17/2002
Angefangen hat es mit dem Entschluss von vier Jungs im Alter von 15-16 Jahren, es genauso gut zu machen, wie die Stones, die Kinks, die Who oder die Beatles.
"Wir standen von dem Musikgeschäft Platz in Mannheim, der für uns unerschwingliche Fender Telecaster und Ludwig-Drums im Schaufenster anbot und träumten davon, wie denn das so sein wird, wenn wir erst mal berühmt sind. Da kommt ein, für uns damals uralter Mann von mindestens 40 Jahren und meint: "So wie die "Bettlers" müsst ihrs machen, dann werdet ihr Millionäre." Da ging man dann in den Schulferien in die Brauerei an die Flaschenspülmaschine oder als Dachdeckergehilfe oder was weiß ich noch alles, was es damals in den Ferien zu tun gab. Stundenlohn zwischen zwei und vier DM. Davon wurden dann gebrauchte Gitarren und Drums angeschafft. Wer welches Instrument spielen sollte war rasch entschieden, da man ja ohnehin nicht wusste, wie es zu handhaben war. Aber da gab es ja Grifftabellen und Leute, die neben dem Twist auch noch den "Soulschlag" auf den Drums konnten.
Die vier aus Liverpool und viele andere vier oder fünf hatten uns gezeigt, dass es möglich schien gemeinsam als Freunde etwas auf die Beine zu stellen. Eine Perspektive über eine Lehre als Bankbeamter oder Technischer Zeichner hinaus, eine Chance, einer vielleicht etwas aufregenderen und unsicheren Zukunft entgegenzuleben, als es sich unsere Eltern für uns gewünscht hatten."
Das waren dann die Graves, die es von 1965 bis Anfang 1966 gab.
Walter Seyffer gründete Nine Days’ Wonder im Jahre 1966. Die Band spielte wie die meisten Gruppen jener Zeit Hitparadenmaterial. Aber die Auswahl bestand aus den härteren Varianten, wie zum Beispiel My Friend Jack von Smoke. Dieser Titel brachte ihnen beim Beatbandwettbwerb 1967 im Mannheimer Rosengarten die ersehnte Aufmerksamkeit in der Szene. Eine derart "unmusikalische Art" die Gitarre mit dem Plektron zu "vergewaltigen", war zu dieser Zeit Grund genug für die Jury, die Gruppe vom Wettbewerb zu disqualifizieren. Die Folge waren stundenlange Ausschreitungen vor dem Mannheimer Rosengarten. Die Fans wollten die Band die für ihre Begriffe völlig aus dem Rahmen fiel auf Platz Eins sehen. Nine Days’ Wonder wurde die härteste Gruppe der Region und war immer für eine Überraschung gut. Eine davon war das "Staubsaugersolo", ein kleiner Exkurs in die Welt der Aktionskünstler, wie man heute so schön sagen würde. John "Irish" Earle stellte dazu sein Saxophon zur Seite und bearbeitet mit einem saugkräftigen Hoover-Klopfsauger die Bühne, bis sie nicht nur sauber sondern auch rein war. Unterlegt waren die Klopf- und Sauggeräusche mit einem frei improvisierten Klangteppich, der bei dieser Gelegenheit auch gleich mitgereinigt wurde......
Danach folgten Eigenkompositionen und diverse Personalwechsel. Bis zum Frühjahr 1970 "waren gut und gern 20 verschiedene Musiker dabei" (Seyffer). Dann bestand die Gruppe aus: Walter Seyffer (Vocals und Drums), John "Irish" Earle aus Irland (Sax, Flöte, Gitarre), Rolf Henning (Gitarre, Piano), dem Österreicher Karl Mutschlechner am Bass und dem englischen Drummer Martin Roscoe.
Einen authentischen Eindruck wie es in jenen Zeiten innerhalb der Band aussah, vermittelt uns ein Gesprächsmitschnitt (Es handelt sich um einen nahezu unbearbeiteten Textmitschnitt des Gesprächs, der im Original über 36 Seiten lang war.) vom 9.Januar 1998. Bei der Gesprächsrunde, die bis in die Morgenstunden dauerte waren dabei: Walter Seyffer, Michael (Freund und Roadie), Ravi (Bernd Unger), Dietrich (Studienkollege von Walter) und Olli (langjährige Mitbewohnerin). In dieser Story werden immer mal einige Auszüge daraus zitiert. Zum Verständnis: Es gab zwei Häuser in der Mannheimer Amerikanerstraße. Zuerst ein Haus in der Amerikanerstr. 41 in dem Nine Days’ Wonder zuerst gelebt hat und dann kurz danach ein weiteres Haus in der selben Straße mit einer Kneipe, die "Bayrisch Zell" hieß. Dort haben sie dann ein offenes Haus eingerichtet...........oder besser gesagt, einfach die Tür nicht abgeschlossen.
Dietrich: Ich glaube ich habe noch ein paar Fotos von irgend so einem Konzert, ich glaube das war im Nationaltheater?
Olli: Agit?
Walter: Wow!!
Michael: Das war mein erstes Nine Days’ Wonder -Erlebnis.
Walter: Das waren Guru Guru, Amon Düül Il und Nine Days’ Wonder.
Michael: Gab’s eigentlich irgendeine Gruppe, die Camel hieß?
Walter: Ja
Michael: Oder Caravan? Haben die da auch mitgespielt? Xhol Caravan!
Olli: Von denen haben wir doch den Dudelsack gekauft.
Walter: Was für eine Nine Days’Wonder-Besetzung war denn das?
Michael: Das war Winni, Walter, Ravi, Rolf
Olli: Da ist das Nationaltheater gestürmt worden, wir sind kaum noch hinten reingekommen, weil so viel gesagt haben sie wären die Band, nach hundert Musikern haben die dicht gemacht. Da wollten sie uns nicht mehr reinlassen.
Walter: Da waren auch tausend Leute noch vor der Tür gewesen.
Ravi: Ist das eigentlich eine Verklärung oder war das wirklich so?
Olli: Nein, das stimmt.
Im Dierks-Studio wurde dann 1971 das legendäre grüne Album aufgenommen. Produzent war Peter Hauke von Bacillus-Records. Beim Originalcover handelt es sich um die berühmtgewordene grüne Nine Days’ Wonder Schaumstoffhülle, ein unter Sammlern heute ziemlich heißbegehrtes Objekt. In England erschien das Album bei Harvest mit einem von Hipgnosis gestalteten Cover. (Dieses "Fisch-Cover" wurde, nachdem Bacillus-Records von der Firma Bellaphon aufgekauft worden war, von Bellaphon übernommen, da angeblich die Kosten zur Fertigung des Schaumstoff-Covers zu hoch waren.) Bei der nun neuveröffentlichten CD entschied man sich für eine Mixtur aus Schaumgummi-Cover und dem Foto aus der Innenseite der Platte.
Es war dies wohl die ausgefallenste Scheibe, die man aus deutschen Landen hören konnte. Ein irrer Mix mit Einflüssen von Zappa, King Crimson, Van der Graaf Generator, Soft Machine und dem Free Jazz. Hier wurde hörbar improvisiert und kuriose Ideen kurzerhand mit in die Musik eingebaut. So entstanden atemberaubende Tempiwechsel mit geradezu slapstickhaften Gesangseinlagen und Texten. Die Textzeile "This is the morning spirit of the morning after all" zum Beispiel wurde gerade bei den norddeutschen Jugendlichen Kult. Der Gesang, die irren Variationen dieser Zeilen und das für jeden rauchenden, trinkenden und reichlich f... Youngster nachvollziehbare Feeling am Morgen danach wirkte wie Balsam. Das war die einzig passende Musik dazu. Laut und mindestens eine halbe Stunde lang. Dann war man wieder ruhig und friedlich im Diesseits!
Das Musikmagazin Sounds sah das Ganze so:
Das Debütalbum von Nine Days’ Wonder bringt eine Art von Musik, die ich bisher noch von keiner anderen deutschen Gruppe gehört habe. Jede Seite umfasst ein kürzeres und ein langes Stück, das sich jeweils in mehrere ineinander übergehende Titel gliedert. Das Ganze wird mit großer technischer Brillanz, vielleicht einem Hang zum Perfektionismus, vorgetragen. Man merkt deutlich, dass die Musik sehr stark festgelegt, arrangiert und nüchtern kalkuliert ist. Darin, wie auch in der Verwendung der Sprache, zeigen sich gewisse Parallelen zu den Mothers. Nine Days’ Wonder ist instrumental sehr ausgeglichen besetzt. Ausgezeichnet gefällt mir die Rhythmussektion, die gelegentlich durch den Sänger und Gruppengründer Walter Seyffer um ein zweites Schlagzeug erweitert wird.
Nine Days’ Wonder wurden 1970 für eine Woche in den Hamburger Star Club verpflichtet. "Wir haben in diesem, zu dieser Zeit bereits mächtig ausgelutschten Club gespielt, kurz bevor er dann entgültig zum Salambo umgebaut wurde.
Es war ungefähr die selbe Ackerei, wie es von den Beatles berichtet wird. Sechs mal 40 Minuten abwechselnd mit einer anderen Band bis zum Morgen. Aber in den ehemals heiligen Hallen zu spielen (In den Spindtüren der Garderobe waren großkaliberige Einschusslöcher) war für die Pfälzer Buben so eine Ehre, dass sie wahrscheinlich das Ganze für umsonst gemacht hätten. Es war ja auch fast so. Nebenan im Kaiserkeller spielte eine Gruppe, die gerade einen Hit hatte: Pictures Of A Matchstick Man. Das waren Status Quo, die ab und zu mal reinschauten."
Nine Days’ Wonder gastierten 1971 in der Schweiz, Österreich und Jugoslawien und traten in Jour Fix und Treffpunkte vor Fernsehkameras.
Walter: Wir hatten diesen Borgward-Bus, mit dem sind wir nach Jugoslawien gefahren. Kurz vor Wien haben wir alle einen Trip eingeworfen, das ist bis auf den heutigen Tag meine einzige Erinnerung an Wien geblieben. Sonntag morgens um sechs Uhr total abgefahren auf LSD. Wir am Prater vorbei und dieses Riesenrad gesehen.... und dann mit dem Borgward über diese Berge nach Umag. In Umag hatten wir einen Gig in einem Touristenhotel.
Michael: Was das für Touristen sein mussten.
Walter: Da sind wir hingefahren und das Touristenzentrum war noch nicht fertig. Da stand nur der Rohbau und wir standen vorne dran. Doch es hieß es das wäre ja nicht schlimm, da wäre ja noch dieses alte Etablissement. Da sind wir dann hin, haben die Anlage aufgebaut. Man muss sich das vorstellen, da saßen die ganzen Touristen und haben Mittag gegessen. Und der Irish: "Keep on bangin´ away!" Voll drauf. Denen ist selbst das Wasser im Hals steckengeblieben. Wir haben ungefähr eine halbe Stunde gespielt, dann wurden wir höflich aufgefordert doch aufzuhören. Wir würden auch unsere Gage kriegen und ich weiß, wir haben soo ein Bündel Geld gekriegt.
Olli: Das war es ihnen wert.
Walter: Und wir konnten das Geld nicht umtauschen, das war nicht umzutauschen. Also, was haben wir gemacht? Wir sind einen Tag länger geblieben und an diesem einen Tag haben wir dieses Geld verprasst. Gesoffen was nicht weglief und auch sonst so alles, was man sich vorstellen kann und dann sind wir auf dem Rückweg in die Wiener Neustadt gefahren zum nächsten Gig. Das hat damals alles der Peter Hauke gebucht, das lief alles über Popo-Management.
Michael: Ach du Scheiße.....
Walter: Ja, Po Po, da war ziemlich viel am Arsch! Dieser Laden war gut besucht, da der Topact Golden Earring war. Obwohl wir Vorband waren sind wir unheimlich gut angekommen, ich kann mich noch erinnern, dass das ein toller Gig war. Richtig klasse, das hat Spaß gemacht und am Schluss kam der Veranstalter und hat gemeint: Ja, es stünde leider schlecht um die Kasse, es wäre nicht genug reingekommen und er könnte uns nicht bezahlen. (Wobei Golden Earring natürlich nur auf Vorkasse gespielt hatten). Ich weiß noch wie der Irish hingegangen ist, den Typen mit einer Hand am Kragen gepackt hat und mit der anderen seine Taschen durchsucht hat. Dann hat er ihm alle Taschen durchsucht und plötzlich war überall da ein Scheinchen und dort ein Scheinchen von diesem österreichischen Spielgeld. Dann hat er uns das Geld gegeben, hat ihn wieder auf beide Füße abgesetzt und wir haben uns in den Bus gesetzt und sind losgefahren. Das werde ich nie vergessen, das war so was von scharf, da habe ich wirklich gedacht, ich bin in einem richtig schlechten Edgar Wallace Krimi. Das war unsere große BalkanTournee.
Ich weiß auch noch, dass wir mal eine Tour gemacht haben nach Passau, da sind wir noch mit dem Borgward los. Bevor wir abgefahren sind wurde natürlich auch erst mal was getankt. Dann sind wir auf den Flughafen gefahren nach Frankfurt. Da durfte man ja noch draußen oben sitzen, später wurde das dann ja verboten wegen Anschlägen, da saßen wir alle und haben uns die Flieger angeguckt. Alle zu wie die Ratten da oben gesessen und total begeistert den Ufos nachgeguckt. Aber als wir dann weitergefahren sind nach Passau hatte ich so einen schlechten Trip, das war das letzt Mal in meinem Leben, dass ich was eingeworfen habe, ich habe gedacht ich verrecke. Und dann kommen wir in Passau an, nach dieser ganzen Nacht dieser ganzen Fahrt, und dann sagt dieser Besitzer von diesem lausigen Laden, hier wäre unser Zimmer und dann hat er uns in einen Kellerraum geführt und da waren ein paar verlauste Matratzen gelegen, manche waren sogar blutig und total versifft und das Wasser lief von den Wänden runter. Wir haben uns alle angeguckt und gesagt: OK!! Rumgedreht, in den Bus gestiegen und wieder heimgefahren. Das war unsere Passau- Tour.
1972 löste sich Nine Days’ Wonder für etwa ein Jahr auf. John Earle und Rolf Henning setzten sich nach England ab. Martin Roscoe stieg bei Twenty Sixty Six und später Aera ein, Walter Seyffer schloss sich der - ebenfalls in Mannheim ansässigen Band Medusa an. um im darauffolgenden Jahr mit inzwischen neuer Besetzung abermals im Dierks-Studio zusammen mit Peter Hauke ihr zweites Album We Never Lost Control aufzunehmen. Die Besetzung: Walter Seyffer (Vocals), Michael Bundt (Bass), Hans Frauenschuh (Gitarre), Freddie Münster (Sax und Keyboards) und Karl Heinz Weiler (Drums).
Im Dezember 1973 kehrte Rolf Henning in die Gruppe zurück und ersetzte Hans Frauenschuh. Fünf Monate später wechselte Nine Days’ Wonder erneut: Karl Heinz Weiler und Freddie Münster verließen die Band und machten für den Indonesier Sidhatta Gautama (Schlagzeug) und den Organisten Steve Robinson (bürgerlich: Rainer Geyer) Platz. Im September 1974 nahm die Band im Chipping Norton Studio (Oxfordshire) das dritte Album Only The Dancers auf, bei dessen Aufnahmen sie der Van Der Graaf Generator-Saxofonist Dave Jackson unterstützte. Vier Wochen später ging auch Steve Robinson wieder, Nine Days’ Wonder spielten seitdem in Quartett-Besetzung und hatten endlich wieder zum ursprünglichen Drive und der Dynamik des ersten Albums zurückgefunden.
Sounds analysierte die LP folgendermaßen:
Only The Dancers
........"Da gefällt mir die Nine Days’ Wonder-Hülle schon weit besser."
Er meint dies im Vergleich zur Karthago LP-Hülle (Anmerkung: Walter Seyffer)
"Während zwei Zahnbürsten -eine rote und eine blaue -verbogenverzückt zu den Klängen einer Jukebox tanzen, stürzt sich im Hintergrund ein Haufen haariger Kollegen wie die Lemminge ins Meer. Die rote Zahnbürste taucht dann als "The Dancer" auf dem Innencover im Kreise der derb maskierten Herren Musiker wieder auf. Ihr seht, die Jungs von Nine Days’ Wonder haben sich bezüglich ihres Plattentitels was einfallen lassen. Nur was? Ich komm’ und komm’ nicht dahinter. Das liegt an den Texten, die so verquast verquollen sich nur ein teutonisches Hirn hat ausdenken können. Meister Seyffer, der für die Worttiraden verantwortlich zeichnet, mag seine verbalen Ergüsse wohl für hinter- oder untergründig halten; ich halt sie eher für unterirdisch. So weit, so gut; kommen wir zur Musik. Nine Days’ Wonder tendiert zu einer verzwickt spannungsgeladenen Mischung aus Heavy-Rock und lyrischer, Jazz-angehauchten Passagen. Vor allem die Gäste Dave Jackson, Sax und Flöte, Steve Robinson, Keyboards, kommen bei Letztgenanntem gut zum Zuge. Ich mag die Musik (besonders die Nummer: Frustration), aber wenn ich dann den Texten lausche, dreht sich mir gelinde gesagt der Magen um. Schade."
POP meinte dagegen:
"Die exzentrische Mannheimer Formation, die in Frauengewändern, mit Ohrringen, Augen-Make-up und Schminke auftrat (Slogan: "Wir fühlen uns für beides zuständig: fürs Gehirn wie auch für die Gegend unter der Gürtellinie"), bestückte das LP-Werk mit "melodiösen Songs und kraftvollem Rock, der in die Beine geht".
"Dieses ganze Gefasel mit der Travestie und den übrigen aufgeblasenen nie stattgefundenen Events bei angeblichen Travestietreffen in Paris stammte hauptsächlich aus der Feder von Mike Bundt..... und er hatte ja auch nicht unrecht, über so was schrieben die Pressefritzen, ohne auch nur das Geringste nachzuprüfen. Wir machten uns einen Spaß daraus auf dem zweiten Album geschminkt und feminin in Bezug auf Bowies Originalcover von The Man Who Sold The World (We never lost control ist eine Textzeile aus dem Song The Man Who Sold The World )zu erscheinen. Es war ja die Zeit mit hohen Stiefeln und Glitzerzeug auf die Bühne zu gehen.... zumindest für ein paar Wochen.
Was das allerdings für eine Transvestitenvereinigung sein soll, die uns da eingeladen hat ist so eine "Notiz", die sich seit nun fast 25 Jahren beharrlich besonders in Ehnerts - an vielen Punkten recht oberflächlich recherchierten Rocklexikon - festkrallt, von dem wiederum die Nachwuchskräfte, "denn der Ehnert, der muss es ja wissen" - gerne abschreiben. Ich habe diesen Ehnert zu meiner Zeit nie irgendwo bei einem Gig gesehen. Vielleicht hat er immer einen großen Bogen um uns gemacht, aber scheinbar nicht nur um uns." (Aussage Walter Seyffer)
Die Gruppe erwarb sich den Ruf einer außerordentlich aktiven Live-Band. Es fand sich wohl kaum ein Ort in Deutschland, der von dieser Band und ihrem chronisch maroden Bandbus verschont blieb.
Es gelang ihnen damals eine Pressenachricht zu platzieren, in der es hieß, dass Nine Days’ Wonder dabei ist, ein Denkmal für Deutsche Rockmusiker zu errichten. Dargestellt sollten werden vier Musiker, die einen VW-Bulli anschieben. Auch so eine Nachricht, die im Laufe der Zeit sich so verfestigt hat, dass es tatsächlich noch heute Menschen geben soll, die danach fragen, wo den dieses Denkmal steht.
Michael: Ich kann mich erinnern, als Nine Days’ Wonder in München gespielt hat (Ein Gig mit Joe Walsh im Blow Up), das war einer meiner ersten Einsätze als Roadie. Da hatten sich alle schwer was verabreicht. Ich bin den ganzen Weg gefahren mit dem Opel Blitz bei Glatteis bis nach Mannheim und habe mich dann ins Bett gelegt und musste noch mindestens drei Asterix Bücher durcharbeiten, ich war so auf Druck, ich konnte überhaupt monatelang nicht mehr richtig schlafen.
Dietrich: Das war der einzige Borgward-Bus den ich in meinem Leben gesehen habe.
Michael: Nein, zu der Zeit war das hellblaue Opel-Blitz mit Lenkradschaltung. Hinten war die Anlage und vorne Bänke mit Tisch und so.
Walter: Mit dem hab ich mal die Rolling Stones ins Mannheimer Eisstadion gefahren, war so um 73 rum. Vornweg die Stone-Ladies im Bentley und ich hintendran mit Keith Richards und Mick Jagger, Mick Taylor, Billy Preston, Charly Watts, und Bill Wyman auf Matratzen sitzend im abgedunkelten Laderaum des Nine Days’ Wonder-Bus. Das Ganze war natürlich Top-Secret und nicht mal die eigenen Bandmitglieder wussten davon, dass mir der Veranstalter diesen Auftrag gegeben hatte. Kaum hatte ich den halben Weg von Hotel zum Eisstadion hinter mir, überholt mich der Rolf (Gitarrist bei Nine Days’ Wonder) und stellt sich vor mich quer, was so seine gängige Art war auf der Straße Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Grant, der damalige Tour-Manager der Stones saß neben mir, die Gruppe verborgen im hinteren Laderaum. Grant wurde total nervös und fragte mich aufgeregt: "Who´s that guy?" und ich sagte ihm, dass das ein Freund von mir sei und er sich keine Sorgen machen bräuchte. Rolf kommt zum Bus - hinten hupen schon die Autos - und meint in aller Seelenruhe: "Hey fährst du auch ins Stadion zu den Stones". Ich sag ihm, dass er bitte seinen Hintern in sein Auto bewegen soll und wenn er wolle könnte er hinter mir herfahren, als in diesem Augenblick Mick Taylor mit einem "What the fuck is going on here?" seinen Kopf aus dem hinteren Teil des Wagens nach vorn schiebt Rolf sieht Taylor und ich sehe einen Rolf der ansonsten niemand auf der Welt eine Antwort schuldig bleibt, total perplex und schweigend zu seinem Auto abschieben und brav hinter mir her fahren. Als ich an die Absperrung vom Eisstadion kam, ließen mich die Leute ohne Problem durch, viele kannten uns und riefen: Hey spielt ihr heute auch hier? Und ich konnte wahrheitsgetreu sagen, während ich ins Dunkel des Wagens hinter mir deutete: "Klar in einer halben Stunde sind die Jungs hier auf der Bühne."
England, Frankreich, Schweiz, Dänemark, Jugoslawien, hießen die Erfolgsstationen und dennoch haftete der Gruppe ein Umstand in schöner Treue an: mangelnde Verkaufszahlen ihrer LPs und zu geringe Gagen, um davon leben zu können (wer jemals das unverschämte Glück hatte, bei der Firma Bellaphon Records unter Vertrag zu stehen, kennt ihre formidablen Pro-Motionsleistungen und weiß ein Lied davon zu singen. Es wiederholte sich in schöner Regelmäßigkeit, dass, egal in welcher Gegend immer die Gruppe ihre Auftritte hatte, ganz bestimmt keine LP in einem der Plattenläden der Umgebung zu finden war).
Michael: Was gab’s denn damals so an Gagen?
Walter: Vor ein paar Jahren habe ich mal in meinem alten Kassenbuch nachgeschaut, da waren Hoechstgagen... so um die.....
Michael: fünf- bis sechshundert Mark?
Walter: Tausend Mark war die absolute Höchstgage, ansonsten bewegt sich alles zwischen vier- und achthundert Mark.
In jenen Jahren avancierte der Pleitegeier zum Wappentier der Band. Bedenkt man, dass es damals völlig ausreichend war, ca. 2000 LPs zu verkaufen, um eine Firma zum Weitermachen zu bewegen, kann man sich leicht vorstellen, dass lediglich die Gagen aus den Auftritten das Überleben der Band einigermaßen sichern konnten. Die häufigen Personalwechsel und die Instabilität innerhalb der Gruppe waren nicht nur das Ergebnis persönlicher Auseinandersetzungen, sondern auch stark geprägt durch den täglichen, zermürbenden Überlebenskampf.
Walter: Das ist auch eine schöne Geschichte. Berlin Sportpalast haben wir gespielt, da war Kraftwerk dabei, die alte Formation.
Ravi: Hießen die da schon Kraftwerk?
Walter: Die hatten sich gerade in Kraftwerk umbenannt, die hießen nämlich vorher noch .. ähh.. ach shit, aber zu der Zeit war das schon Kraftwerk. Und Florian Schneider-Esleben , und ich stehen an der Grenze, DDR-mäßig: "Nu, die Herren, was habn Sie denn da in ihrem Wagen drin? Wolln mer doch mal sehn was da ist." Und dann haben wir das Türchen aufgemacht und Kraftwerk haben neben uns gestanden und es hat gepisst wie die Sau. Der Grenzbeamte stand zwischen den Bussen. Wir öffnen die Ladetür und der gesagt: "Nu, was issn das das?" Und wir: "Lautsprecher!" "Och, des könns mir doch nich erzählen, dass des Lautsprecher sind, Lautsprecher sind doch nicht so groß! Da wolln mer doch mal guggen was da drin is. Da machens doch mal auf." Florian Schneider-Esleben und Walter Seyffer stehen im Regen und schrauben Lautsprecher-Boxen auf. Wir haben eine Marshall-Box raus geholt und die auch so irgendeinen Schrott. Als wir endlich die Rückwand weg hatten: "Tatsächlich, das sind Lautsprecher, na dann könnense wieder zumachen." Wir waren patschnass und die ganze Scheiße war ja auch im Regen gestanden. Das fand ich immer schon eine sehr schöne Episode! Damals bewiesen Kraftwerk und Nine Days’ Wonder zusammen im Regen an der Grenze dem Grenzer, dass in ihren Lautsprecher-Boxen Lautsprecher und keine Republikflüchtlinge sind.
Ravi: Ich weiß noch, dass der damals mit so einer Flöte rumgemacht hat die an so ein Echolett-Echo angeschlossen war. Wiederholungsphrasen.
Walter: Wir hatten auch mal einen Gig auf dieser legendären Waldbühne. Die hatten sie gerade wieder eröffnet. Jahre vorher waren doch da mal die Rolling Stones.
Michael: Da war es ziemlich verwüstet.
Walter: Ja, ein Riesenchaos. Bei dem Festival bei dem wir Jahre später auftraten, hat so ziemlich alles gespielt, was man zu dieser Zeit so kannte. Wir hätten eigentlich am späten Nachmittag spielen sollen. Aber dann kam noch eine Gruppe vor uns und dann noch eine Gruppe und so weiter und so weiter.... das war ein chaotische Organisation und irgendwann sind wir zum Veranstalter gegangen und haben gesagt, dass wir noch nicht gespielt haben. "Na ja, dann seid ihr halt die Letzten." Und das war natürlich der absolute Hammer. So was habe ich so nie mehr erlebt mit Nine Days’ Wonder.
Michael: Topact!
Walter: Absoluter Topact auf der Waldbühne mit Riesenansage und wir saßen in dieser Garderobe drin. Das sind ja so komische Bunker. Ich hab gesagt: "Wisst ihr eigentlich was wir da machen? Dagegen ist das Herzberg Festival ein Clubgig! Wir sind heute hier Topact! Da draußen sind mehr als Zehntausend!" Der Irish hat einfach nur seine "Kanne" genommen und hat gesagt wie immer: "Bang it away!", ist raus gegangen und wir hinterher. Wir haben während des ganzen Konzertes "Standing Ovations" gekriegt. Es war unglaublich. Da hast du mal gesehen was das ausmacht der Topact zu sein. Wir haben damals aber auch diese unverschämte Selbstsicherheit gehabt. Ich meine, heute würde ich mir wahrscheinlich in die Hosen machen bei einer solchen Kulisse. Wir sind da einfach rausgegangen. "Bang it away!" Und dann ist das gelaufen und die Leute haben getobt, wir sind zurück-gekommen und wussten überhaupt nicht was geschehen ist. Aber wir haben auch an diesem Abend unser letztes gegeben.
Michael: Man muss aber auch sagen, dass der Irish das Selbstbewusstsein der Gruppe durch sein eigenes Selbstvertrauen ziemlich hochgezogen hat.
Die letzte Inkarnation - nach erneutem Personalwechsel - erfolgte im Sommer des Jahres 1975. Seyffer und Gautama arbeiteten von nun an mit Bernd Unger (Gitarre) - er hatte in den Endsechzigern bereits zu Nine Days’ Wonder gehört -, Peter Oehler (Gitarre), und Rainer Saam (Bass), an einem neuen Album, das von Christian Kolonovitz (Pianist von Andre Heller) im Europa Sound Studio produziert wurde: Titel der LP Sonnet To Billy Frost.
Bei Erscheinen des Albums im Jahre 1976, war die Reaktion eher verhalten. Wieder einmal ließ sich die Musik von Nine Days’ Wonder nicht in einer der gängigen Schubladen unterbringen. Möglicherweise lag es am zu "englischen" Charakter der Musik, dass diesem Werk nicht allzu viel Aufmerksamkeit zuteil wurde. Wohl zu unrecht, denn aus heutiger Sicht handelt es sich zwar nicht um das progressivste, bestimmt jedoch um das musikalisch und produktionstechnisch ausgereifteste Album der Gruppe.
Die Formation von Sonnet To Billy Frost war auch im August 1975 beim Rock-Festival in Witten zu sehen. Am 9. September trat die Band offiziell letztmalig live auf.
Walter: Erinnert ihr euch noch an Gunters (Manager von Nine Days’ Wonder 70-71) Ansage in Frankenthal: "Und während Nine Days’ Wonder nun ihre Anlage abbaut, baut bereits Smash hinter dem Vorhang ihre Marshall-Anlage auf.", Hinter dem Vorhang hat sich allerdings nichts abgespielt. Die kamen nämlich nicht an dem Tag.
Michael: Da gab es nur einen Hinterausgang.
Walter: Ja, da gab es einen großen Hinterausgang unseren Fluchtweg.
Olli: Das war das einzige Mal, wo wir alle gemeinsam mit der Kasse durchgebrannt sind, sonst hat das immer nur der Gunter gemacht.
Walter: Ich weiß noch, wie Olli in den fahrenden Wagen mit der Kasse reingesprungen ist, wir Tür zu und ab. Ich war der letzte, ich bin noch mal auf die Bühne gegangen...,
Michael: und hast ein Plektrum aufgehoben..
Walter: ...die Vorhänge waren zu. Unten saß das Publikum und hat gewartet. Ich habe diesen Vorhang bisschen aufgemacht.....
Olli: ...und da saßen die alle. Ganz brav!
Walter: Und dann habe ich hinten die Tür zugemacht, das hat so einen hohlen Schlag gegeben, alles leer hinter mir, dann die große Treppe runter, da habe ich noch gedacht: "Das geht nicht gut, das geht absolut nicht gut."
Ravi: Da hat man Angst gehabt, sich noch mal blicken zu lassen.
Walter: Ja und das tollste war, der Gunter ist ja am nächsten Tag zum Bürgermeisteramt hingegangen, um die Steuer zu bezahlen. Der Typ hat ja schon was draufgehabt, ist tatsächlich am nächsten Tag hin und hat mir erzählt, er wäre aus diesem Amt rausgekommen und dann ist ihm auf der gegenüber-liegenden Seite der Hausmeister von dieser Halle entgegen-gekommen, da hat er sich hinters Auto geduckt und hat auf Knien liegend beobachtet, wie der ins Amt reinging.
Michael: Bestimmt hat er die Steuer nie bezahlt.
Walter: Das kann natürlich auch sein.
Olli: Ich habe gehört, das Publikum hat in der Halle noch ewig lange brav dagesessen. Dann ist irgendwann mal jemand hoch-gegangen und hat den Vorhang zur Seite geschoben und stellte fest, dass da rein gar nichts auf der Bühne war. Kurz darauf ist der Hausmeister gekommen, hat den Vorhang ganz aufgemacht worauf alle ganz friedlich nach Hause gingen.
Michael: Und jeder hatte seinen Eintritt bezahlt?
Olli: Ha ja!
Ravi: Braves Völkchen.
Olli: Das Fiese war ja eigentlich, wir haben es ja vorher gewusst, dass Smash nicht kommen, die hatten ja morgens angerufen. Aber das Ding ist mit Smashplakaten angekündigt worden, ich kenne die Plakate noch, ausgerechnet die Gruppe, die auf dem Plakat abgebildet war kam nicht, das war nicht so, dass die dann einfach nicht erschienen sind.
Walter: Wir haben da gespielt und von vorn herein gewusst, dass der Hauptact nicht kommt
Nachdem das vierte Album keinen Anklang gefunden hatte, lösten Walter Seyffer und Bernd "Ravi" Unger Nine Days’ Wonder endgültig auf und brachten 1979 ihr erstes Album Wintergarden bei EMI-Electrola heraus - doch das ist eine andere Geschichte...
Walter: Das Problem war, dass es finanziell nicht haltbar war, ich meine, wir sind ja wirklich am Finanziellen zugrunde gegangen. Weil auf der einen Seite musstest du eine Anlage haben, und dich profilieren gegenüber den anderen Gruppen, auf der anderen Seite war kein Umsatz zu machen. Ich sage doch, zweitausend LP von der ersten verkauft.
Olli: War das damals üblich, ist das immer so gelaufen?
Walter: Wir hatten einfach das Pech, dass wir bei Bellaphon waren, Guru Guru zum Beispiel, die haben in diesen Zeiten schon Stückzahlen um die zwanzigtausend. Das war viel Geld damals, davon konntest du als Gruppe ja leben.
Michael: vielleicht lags auch am Namen?
Ravi: Also, speziell in der Zeit wo ich dabei war, habe ich oft so ein komisches Gefühl gehabt, habe gedacht, der passt nicht ganz, der Name, da müsste jetzt schon so was wie Amon Düül her, oder was aus den Mythologien.
Walter: In dem Moment als die englische Formation bestand fand ich das aber wieder in Ordnung.
Michael: Also, ich fand, weil Wonder drin war, das war ganz ok, von außen gesehen.
Walter: Letztendlich heißt Nine Days’ Wonder auch so viel wie Strohfeuer. Und das finde ich besonders im nachhinein eigentlich sehr passend.
Sämtliche Nine Days’ Wonder LPs sind auf CD wieder-veröffentlicht worden, und man kann sagen, dass sich in diesem Fall die Firma Bellaphon um ein ordentliches digitales Remastering bemüht hat. Die Dinger klingen verdammt gut!
Und was sagt Walter selbst zu den guten alten Zeiten?
"Es ist für mich schon ein seltsames Phänomen, dass sich seit ca. zwei Jahren alle möglichen Leute für Nine Days´ Wonder interessieren, wobei ich bis zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt war, dass diese Zeit höchsten noch in den Köpfen der ehemaligen Bandmitgliedern herumspukt.
Dies änderte sich allerdings rasch, spätestens an dem Tag, an dem ich zufällig im Netz die Page von German Rock e.V. fand. Aus einer Bierlaune heraus schickte ich Kurt Mitzkatis eine Mail, in der ich darauf hinwies, dass Nine Days´ Wonder auf der German Rock-Seite nicht vertreten ist. Daraufhin entwickelte sich eine rege Kommunikation, die bis zum heutigen Tag anhält. Man sieht was dabei herausgekommen ist.
Kurt machte mich auf Walter von Garden of Delights aufmerksam, und nachdem ich mit ihm telefoniert hatte und er mich, ermunterte, doch das bisher unveröffentlichte Material von Nine Days´ Wonder, nicht länger verstauben zu lassen, begann die eigentliche Arbeit: nämlich das Zusammensuchen von längst vergessenen Tapes und Fotos, von denen zu meiner Überraschung mehr zu finden waren, als ich jemals geglaubt hatte. Die Aufbereitung des meist in jeder Hinsicht völlig ramponierten Materials und das Zusammenstellen der Fotos und Texte hat dann fast zwei Jahre in Anspruch genommen. Man wusste mich zu beschäftigen.
Fast zur gleichen Zeit kamen unabhängig von dieser Aktion noch ein paar Menschen aus Ladenburg zu mir, die verkündeten, dass sie in nächster Zeit vor hätten, eine große Ausstellung über Gruppen der siebziger Jahre zu machen, die im Raum Mannheim bekannt waren. Dazu gehören ihrer Ansicht nach: Kin Ping Meh, Twenty Sixty Six, Tritonus und Nine Days´ Wonder. Wieder ging das ganze von vorn los, aber ich war durch meine vorangegangene Aktion gut vorbereitet. So findet also an den beiden Wochenenden 6 und 7. 7. und 13. und 14.7.2002 in einer Halle der Baumschule Huben in Ladenburg diese Ausstellung und diverse Auftritte einiger Mitglieder der "Altherrenmannschaften" statt. Zwei ehemalige Mitglieder von Nine Days´ Wonder, Freddie Münster und Steve Robinson werden da ein paar Nine Days´ Wonder-Songs spielen.
Als ich vor einiger Zeit in die Suchmaschine Nine Days´ Wonder eingab, war ich nicht schlecht erstaunt festzustellen, dass dieser Name allem Anschein nach so aktuell ist wie nie zuvor. Alles in allem, gibt es laut Internet noch drei weitere aktive Gruppen unter diesem Namen. Die einen in unserer nächsten Nachbarschaft, die anderen beiden in USA (Oregon) und Kanada. Allerdings schien es mir so nach einigen MP3-Down-loads dass wir nur den Namen gemeinsam haben, musikalisch liegen da wohl Welten dazwischen. Meiner freundlichen Mail, in der ich auf unsere Homepage hinwies, haben sie allerdings nicht geantwortet. Bis auf die Nine Days´ Wonder´s aus dem Schwabenland, mit denen wir, nach dem einige Missverständnisse ausgeräumt waren in gutem Einvernehmen stehen.
Gerade, als ich das Gefühl hatte, jetzt ist endlich alles geschafft: das letzte Regal durchsucht, das letzte Tonband auf der 1/4 Spur-Uher-Maschine abgenudelt und das wirklich aller-letzte vergilbte Fotos im PC aufgefrischt, da fragt mich dieser Kurt Mitzkatis doch tatsächlich noch zum Abschluss dieser ganzen Mörderaktion, wie ich denn jetzt so nach ca. 30 Jahren diese Nine Days´ Wonder Zeit beurteilen würde, was schlecht, was gut war, was ich genauso oder anders machen würde und welchen Rat man jungen Musiker heutzutage geben kann.
Gott sei Dank verändern sich die Zeiten und es ist gut, dass von einem Ratschlag eines "Altvorderen" auch oftmals nur der "Schlag" übrig bleibt, vor dem man in Deckung gehen sollte. Ganz sicher ist, dass wir die damaligen Gegebenheiten in keiner Weise mit der heutigen Situation vergleichen können, denn wir hatten die einmalige Chance ein unberührtes Feld zum ersten Mal pflügen zu können und konnten uns dabei frei entscheiden, was wir darauf anbauen. "The future was wide open" singt Tom Petty und so haben wir uns gefühlt. Wenn wir nur die geringsten Befürchtungen gehabt hätten, dass es hinter dem Horizont vielleicht genauso aussieht wie davor, hätten wir niemals diese Energie entwickeln können, die uns die ganze Zeit im Glauben ließ, man könne ungestraft ein Stück vom Regenbogen klauen. (Bisher hat man mich dieser Tat noch nicht überführen können, auch wenn die Beweislast erdrückend ist)
Und so kann mein Rat"schlag" nur der sein: weiterhin den ungepflügten Feldern auf der Spur zu bleiben, auch wenn so viele behaupten, dass es sie nicht mehr gibt. Dies hat man uns vor 30 Jahren schon gesagt. Und man sollte vielleicht daran denken, dass man diese Felder daran erkennt, dass sie noch keinen Na-men haben und dass es dafür keine Risiko-Versicherung gibt. Ein weiteres Erkennungsmerkmal für etwas Neues ist ganz sicher auch, dass einem kein "anständiger und vernünftiger" Mensch dafür einen Kredit gibt. Daraus ergibt sich, dass man dann eben auch den Umgang mit den "unanständigen und unvernünftigen" suchen muss.
Nach 30 Jahren gibt es aus dieser Perspektive für die Zeit mit Nine Days´ Wonder kein Schlecht und Gut, sondern vielleicht nur die Verwunderung, dass ich das alles so verhältnismäßig gut überstanden habe. Mein fester Glaube an Schutzengel kommt aus dem Rückblick auf jene Zeit. Don Henley hat das vor ein paar Jahren auf seinem Konzert mit den Eagles in Frankfurt so ausgedrückt: "The thing that amazes me most is: that after all, we´re still alive and well."
Ich möchte mich ganz herzlich bei Walter Seyffer bedanken, der mir in vielen Gesprächen und durch das Überlassen des Mitschnittes der lustigen Runde von 1998 geholfen hat einen äußerst lebendigen Eindruck der Zeit, der Umstände und der Befindlichkeiten der Band Nine Days’ Wonder zu vermitteln. Auf Anregung des German Rock e.V. trafen sich viele der Musiker teilweise zum ersten Mal nach über zwanzig Jahren wieder, um gemeinsam für das Titelfoto zu posieren. Danach verlebten sie einen wundervollen Abend mit vielen "Weißt Du noch?" Momenten. Alle verstanden sich prächtig. Die Differenzen der frühen Jahre hielten dem Atem der Zeit nicht stand und alle waren froh, ein nicht unwichtiger Teil der Musikszene gewesen zu sein. Leider gibt es da ja heute immer noch schlechte Beispiele, bei denen sich Mitglieder auch nach Jahrzehnten nicht vertragen.... Was kann man sich Schöneres wünschen, als gemeinsam auf bewegte Zeiten zurückzuschauen und das Gute in Erinnerung zu behalten?
Fotos: Archiv Walter Seyffer, Archiv NDW und PR-Fotos.
Textquellen: Walter Seyffer, Walter von Garden Of Delights, diverse Rocklexika, Sounds und POP.
[Kurt Mitzkatis]
[Mit weiteren Beiträgen von: Frank Gingeleit]
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