemacht hat. Es ist gut, daß man sich mit dieser Veröffentlichung Zeit gelassen hat, denn nichts ist schlimmer als eine schnell produzierte CD, gar eine Art Sampler. Das wäre weder Rio Reiser noch seinem Publikum gerecht geworden. Doch hier erkennt man die Arbeit hinter der glänzenden Scheibe mit den zwei Gratis-Zugaben Spaß und Wehmut.

Ich hoffe, daß ich ein bißchen Appetit auf ein Hörerlebnis der anderen Art machen konnte. Den Hunger müßt ihr nun selber stillen, denn schließlich gilt noch immer: Nichts ist enttäuschender als die totale Erklärung.

"Er ist nicht tot, er schläft nur. Er liegt dort unterm Apfelbaum und wartet, wartet in Dir, in mir, er ist nicht tot ..."

[Regina Sommerfeld für German Rock News]


Rio Reiser - Am Piano II (1999, Möbius Rekords)
Das Warten hat endlich ein Ende. Nachdem die CD "Am Piano I" im Herbst 1998 einen ersten bemerkenswerten Einblick in Rio Reisers Schatzkiste gewährte, waren viele begeisterte Hörer auf das Nachfolgewerk gespannt. Im Frühjahr 1999 dürfen wir nun - ganz Pirat auf Schatzsuche - wieder auf's Meer hinaus reisern, dem Horizont entgegen, wohlwissend, daß wir ihn nie erreichen werden.
Richtig unsystematisch wird das weite musikalische Spektrum Rio Reisers ein weiteres Mal aufgezeigt und läßt den Hörer staunen. Mit einer nachdenklichen 1:25-Einstimmung sucht Rio Reiser "Das Du im Ich" und eröffnet damit aussagekräftig eine CD mit insgesamt 21 Titeln unterschiedlichster Coleur.
Diesmal ist viel bekanntes dabei, doch die Versionen (Demo oder Live) weichen teilweise von den bisher veröffentlichten Stücken ab und bieten eine neue Möglichkeit der Wahrnehmung. So kommt der Song "Du bist es", auf dem 91er Album "Durch die Wand" sehr kraftvoll vorgetragen, hier unerwartet schläfrig daher. "Nur Dich" ist gegenüber der Version von 1991 (auch aus "Durch die Wand") nun wieder um einige Sprünge flotter & fröhlicher. Das Demo von "Nach Hause", aus der selben Zeit wie die beiden Titel davor, enthält in der Piano Version noch mehr Melancholie. Und wenn im sonnigen Frühjahr dunkles Laub schwermütig auf den Seelenboden fällt, dann nur, weil Rio den "Herbst" besungen hat und die intime Atmosphäre der Aufnahme verdammt nah geht.
Doch all die Traurigkeit ist auf der CD gut verstreut und findet einen Ausgleich in gleichermaßen humorvollen Songs, in denen Rio mit Vorliebe wahnwitzige Geschichten des Lebens erzählt: Mal geht es um kleine Pfeifen ("Shit-Hit"), dann um den kleinen Johnny und vier andere Typen ("Harry ist groß"), oder um 7 kleine Leute ("Wir wollen Langeweile"). Die letzten beiden Titel gehören zu einer Vielzahl von unbekannten und unveröffentlichten Liedern, denen die Produzenten Lutz Kerschowski und Gert C. Möbius einen "Ehrenplatz" auf diesem Tonträger gaben. Dazu zählen auch der Ohrwurm "Alles ist gut" und das wütend-fordernde "Ich will Rot!", das zwar für das politische Musical seines Bruders Peter Möbius entstand, aber nichts mit der Farbgebung heutiger Politik zu tun hat. Es geht vielmehr um den gewissen Farbtupfer im Leben, denn "Ich will rot" reimt sich ja auch auf "Ich will ein Leben vor dem Tod". Wohl dem, der's versteht. Verständigungsprobleme dürfte es beim topologisch-inhaltlich verknüpften Lied "B-Seite" nicht geben, wo sich Dr. Jekyl bei Mr. Hide entschuldigt.
Daß Rio vor nichts zurückschreckte, wenn es ihm gefiel, zeigt die Live-Darbietung des Kajagoogoo-Popsongs "Too Shy" oder auch seine eigenwillige Interpretation von "Ich bin müde", ein Song aus der co-produktiven Zeit mit Kollege Wolfgang Michels (Reiser-Reim auf Michels-Music). Hier verrät Rio, wie vielfältig man ein scheinbar nur überbrückendes "Ah" zwischen Strophe und Refrain ausleben kann.
Bei "Laß uns das Ding drehn" zuckt unweigerlich die Kniescheibe, beim letzten Song der CD zuckt es einen Meter weiter oben: "Over The Rainbow" - für mich das Highlight - sang Rio anno 1986 am Ende eines zweitägigen Festivals gegen das Atom-kraftwerk Wackersdorf. Diese Strapazen hört man seiner Stimme natürlich an, und man ist geneigt, ihm unauffällig ein "Rachengold" zuzuschieben. Trotzdem kann man mit Worten einfach nicht be-schreiben, was man da hört. Da ist sie wieder, diese Magie! Die letzte Silbe, die Rio singt, ist "by", klingt aber schmerzhaft wie "bye"...
Natürlich gibt es auf der zweiten Piano-Edition auch wieder Monumente der Ton-Steine-Scherben-Zeit, wie den Klassiker "Rauch-Haus-Song" oder der skurrile "Sumpf Schlock", beide - wie auch der "Shit-Hit" - in Live-Versionen von 1983. Selbst der "Arbeitslosenreggae" gehört zu der Scherben-Ära. Er entstand bereits 1976 in des Bruders Badewanne für einen Film des Badewannen-Besitzers Gert C. Möbius und erschien 1983 auf dem Album "Scherben" als "Mole Hill Rockers". Da nun das Klavier nicht unbedingt ein typisches Reggae-Instrument ist, erklärt Rio zu seinem "ufftata"-Spiel: "Is'n Reggae!"
Wie schon auf "Am Piano I" fanden auch auf der Fortsetzung Songs von Rios Vorbildern einen würdigen Platz: "Gimmie Shelter" von den Rolling Stones und "This Boy" von den Beatles, wobei letztgenannter Song an Intensität nicht zu übertreffen ist. Das gilt auch für das sentimentale Marlene-Dietrich-Lied "Auf der Mundharmonika". Da klappert einem schon die Herzklappe.
In der Gesamtbetrachtung ist die zweite Piano-CD mehr als die erste für den Hörer, der Rio Reiser posthum noch entdecken und erfahren will. Für den langjährigen Fan sind zumindest seltene Versionen bekannter Stücke unauslöschbar und unverwüstlich digitalisiert, und ein paar neue Schätze gilt es ja auch zu heben.
Das Booklet ist diemal weniger persönlich, dafür sehr informativ, also eher nach dem Motto "Fakten, Fakten, Fakten und immer an den Hörer denken" und vor allem die Musik, Rios Stimme und sein geliebtes Klavier, für sich sprechen lassen. Mehr bedarf es gar nicht!
Das Cover, außen dunkelrot mit fotoechtem Ölgemälde eines sommerlichen Reisers gemalt von Julika Matthess, und innen mit handschriftlichen Songtext-Auszügen, sowie unveröffentlichten Rio-Fotos in typischen Situationen, ist in seiner Funktion als "CD-Kartonträger" eine bald schon traditionelle Hommage an Rios Vater, der dieses geniale Faltspiel erfand, das einen förmlich dazu zwingt, sehr liebevoll mit dem Exemplar umzugehen.
Auf jeden Fall ist es den Produzenten gelungen, was man sich laut Presse-Info vorgenommen hatte: "in der öffentlichen Wahrnehmung die Lücke zu schließen, die es praktisch nicht gab" und damit "den ganzen Regenbogen" zu zeigen.
Doch bis zum Ende des Regenbogens, irgendwo hinterm Horizont der Unendlichkeit, werden uns hoffentlich noch weitere Veröffentlichungen aus Rio Reisers Nachlaß beglücken.
[Regina Sommerfeld für German Rock News 8]


Live in der Seelenbinder-Halle, Berlin / DDR, 1988 (1999, Möbius Rekords) Gerne erinnere ich mich an den Abend im Oktober 1988, als ich gebannt vor dem Fernseher saß und das schwarz-weiß Programm von DDR-TV verfolgte. Nur wenige hundert Meter entfernt und doch durch eine Mauer getrennt stand Rio Reiser auf der Bühne und verzauberte ein "neues" Publikum. Auf Einladung der FDJ durfte er als einer der wenigen westdeutschen Künstler sozialistischen Boden betreten. Ein politisch brisantes und kulturell hochwertiges Ereignis, das damals vom Jugendsender DT64 mitgeschnitten und gesendet wurde, sowohl im TV als auch im Radio.
Dank des Rio-Reiser-Archives kam im Dezember 1999 jenes Konzert im Superpack - Doppel-CD und Video - heraus und konnte einmal mehr beweisen, was diesen Ausnahmemusiker ausgemacht hat: Mit kraftvollen Songs und intensiver Präsentation zieht er sein Publikum sofort in den Bann. Der Sound ist gut, die Stimme auch - Rio wächst live über sich hinaus und wirkt auch heute noch "lebendig".
Gerade aus heutiger Sicht spielt der Zeitbezug eine essentielle Rolle: Viele Lieder bekommen eine andere, neue Bedeutung, dessen sich Rio damals sicherlich bewußt war. Allein das Konzert mit dem Gassenhauer "Alles Lüge" zu beginnen - und alle singen sie den Refrain mit - um kurz darauf in "Blinder Passagier" zu tönen "Das Ziel unserer Reise ist nicht weit von hier", hat fast schon prophetische Tendenzen. Das hört bei "Menschenfresser" und "Bis ans der Ende der Welt" nicht auf.
Im Publikum ertönten die ersten "Scherben"-Rufe, was Rio erst zu einem "Auch das noch ..." veranlaßte. Doch dann kamen die Klassiker: Songs, die in der DDR verboten und dennoch bekannt waren. "Jenseits von Eden" kommt kochend heiß rüber, die Schuhe fliegen samt Socken in die Ecke und die Meute bebt. "Keine Macht für Niemand" durfte er nicht singen, was ihn fast reizte es doch zu tun. Er ließ es - schließlich standen Ton Steine Scherben nicht nur für plakative Polit-Songs.
Nach diesem ersten Power-Block gönnt der Künstler sich und seinem Publikum eine Ruhephase mit alten und neuen Balladen wie "Halt Dich an Deiner Liebe fest", "Zauberland" oder "Für immer und Dich". Die Gitarren-Soli vom langjährigen Partner R.P.S. Lanrue sind astrein und gehen genauso unter die Haut wie Rios zärtlich-traurige Texte.
Rockig geht's weiter mit "Laß uns 'n Wunder sein", "Gib mir was ab" und "Manager" bis hin zum ersten Highlight: "König von Deutschland" begleitet von einem überzeugten Chor, der Rio so mitreißt, der er sich prompt versingt, aber ganz Profi kurz lacht und sofort wieder den richtigen Einstieg findet. Während des Übergangs zum nächsten Hit-Song stellt er voller Inbrunst seine erstklassige Band vor: Jochen Hansen (Baß), Toni Nissl (Drums), Manuel Lopez (Gitarre), R.P.S. Lanure (Gitarre) und Christian Schneider (Keyboards). Das Konzert endet - vorerst! - wie schon so oft davor mit "Junimond" und einem echt gefühltem "Bye-Bye". Nach einem fast gehauchtem "Tschüß" küßt Rio Reiser das Mikrophon als ob sich alle Münder, die den ganzen Abend lang jede Zeile mitsangen, ja mitlebten, in diesem Moment dort vereinen. Im Saal tobt und trampelt es! Daß hier tontechnisch ausgeblendet wird, ist gut & sinnvoll, denn die CD bietet nun, was das Video nicht zeigt, weil die Verantwortlichen von 1988 ihre Zensur gleich so perfekt ausübten, daß sie die herausgeschnittenen Passagen nicht aufhoben.
Die erste Zugabe ist zugegebenermaßen ein Diamant: "Der Traum ist aus" - so ergreifend, wie man es noch nie gehört hat! Da singt einer, was 6000 versammelte Menschen denken und fühlen. Denn wenn es ein Land auf der Erde gibt, wo der Traum Wirklichkeit werden kann, dann sind sich alle sicher: "Dieses Land ist es nicht!" Und das gilt damals wie heute grenzüberschreitend. Es sind ja auch nicht nur diese tausende von Seelen, sondern viel mehr Visionäre. Es folgen die nicht minder aussagestarken Songs "Wann" (mit treibendem Beat), "Normal" und der "Arbeitslosen-reggae", bis allem in einem seltenen Duett gipfelt: Lutz Kerschowski, der 1988 mit seiner Band das Vorprogramm bestritt, und Rio Reiser lamentieren über den "Heißen Sommer", wobei Rio in englisch (?) singt und Lutz in Deutsch.
Video und CD unterscheiden sich abgesehen von inhaltlichen Kürzungen vor allem im Sinnestaumel: Wo das eine eben primär optisch anspricht, setzte das andere Medium akustische Stigmen. Rio überzeugt hier wie da, war live einfach unser stärkster Deutschrocker.
Das Booklet zur CD enthält Hintergrundinformationen erster Güte von Rainer Börner (derzeit der Organisator des Konzertes), Lutz Kerschowski und Rios Bruder Gert Möbius. Das Video ist zwar in Farbe und von guter Qualität, hat aber in seiner Originalität und Authentizität einen sehr ostalgischen Charakter. Es ist ein Zeitdokument, auf das Reiser- und Scherben-Fans lange gewartet haben.
[Regina Sommerfeld]


Rio Reiser - Junimond: Die Balladen (2000, Sony / Columbia COL 498889 - 2)
Ich weiß nicht, ob ich mich über diese CD freuen oder ärgern soll.
1996 erschien - ebenfalls bei Sony - schon mal eine Balladen-CD von Rio Reiser, die sich jedoch schlecht verkaufte. Nun hat man die Songreihenfolge geändert, ein paar Titel ausgetauscht, ein stimmigeres Cover gewählt und das ganze im Juni 2000 veröffentlicht. Doch das sind sicherlich nicht die ausschlaggebenden Elemente, dass sich die neue CD gut verkauft und sogar in den Top-100-Charts ist.
Hier waren berechnende Strategen am Werk, die den Erfolg der Gruppe Echt mit ihrem Reiser-Cover Junimond aufgriffen und für sich nutzten. Natürlich möchte man bei jeder Cover-Version auch einmal das Original hören, und wenn dann so eine CD im Regal steht und als Bonustracks auch noch die bekannten Rio-Reiser-Hits Alles Lüge und König von Deutschland enthält (beileibe keine Balladen!), dann vernimmt der suchende Käufer ein lautes "Kauf mich! Kauf mich!" und greift zu.
Das ist im Grunde der erfreuliche Aspekt der CD: Junge Fans werden somit an die Musik von Rio Reiser herangeführt und lernen einen Songpoeten erster Güte kennen. Schaden kann das bestimmt nicht!
Dennoch ist der Balladen-Sampler eher lieblos gestaltet. Das magere Booklet enthält nur eine unvollständige Sony-Discographie (das RR-Meisterwerk Himmel & Hölle fehlt!) und fehlerhafte Standard-Fakten zu den einzelnen Songs (Der Junge am Fluss ist nicht von 1997, sondern 1995!). Noch nicht mal die Lebensdaten des Künstlers werden erwähnt. Schwach, wirklich sehr schwach!
Was bleibt, ist einzig uns allein die ergreifende Musik, Texte voller Liebe, Hoffnung und Sehnsucht, sowie die intensive Stimme von Rio Reiser. Wie gut hätte hier als Bonustrack die bisher unveröffentlichte Ballade Herz verloren gepasst und gewirkt ...
Nun, für Sony ging die Rechnung auf, aber ich weiß immer noch nicht, ob ich mich über die CD freuen oder ärgern soll.
[Regina Sommerfeld]
TON STEINE SCHERBEN & RIO REISER: Auswahl I - Klassiker & Raritäten (2001, East West records GmbH 8573-86256-2)
Anlässlich des 30 jährigen Jubiläums der Deutschrock-Legende Ton Steine Scherben gibt es ein eindrucksvolles Wiederhören mit einigen bekannten & beliebten Songs der Band. Das Album erschien erstmals 1981 unter dem Titel Rock in Deutschland Vol. 3 als erste und bis heute einzige Best-Of-Compilation der Scherben überhaupt. Es war die harterkämpfte Ernte einer geduldigen und mühevollen Saat, die Wolfgang Michels als Freund der Scherben setzte, um der finanziell desolaten Band endlich einen anständigen Plattenvertrag mit Telefunken bzw. Teldec zu ermöglichen. Zwei Jahre später erschien das gleiche Konzept, das von Michels und den Scherben gemeinsam erarbeitet worden war, als Auswahl I - 1970-1981 und wurde für unzählige Hörer eine Einstiegsdroge in die Welt der ehrlichen, kraftvollen und emotionalen Songs von Ton Steine Scherben. Die LP verkaufte sich sehr gut, so dass die Plattenfirma East West, die Teldec mittlerweile übernommen hatte, im Zuge des CD-Booms 1990 die große Vinylplatte als kleine Silberscheibe herausbrachte. Doch der Sound war schwach, viel zu leise für die nicht nur in akustischer Hinsicht lauten Statements. Zudem war das Beiheft zur CD, welches diesen Titel gar nicht verdient, extrem lieblos. Erst zehn Jahre später bekam der richtige Mann die Chance, das Album mit einer kleinen Auswahl von großen Songs zu überarbeiten. Es war erneut Michels, selbst Musiker, Texter und Komponist, der die Original-Bänder digital remastern ließ und ein ordentliches Booklet mit Scherben-Story, seltenen Fotos und allen Songtexten für selbstverständlich hielt.
Am 12.2.2001 erschien die CD mit vielen Extras: Dass nun auch der Name Rio Reiser auf dem Cover auftaucht macht Sinn, denn noch immer wissen viele Leute nicht, dass er - der spätere König von Deutschland - einst der Frontmann, Sänger und Texter dieser einmaligen Musikgruppe war. Das CD-Layout erinnert an die erste Scherben-Single Macht kaputt, was Euch kaputt macht (1970) und wenn man die CD herausnimmt, sieht man Scherben bevor man sie hört, denn die innere Rückseite ist hinterlegt mit dem bekannten Poster einer zerspringenden Scherben-Single. Tolle Idee! Die schönsten Extras sind jedoch drei Bonustracks am Ende der Original-Titelfolge, welche dokumentieren, wie die Geschichte weiterging.
Das Album beginnt mit den Live-Aufnahmen von Warum geht es mir so dreckig (1971) und Mein Name ist Mensch von 1970 in einer Demo-Version, die in einer Berliner Turnhalle aufgenommen wurde, was vor allem dem Gesang eine spezielle Akustik verleiht. Aber auch das Solo vom Gitarren-Genie R.P.S. Lanrue hat etwas besonderes.
Mit Humor und reichlich Ironie verpackte Gesellschaftskritik und politische Aussagen präsentieren Lieder wie der Rauch-Haus-Song und Guten Morgen, letzteres sollte man unbedingt bis zum allerletzten Ton hören. Sie gehören zu den Klassikern, ebenso wie die geballte Hoffnungs-Power Wenn die Nacht am tiefsten und die Ballade gegen Depressionen Halt Dich an Deiner Liebe fest, beide aus dem Jahr 1975.
Echte Raritäten sind die beiden ersten Songs von Ton Steine Scherben, die sie 1970 aufnahmen und eigenhändig vertrieben: Macht kaputt, was Euch kaputt macht beginnt mit einer bedrohlichen Tonfolge, die einem das Blut in den Andern gefrieren lässt - a-e-es-h-d-c! Mit diesem diabolischen Riff und der Beschwörungsformel im Refrain setzten sie ihr Konzept von der Musik als Waffe um und lieferten den Soundtrack für eine ganze Generation in ihrer Unzufriedenheit mit der Gesellschaft. Die B-Seite dieser Single hieß Wir streiken und war ebenfalls Programm.
Einen kleinen Eindruck des skurrilen Scherben-Albums IV (Die Schwarze) vermittelt das KribbelKrabbel-Leid eines Mannes.
Das Original-Album endet mit einer neu eingespielten Version des wohl größten Parolen-Hits der Scherben Keine Macht für Niemand, das 1981 frecher und härter klang als 1972. Im neuen Soundgewand von 2001 ist es derart dynamisch, dass man dem Song seine zwanzig Jahre absolut nicht anmerkt.
Es ist schon ein krasser und sicherlich bewusst eingesetzter Gegensatz, wenn man nach diesem Rocker einen traurig-trotzigen Rio Reiser alleine am Piano hört. Seine B-Seite ist eben genau diese seiner ersten Solo-Single Dr. Sommer von 1984. Das ist ein für jene Zeit sehr moderner Song mit mehrdeutigem Text. Auch wenn er damals floppte, so ist er aus heutiger Sicht um so typischer für Rio und in Fankreisen ein viel gesuchtes Objekt der Begierde. Nun können sie sich zurücklehnen und genießen ...
Doch bevor er diesen Schritt in die Solo-Karriere wagte, nahmen Ton Steine Scherben 1982 ein Demo auf, das erst 1998 musikalisch vollendet wurde - Auf fremden Pfaden und da "kommen Gefühle in endlosen Schübe, von drüben, von ganz weit her" ... Selten hat man Rio Reiser so intensiv und intim hören dürfen. Da atmet einer in tiefen Zügen, der rein physisch nicht mehr atmen kann, und die Scherben-Musiker spielen dazu wie in Trance.
Die "neue" Auswahl I ist nicht nur für bekennende Scherben-Fans, wie es die Autorin ist, eine blanke Freude, sondern vor allem für zweifelnde oder neugierige Gemüter, die mit der Agitrock-Band der 70er Jahre bisher nichts anfangen konnten. Die Reaktionen in der Presse und im Handel sind überwältigend positiv, was nicht zuletzt an dem Wahnsinnssound und der guten Aufmachung liegen dürfte. Als persönliche Schlussbemerkung: Vielen Dank an den bescheidenen Produzenten dieser meisterhaften Neu-Auflage meines ersten Scherben-Albums!
[Regina Sommerfeld]
Himmel & Hölle (2002, Möbius Rekords 0193-2 / Buschfunk-Vertrieb 2002)
Als Rio Reisers sechstes Solo-Album Himmel & Hölle im Frühjahr 1995 erschien und nur wenige Monate später mangels guter Verkaufszahlen von seiner Plattenfirma Sony gestrichen wurde, ahnte niemand, dass dieser Tonträger die "letzte zu Lebzeiten veröffentlichte" CD des Ausnahmekünstlers sein würde. Und was für eine CD! Die Erstveröffentlichung fand in den Fachmedien keine Resonanz. Später erkannte man erst die wahre Größe - zu spät.
Himmel & Hölle ist ein komplexes Werk mit Einflüssen aus Musiktheater- und Filmprojekten, mit Besinnung auf traditionelle Rockmusik und sehr viel Mystik. Die düsteren Texte sind durchzogen von Trotz, Phantasie, Verzweiflung, Kampfeslust und immer wieder Liebe - Themen, die keiner so emotional aufgriff und wortgewaltig umsetzte wie Rio Reiser. Es geht um die Fragen "wer nun richtig falsch war und wer echt" (Straße) oder "wer von uns weiß, wer seine Freunde sind" (Träume) oder aber ganz rhetorisch "vielleicht ist niemals schon morgen vorbei" (Hoffnung). Große Bilder werden subtil gezeichnet, Visionen beschrieben und Dramen inszeniert: "Ich tanz gern auf dem Seile" singt Rio durchaus autobiographisch und "will barfuss durch die Hölle gehen" (Gefahr).
Die musikalisch sehr dichte Produktion entstand ohne die frühere Tourband, sondern mit den bewährten Studio-Musikern Curt Cress, PeterWeihe und Ken Taylor. Erdiges Schlagzeug und bissige Gitarren (Irrlicht, Streik) wechseln sich ab mit mittelalterlichen Schellen und orientalischen Flöten (Eislied, Der Junge am Fluss).
Möbius Rekords, das Label für Rio Reisers Nachlass, hat sich entschieden, das Originalcover / Booklet nur als Begleitheft beizulegen und als Titelbild ein trauriges Schwarz-Weiß-Foto des Künstlers als neues Cover zu verwenden, damit klar wird, dass es sich um eine "neue" CD handelt. Die Verpackung ist die schon kultige Erfindung von Rios Pappherr Herbert P. Möbius, ein liebevolles Knick- und Faltspiel. Bonus-Tracks, wie bei Wiederveröffentlichung eigentlich üblich, gibt es keine, jedoch einen wunderbaren Promo-Text, den Rio selbst anno 1995 verfasst hatte und der bisher nur im Internet zu finden war.
Seit dem 28. Januar 2002 ist die CD Himmel & Hölle als Lizenzproduktion "mit freundlicher Genehmigung von Sony Music Entertainment" wieder im Handel erhältlich und jeder kann hören, womit sich Rio Reiser mehr als ein Jahr vor seinem viel zu frühen Tod beschäftigt hat, Songs, in die er viel Herzblut investiert hatte...
[Regina Sommerfeld]
Herzverloren (2002, HOM 672422 2)
Aus Rios Album Durch Die Wolken stammt der Titel Herzverloren. Gleich vier Versionen des melancholischen Stücks finden auf der Single. Der Text stammt von Rio Reiser und für die Musik ist Wolfgang Michels (ex Percewoods Onagram) verantwortlich.
Mit dem Thema des Songs sind wir alle vertraut, und jeder wird dabei etwas Anderes empfinden, gute und hoffentlich wenige schlechte Erfahrungen gemacht haben. So sprechen die verschiedenen Versionen von Herzverloren denn auch den Hörer unterschiedlich an.
Die Radio-Version fällt für meinen Geschmack etwas zu schmalzig aus. Flockiger und spritziger der Flash & Gordon-Remix, mein persönlicher Favorit. Dr. Dan's Praxis-Remix ist wunderschön klassisch angehaucht. Etwas für Schmusestunden bei Kerzenlicht, Opium-Duft und einem Glas schweren Rotwein. Die Beat-Version/No Strings gleicht der Radio-Version, nur eben ohne Gitarre. Rios Stimme kommt hier besser zur Geltung und prägt den Titel. Es geht auch mit wenig Aufwand wenn man die Klasse eines Sängers wie Rio besitzt.
Leider kann er die Veröffentlichung der Scheibe nicht mehr erleben. Freuen kann sich aber wenigsten Michels über diese gelungene Zusammenarbeit.
[Rita Mitzkatis]


© 1998, 2003 german rock e.v.
- 29-September-2002 -