Reiser, Rio
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Wenn man die Geschichte des Künstlers Rio Reiser aufschreiben möchte, muß man früh anfangen, ja sogar vor seiner Geburt beginnen. Durch kunstbeflissene Eltern, die passioniert im Kirchenchor sangen, floß schon eine gehörige Portion Musik im Blut des Jungen, der am 9. Januar 1950 in Berlin, an einem kalten, klaren Wintertag als jüngster von drei Brüdern das Licht der Welt erblickte und Ralph Christian Möbius getauft wurde. Wie die Geschichte weitergeht, kann und soll hier nicht detailliert erzählt werden, denn das hat der Hauptdarsteller, Rio Reiser, selbst bereits vortrefflich getan: In seiner 1994 erschienenen Autobiographie (siehe Literatur). Doch der Solokünstler Rio Reiser konnte nur entstehen durch das, was vorher war. Musikalisch angefangen hat der Werdegang in Nürnberg (eine von vielen Reiserstationen) mit einem obsessiven Kindheitserlebnis mit der "Ben Hur"-Filmmusik von Miklos Rosza und der rauschenden Entdeckung des Klaviers als Zwölfjähriger. Klein-Möbius lernte schnell, Lieder nur nach dem Gehör nachzuspielen und zu improvisieren. Der Klavierunterricht brachte dagegen nicht die gewünschten Effekte. Ein Jahr später brachte er sich selbst mit Hilfe einer Grifftabelle das Gitarrespielen bei. Mit 15 Jahren bekam Ralph "im Rahmen einer intergalaktischen Jugendweihe" von dem Maler Blalla W. Hallmann den Vornamen Rio. Wenn schon nicht konfirmiert, so doch wenigstens geweiht ... Nachdem er die Schule und eine Fotografenlehre abgebrochen hatte, besuchte er das Offenbacher Konservatorium und lernte Cello, das er später auch schon mal live auf der Bühne spielte (z. B. im Mai 1986 in der ZDF-Rockpop-Musichall am Ende des Songs "Junimond"). Im Januar 1966 lernte er im Alter von 16 Jahren in Niederroden (Hessen) den gleichaltrigen Lanrue kennen, der damals noch Ralph Peter Steitz hieß und Schlagzeuger der Band "Beatkinks" war, zu der Rio bald als Sänger kam. Man spielte vor allem Songs der Vorbilder Beatles und Rolling Stones nach. So geschult folgte er seinen älteren Brüdern nach Berlin, wo die Gebrüder Möbius - nun komplett - an der wahrscheinlich ersten Beat-Oper der Welt arbeiteten. Der siebzehn Jahre junge Rio schrieb die Musik zu "Robinson 2000", das am 2. Juni 1967 im Theater des Westens in Berlin uraufgeführt wurde. 1968 wurde Rio Hauskomponist der Berliner Theatergruppe "Hoffmanns Comic Teater", die seine Brüder gegründet hatte. Dort spielte er auch eifrig mit, wie bei dem Stück "Rita und Paul" im Auftrag der Experimenta 1969. Ein Song aus diesem Masken- und Rollenspiel mit dem alternierenden Konzept von Song und Szene hieß "Macht kaputt, was Euch kaputt macht", der später zum Kampf-Motto Teile ganzer Generationen werden sollte.
Den ersten Live-Auftritt hatten sie dann noch im selben Jahr bei dem sagenumwobenen (Jimi Hendrix letzter Auftritt!) "Festival der Liebe" auf Fehmarn im September 1970. Die Kieler Veranstalter brannten mit der Kasse durch, und Rio war sich nicht zu schade, den mittlerweile legendären Satz "Man sollte den Veranstalter ungespitzt in den Boden hauen" ins Mikro zu rufen. Dann spielte die Band "Macht kaputt, was Euch kaputt macht", die allererste und richtungsweisende Scherben-Single. Später brannte die Festival-Bühne, noch später erstrahlte ein Feuer am deutschen Rockmusik-Himmel. 1971 kam die erste Scherben-LP "Warum geht es mir so dreckig?" heraus, die noch über linke Buchläden vertrieben wurde. Das neue und besondere war, daß sie unter dem eigenen Label "David Volksmund" erschien. 1972 erschien das bekannteste, beliebteste und bedeutungsvollste Scherben-Album "Keine Macht für Niemand", das eigentlich keiner Worte bedarf. Ein jeder Rockfan wird es in seinem Plattenschrank haben. Titel wie "Der Traum ist aus", "Rauch-Haus-Song" oder "Keine Macht für Niemand" gingen in die Zeitgeschichte ein. Da fand sich jenes Lebensgefühl, das eine ganze Generation prägte, eine Utopie, wie sie der Jugend gefiel, an die sie glauben konnte. "Denn für Ton Steine Scherben und später Rio Reiser haben die Kids & alten Traumkämpfer doch nicht geschwärmt, weil die Jungs da oben auf der Bühne aber sooo was von süß waren, sondern doch weil die Songs und Inhalte etwas mit der realen, konkreten Lebenssituation zu tun hatten, Hoffnung & Mut machten.", so ein Zeitzeuge. Alle Songs auf der LP wurden von Rio getextet und von Lanrue komponiert, und das sollte bis auf wenige Ausnahmen auch die nächsten Jahre so bleiben. Rio Reiser war als Sänger von Ton Steine Scherben mit der Erste, der Rockmusik in deutscher Sprache sang! Das Multitalent spielte auch Gitarre und Keyboards, sowohl im Studio als auch live auf der Bühne.
Anfang Januar 1974 übernahm Funky K. Götzner die zuvor wechselnde Schlagzeugerrolle und füllte sie mehr als 10 Jahre in bester Manier aus. Ein Jahr später zogen die Bandmitglieder und ein Teil des großen Freundeskreises von Berlin nach Nordfriesland, wo sie sich in dem verschlafenen Kaff Fresenhagen ein altes Bauernhaus auf- und einrichteten. Zuvor erschien das dritte Album "Wenn die Nacht am tiefsten" mit starken Songs wie "Land in Sicht" oder "Halt Dich an Deiner Liebe fest". Die Scherben hatten sich in ihrem Haus ein eigenes Tonstudio aufgebaut, wo sie ab 1976 an Auftragsarbeiten werkelten. Rio hatte die Musik für zwei Kinderhörspiele (mit "Rote Rübe") komponiert, sowie zu drei Kindertheaterstücken ("Martha die letzte Wandertaube", "Feuerzirkus" und "Struwwelpeter Revue"). Oft und immer wieder schrieb er Schauspielmusiken, zum Beispiel zu "Moritz Tassow" am TAT (Theater am Turm) in Frankfurt.
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Nach fünf Jahren entschlossen sich Rio, Lanrue, Funky und Kai, die Scherben wieder aufleben zu lassen und eine neue LP einzuspielen. Die "IV" - auch "Die Schwarze" genannt - erschien 1981 und bestand aus zwei prallgefüllten Scheiben mit skurrilen, phantasievollen Songs. Dieses Album war und ist einmalig in der deutschen Musikszene, und einige Rezensoren ließen sich gar dazu hinreisern, es "New Wave" zu nennen. Der Titel "Jenseits von Eden" blieb für Rio all die Jahre ein Meilenstein. Eine nette Besonderheit aller Scherbenplatten war eine regelmäßige Hommage an die beiden Inspirationsquellen Bibel und Karl May. So finden sich auf jedem Album neben Songs mit politischen oder gesellschaftskritischen Aussagen auch immer Songs mit christlichen Themen.
1981 ereignete es sich auch, daß Rio Reiser musikalisch und schauspielerisch bei dem Theaterstück "Märzstürme" von Hoffmanns Comic Teater in Unna mitwirkte. In einer Befreiungszene sang er erstmals das ursprüngliche Revolutionslied (!) "Auf einem Baum ein Kuckuck saß" von 1848. Im Jahr 1982 war es, als der Mann mit dem alliterierendem Künstlernamen in dem Dokumentarfilm "Halt Dich an Deiner Liebe fest" die Parabel vom Pudding im Kühlschrank erzählte (frei nach Wolfgang Neuss), die sehr bezeichnend für sein Leben ist: "Wenn Du an den Kühlschrank gehen möchtest, weil Du weißt, da ist noch ein Pudding, dann bist Du vielleicht stolz, daß Pudding im Kühlschrank ist, Du ihn aber nicht ißt. Wenn aber gar kein Pudding im Kühlschrank ist, ist es keine Leistung, auf ihn zu verzichten. Ich könnte die Leistung gar nicht bringen, weil ich keinen Pudding im Kühlschrank habe, aber auch nicht drauf verzichten kann. Hm, was machen wir denn da?" Armer Rio Ohnepudding ...
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Ein sehr wichtiges Jahr, speziell für Rio Reiser, war 1983. Ton Steine Scherben (mit Neumitglied Martin Paul an den Tasten) brachten ihr fünftes Studioalbum heraus, das schon eine gewisse poppige Färbung zeigte. Gemeinsam mit der deutschen Rockgruppe Schroeder Roadshow und dem Clown Eisi Gulp ging die Band auf eine Tournee, die von Fritz Rau organisiert wurde. So "väterlich", wie das in der Legende oft darstellt wird, war die Beziehung allerdings nicht. Rau fand erst durch die Überredungskunst eines Hamburger Musikers den Weg zum Scherben-Haus in Fresenhagen. Die Auftritte und der Touralltag wurden in dem Dokumentarfilm "Allein machen sie Dich ein" (auch unter "Heut' nacht oder nie" bekannt) festgehalten.
Gleichzeitig arbeitete Rio - nicht zum ersten Mal - für andere Künstler: So hatte er zum Beispiel englische Texte seines Hamburger Kollegen Wolfgang Michels ins Deutsche übersetzt, was ein enormes Vertrauen voraussetzt, welches Michels nur Reiser gegenüber hatte. Die beiden schrieben zusammen an die zwanzig Songs, doch diese Künstlerfreundschaft führte auch zu Neidern der unterschiedlichsten Art. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß Anete Humpe, die Rio aus alten WG-Tagen und noch vor "Ideal"-Zeiten kannte, auf ihn zukam und im Frühjahr 1984 die erste Solo-Single mit Rio Reiser produzierte. Sie hieß "Dr. Sommer", was sich weniger auf den bravorösen Pseudo-Sexperten bezog, sondern auf die Jahreszeit, vielleicht auch einfach nur eine Sehnsucht nach Wärme beschrieb. Aus heutiger Sicht ist dieser Song ein typischer Reiser, doch zur damaligen Zeit wurde ihm die "Wandlung" vom Polit-Rocker zum Pop-Softie nicht abgenommen, doch Rio wollte diesen Song, weil es ihm so gefiel.
Die hartgesottenen Scherben-Fans schienen ihm diesen scheinbaren Fehltritt noch einmal zu verzeihen, denn als die Band im gleichen Jahr ihre letzten Live-Konzerte gab - zum Schluß sieben mal in Berlin - war die Zu-Stimmung im Publikum überwältigend, auch wenn man nach Verantwortung von Band & Fans fragen mußte, da Rio die Kerze an beiden Enden anzündete, das fatale Feuer hieß Cortison. Ein Jahr später, 1985, trennten sich Ton Steine Scherben nach 15 Jahren in gegenseitigem Einvernehmen. Sie hinterließen der Nachwelt ein Lebensgefühl und sich selbst einen finanziellen Scherbenhaufen, Schulden mit vielen Nullen vor dem Komma. Tja, nicht in jeder Beziehung bringen Scherben Glück, auch Unabhängigkeit hat ihren Preis. Rio arbeitete erstmal wieder mit Wolfgang Michels zusammen, und sang auf dessen Album "Bei Mondschein" die Backing Vocals, erstmalig (für einen anderen Interpreten) und unverkennbar. Es war und ist nicht selbstverständlich, daß ein professioneller Musiker von Rios Format einen Kollegen unterstützt, sich mal eben ans Klavier setzt, hier und da die Gitarre schwingt und für mehr als einen Song wunderbare Chöre einspielt. Rio war auch Co-Produzent und Co-Texter bei diesem Album. So sehr Rio diese Kooperation auch mochte, er brauchte Geld. Er fühlte sich verantwortlich für die Schulden der Band, verantwortlich auch seinem Beruf gegenüber. Während die restlichen Scherben-Mitglieder in eigenen oder anderen Projekten weiter Musik gemacht haben und fünf Jahre lang auf ihre Tantiemen verzichteten, holte sich Rio einen Vorschuß von seiner neuen Plattenfirma CBS (später Sony). Er konnte "eine Platte machen, die mir gefällt", ohne Zensur. Ob er sich dabei verkauft oder prostituiert hat, vermag man von außen nicht zu beurteilen.
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1986 wurde für Rio Reisers Solokarriere das musikalisch erfolgreichste Jahr. Mit "Rio I." erschien sein erstes Solo-Album, auf dem so branchenbekannte Namen wie Peter Weihe (Gitarre) und Curt Cress (Schlagzeug) auftauchten.
Die erste Single-Auskopplung "Alles Lüge" (5/86) war und wurde ein Gassenhauer, wie ihn Rio liebte, auch ein geflügeltes Wort, bis heute. Der Titel wurde bereits 1977 geschrieben und gespielt für den SPD-Wahlkampf. Eine sehr treffende Promotion lieferte Rio nun in Form einer erfundenen Biographie, unter die er schrieb, daß sein damals aktueller Titel "Alles Lüge" hieß. Die Öffentlichkeit schaute blind in den ihr vorgehaltenen Spiegel. Bis auf den heutigen Tag wird aus dieser phantasievoll ausgedachten Biographie ganz ernsthaft zitiert. Dieser Song ist ein ebenso typischer Reiser- wie auch Scherben-Song, und die nächste Scherben-LP, wenn es sie denn gegeben hätte, sollte - na? genau! - "Alles Lüge" heißen.
Genauso war die dritte Single-Auskopplung "König von Deutschland" (10/86) ein alter Song von 1976 (laut "Sound Check 1/87"). Er wurde nur aktualisiert und ein bißchen poppiger gemacht. Dieser Titel wurde Rio Reisers größter Hit. Auch wenn ihm die Rolle gefiel und er sie tief verinnerlicht hatte, Fans und Medien reduzierten ihn darauf. Leider, denn Rio hat ja auch andere Songs geschrieben als nur diesen, gute, bessere, viel bessere. Pressevertreter fragten trotzdem immer wieder nach ersten Amtshandlungen als König, aber niemand fragte, warum er nicht Kanzler von Deutschland werden wollte. Rio hatte sich sehr bewußt für den König entschieden, denn es sollte ein modernes, gesellschaftskritisches Märchen sein. Ein Märchen für das Volk, denn jeder, der dieses Lied (mit-)singt, macht sich selbst mit den Worten "Wenn ich König von Deutschland wär" ein Lied lang zum augenzwinkernden Schneekönig. Natürlich wollte Rio nie König sein, sondern "entweder alle oder keiner, oder jeden Tag 'n anderer" war seine Devise. Es war also 1986 die gleiche Moral wie zehn Jahre zuvor, aber es erreichte nicht mehr nur eine eingeschworene Fangemeinde, sondern ein Massenpublikum, was erstgenannte kritisierte.
Bei dem Angriffspunkt, daß Rio Reisers Solo-Platten zu seicht seien, muß man einfach berücksichtigen, daß man Mitte der 1980er Jahre nun mal andere Instrumente benutzte als 1972, und daß auch mit moderneren technischen Möglichkeiten produziert wurde. Es war die Spätzeit des Punk, und viele waren "enttäuscht, ja regelrecht entsetzt über den glattgebügelten phantasielosen Sound seiner Platten", so ein Zeitzeuge. Was blieb, und das ist wirklich wesentlich, waren Rios Texte und sein Gesang, der die Glätte der Musik aufrauhte, Ecken und Kanten bot, auch schon mal bewußt dreckig klang. Rios musikalisches Talent lag uneingeschränkt in der Stimm- und Meldodieführung.
Immerhin muß er gewissen Menschen so imponiert haben, daß sie den barfüßigen Barden im Alter von 36 Jahren und nach 15 Jahren als Frontman einer Rockband, zum Newcomer des Jahres wählten. Alle Achtung! Apropos barfuß: Rio Reiser hatte sich irgendwann entschlossen aus Gründen der Erdverbundenheit und als Markenzeichen, eine Alltagsangewohnheit auf die Bühne zu übertragen, indem er immer barfuß auftrat.
Im darauffolgenden Jahr, 1987, war es schwer, den Erwartungen von Publikum und Kritikern gerecht zu werden. Man hatte eine Schublade aufgemacht und den falsch verstandenen "König von Deutschland" hineingetan. Nun sollten viele kleine Monarchenkinder folgen. Die zweite Single-Auskopplung der LP hieß "Manager" (1/88) und folgte stilistisch der Gassenhauer-Linie. Rios Beraterteam aus Freunden und dem Manager höchstpersönlich hatten ihm von diesem Titel abgeraten, zumal er "so viele wunderbare andere Demos für seine zweite Platte" hatte, wie ein Berater von damals verriet. Doch Trotzkopf Rio wollte den Song nun erst recht und glaubte auch an ihn. Der Song war genauso ironisch und witzig wie der König ein Jahr zuvor und wurde genauso mißinterpretiert. Noch Jahre später muß man vom "Loblied" oder der "Hymne" lesen. Nein, genau das war es nicht. Auch wenn Rio mit seinem Manager George Glück (huch, noch eine Alliteration) gut auskam, so ist doch die wichtigste Zeile in dem Lied: "Und rat mal, wer wohl so 'ne Texte schreibt - Mein Manager erledigt das für mich".
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Gerade diese Irrungen und Wirrungen waren es doch, die Reisers Texte von anderen abhoben. Er hatte bereits als kleiner Junge eine Zeitung namens "Quetzacoatl" herausgegeben, in der er seine Liebe für Wortspiele auslebte. Und in einem Interview im Hessischen Rundfunk begründete er 1987, warum er seine Lieder nicht auch in Englisch schreibt und singt: "Ich kenne die Feinheiten der Sprache überhaupt nicht, und in Deutsch kann ich das machen. In Deutsch kann ich auch meine kleinen, dummen Wortspiele machen." Rio Reisers Sprache war feinsinnig und methaphernreich. Es reizte ihn auch, Worte zu verwenden, die keine Assoziationen hervorrufen und dennoch zur deutschen Sprache gehören. Rio war ständig dabei, Worte, Phrasen und Sätze zu notieren und zu sammeln. Wenn ihm irgendwo etwas Widersprüchliches auffiel, zückte er seinen Bleistift und schrieb es auf. Er hatte stapelweise lose Blattsammlungen und Notizbücher. Manchmal staunte er Jahre später über den Blödsinn, den er da festgehalten hatte oder wunderte sich, warum er es aufgeschrieben hatte, aber meistens setzte er die vielen Notizen irgendwann in Songtexte um. So vielleicht auch in der zweiten Single-Auskopplung "Ich denk an Dich".
Es gab natürlich auch Lieder mit einer klaren, einfachen Sprache. Ein Beispiel auf der LP "Blinder Passagier" ist das allerletzte Stück "Stiller Raum", ein angebliches Weihnachtslied, das man aber auch an den restlichen Tagen im Jahr hören kann, denn es geht gnadenlos unter die Gänsehaut. 1988 war wieder ein wichtiges Jahr in Rio Reisers Biographie. Anfang des Jahres erschien das Album "Sternschnuppen" seines Freundes & Lebenspartners Misha Schöneberg, das mit Rio als Produzent im Sommer 1986 und Herbst 1987 aufgenommen wurde, und in der "taz" schrieb ein Kritiker: "Wenn man ihn hört, weiß man, daß seine Küsse so schmecken, wie das Taj Mahal im Mondschein aussieht." Rio kommentierte diesen Satz mit einem erstaunten "Woher weiß der das?"
Am 27. Februar begann seine nächste Solo-Tour mit einem großartigen Konzert in Beverungen. Mit von der Partie waren wieder R.P.S. Lanrue an der Gitarre, Jochen Hansen am Bass und Toni Nissl hinterm Schlagzeug. Neu dabei waren Christian Schneider an den Keyboards und Manuel Lopez an der Gitarre, die beide von da an fest zur Crew gehörten.
Eine nette Besonderheit bei Rios Publikum war die erstaunlich große Anzahl weiblicher Fans. Das ist vielleicht von daher verwunderlich, als daß Rio mehr auf Jungen stand und dies auch nie verschwiegen hatte. Er wurde dann als Vorzeigeschwuler herumgereicht, als ob er ständig ein Bekennerschild auf der Brust tragen würde. Dabei ist es im Grunde ganz schnöde, um mal ein Lieblingswort von Rio zu benutzen: Da ist ein Mann, der das Mädchen in sich zugelassen hat. Rio hatte weibliche und männliche Freunde, verstand sich auch mit Frauen gut, nur er ging halt nie mit einer ins Bett. Aus diesem Selbstverständnis heraus wirkte er vielleicht gerade auf Frauen anziehend. Hinzu kam sein lange Zeit jungenhaftes Aussehen. Die Intensität, mit der Rio Reiser seine Gefühle und seine Seele offenbarte, aber auch seine optische Zartheit und Zerbrechlichkeit, berührten denjenigen Menschen, der dies für sich zuließ, egal welchen Geschlechts und egal welcher Neigung.
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"Ein Jahr später" hieß natürlich auch, eine Mauer weniger: 1989, das Jahr der deutschen Wende! Diese Begebenheit an sich fand Rio gut und spannend, aber nicht die Art und Weise der Entwicklung, schon gar nicht die "erzwungene Vereinigung", wie er es nannte. Er ärgerte sich, daß er nicht gefragt wurde, als Bürger dieses neuen großen Landes. Ihm grauste vor den Wendehälsen, vor den Westentaschenspielern und vor den Füchsen in ihren Mercedesen und BMWs, die er auf seinen Reisen durch die neuen Bundesländer sah. Aus Angst vor den gesellschaftlichen Folgen und als Flucht vor der unberechenbaren Lawine reiste Rio nach Rio, de Janeiro. "Freude an der Einheit haben nur die, die daran verdienen", sollte er vier freudlose Jahre später in einem heißen Disput mit Angela Merkel äußern. 1989 trat Rio Reiser auch erstmals als "Tatort"-Komponist auf, indem er für die Schimanski-Folge "Der Pott" den Song "Über Nacht" schrieb und auch kurz im Film vortragen durfte. Sein wahres Format bewies er, indem er die Opernmusik zu der Unnaer Stadtoper "Wasser des Lebens" komponierte. Im Jahr 1990 gab es dann endlich wieder eine neue Solo-Platte von Rio Reiser, die erstmals zeitgleich in Ost und West auf den Markt kam. Diesmal begann Rios (gewollte?) Auseinandersetzung mit Worten schon vor dem ersten Anhören. Wie hieß die Scheibe? Auf dem Cover stand oben "Rio", darunter "***" und ganz unten "Reiser". Bis heute nennt jeder die Platte anders: "Rio", "Sternchen", "Drei Sterne", "Rio Drei" und so weiter und so fort. Zum Glück war das Cover feuerrot, so daß man zur Not noch von "der Roten" sprechen konnte und verstanden wurde.
Neben der Besonderheit von ungewohnt synthetischen Klängen, fiel hier vor allem das Lied "Zauberland" auf, das vorschnell als "Wendelied" oder "Abgesang auf die DDR" betitelt wurde. Doch das war blanker Unsinn, hört man in diesem mit Rios geliebten traurigen Celli unterlegten Song ihn in außergewöhnlicher intensiver Melancholie den Verlust der Liebe und der Träume bedauern: Das Sänger-Ich sehnt sich nach dem einen Kuß, und wenn's der letzte wär. Der Text ist nicht von Rio selbst, sondern von Misha Schöneberg, der seit 1982 mit und für Rio schrieb und mit einem gewissen Stolz von sich behaupten kann, "Rio hat für viele SängerInnen in Deutschland geschrieben, aber nur ganz wenige haben für ihn geschrieben (eigentlich fällt mir nur Hannes Eyber noch ein.)" Rio hatte den Song, der seit einigen Jahren auf seine Veröffentlichung wartete, schon 1988 live gesungen. An der unsinnigen Deutung ist der Interpet selbst nicht schuldlos, ließ er doch - neben dem unglücklichen Erscheinungsjahr (1990) und seinem zeitgleichen demonstrativen PDS-Eintritt - obendrein noch ein Zauberland-Video zu, das Breshnew und Honecker im innigen Bruderkuß präsentierte.
Nicht zu mißachten ist der Umstand, daß man Rio schon Anfang der 1980er Jahre seinen Glücksbringer gestohlen hatte (ein mittelgroßer Plüschaffe, der immer einen Ehrenplatz auf der Bühne hatte) und ihn nun Ende der 1980er Jahre auch "sein menschlicher Glücksbringer" verlassen hatte, der aber vielmehr nach eigenen Angaben "ausgesetzt" wurde.
Die Hervorhebung und Betonung der Texte tut Rio Reiser eigentlich Unrecht, denn Rio war ein durch und durch musikalischer Mensch, der nicht nur einfach Texte vertonte, sondern eigenständig komponierte. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Songwriter und einem Liedermacher. Für Rio waren Musik und Text immer gleichwertig und gleich wichtig. Er hat kritische Themen der Zeit engagiert aufgenommen und in seine Form von Sprache und Musik umgesetzt. Rio Reiser war ein Gefühlsmensch, der Songtexte selten konstruiert hat. Oft waren es einfach Visionen von einem Lied, manchmal kamen Ideen plötzlich beim herumklimpern auf dem Klavier. Seine besten Stücke sind die, die er "schnell" geschrieben haben soll.
Was die Einzigartigkeit von Rio Reiser ausmacht, ist die Vereinigung vieler Fähigkeiten: Er war Texter, Komponist, Sänger und Instrumentalist (Cello, Klavier und Gitarre). Hinzu kamen persönliche Eigenheiten, wie seine Intensität und sein Charisma. Rios Persönlichkeit war aber auch geprägt von einer inneren Zerrissenheit (vielleicht vergleichbar mit Truman Capote, den man "Monster, das man liebte" nannte). Rio war oft unberechenbar, gespalten und launisch. Selbst engste Mitmenschen sahen ihn kritisch, denn auch sie hat er oft enttäuscht.
Rio Reisers musikalische Laufbahn begann wie anfänglich beschrieben unter dem Einfluß der Beatles, deren Musik er immer bei Arbeiten im Tonstudio hörte, und den Rolling Stones. Auch mochte er The Clash, die Beach Boys, und, nun ja, auch Hans Albers, doch vor allem die von ihm innig verehrte Marlene Dietrich. So breit wie sein musikalisches Interesse war auch sein eigenes Repertoire. In gleicher Weise war Rio Reiser seit frühester Jugend der Theater- und Kleinkunstszene verbunden. 1992 war kein so gutes Jahr für Rio: Gesundheitlich schlug es ihn nieder, was genau "es" war, entzieht sich meiner Kenntnis, spielt aber auch keine Rolle. Der Ärger über die Wiedervereinigung war ihm wohl dermaßen auf den Magen geschlagen, daß nur noch ein Aufenthalt in der Schloßpark-Klinik in Berlin-Charlottenburg half. Die Presse stürzte sich wie ein hungriger Geier auf ein scheinbar halbtotes Opfer. Tja, Show ohne Biz gibt es nicht, berühmt sein ohne Presse auch nicht, das wußte Rio.
Er wußte auch sehr wohl, daß er schwerkrank war, die Leber hinüber. Fachärzte sagten ihm, daß er keinen Alkohol mehr trinken und sich nicht anstrengen dürfte. Rio ging zu Heilpraktikern und trank Kräutertee. Er alterte im Gesicht um Jahre, und die Haare gingen ihm aus.
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Als 1993 Rio Reisers neue Platte "Über alles" erschien, war weder sie, noch die Singles "Nimmst Du mich mit" (10/93) und das entfesselte "Inazitti" (2/94) in den Medien irgendwie präsent.
Fernseh- und Radiostationen boykottierten ihn wegen der PDS-Geschichte. Zu widersprüchlich war es, daß ein Linker, der all die Jahre gegen Unterdrücker und Ausbeuter angesungen hatte, ein Anarcho-Barde und Freiheitskämpfer war, sich nun einer Nachfolgepartei der SED anschloß. Da halfen erst recht nicht Rios Rechtfertigungsversuche, daß die PDS immerhin die Verantwortung für die letzten 40 Jahre übernommen hätte. 1994 wurde das Jahr der Bilanzen, also rein musikalisch und biographisch. Im März erschien eine aktualisierte Fassung seines Hits "König von Deutschland". Kohl gab`s noch immer, aber Birgit Breuels Treuhand war nun angesagter als Ronald Reagans Wade und Hans Meiser lebendiger als Robert Lemke. Bei der Bundeswehr gab es nun Hanfgranaten statt Hitparaden und die gewechselten Socken wichen den gebadeten Prinzen. Der alte Hit wurde kein neuer - andere Zeiten, andere Lieder. Dennoch gab es im April eine "Best-of"-CD, die allerdings genauso wenig Aufsehen erregte. Anders war es bei der Autobiographie von Rio Reiser, die 1994 erschien. Sie trug den unglücklichen Titel "König von Deutschland - Von Ton Steine Scherben bis in die Hitparaden". Der Inhalt des Buches relativierte dann aber doch die äußere Hülle. Man hatte den Eindruck, und so kam sich Rio auch vor, wie er später gestand (am 28.4.1995 in der NDR-Talkshow), "als ob Oppa vom Krieg erzählt". Ferner wollte Rio "etwas zur Erbauung der Jugend beitragen". Rio Reiser und Co-Autor Hannes Eyber (früher Co-Produzent von Ton Steine Scherben) beschrieben die ersten 25 Lebensjahre eines Protagonisten, den man auf rund 300 Seiten kennenlernt und einfach gern haben muß. Das ganze ist stilistisch wunderbar ehrlich, pointenreich, detailverliebt und lebendig, immer verbunden mit Sprachwitz und Charme. Dabei wird nicht nur eine Künstlerbiographie geschrieben, sondern vor allem auch seine nicht unwesentliche Umwelt beschrieben. Man erfährt fast nebenbei sehr viel über Deutschland, Berlin und Kreuzberg, über Kunst, Kommune und Küchengespräche, natürlich auch über Mitmenschen, zwischenmenschliches und allzumenschliches. Leider endet das Buch mit dem Umzug von Berlin nach Fresenhagen im Sommer 1975. Der Sprung in die Hitparaden wird nur ganz am Ende in einer Art Zukunftsvision angedeutet.
Und wer nun immer noch wissen will, worum es in dem Buch geht, der halte sich an Thomas Koschwitz, der Rio in seiner "RTL-Nachtshow" 1994 zum dritten mal fragte: "Was erwartet mich denn nun in dem Buch?", und eine Reiser-typische Antwort bekam: "Na Buchstaben!" Haben wir gelacht ...
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Im März 1995 erschien die Rio-Reiser-CD "Himmel & Hölle" mit elf neuen Liedern, die jedes für sich eine Geschichte aus seinem Leben erzählten, denn sie zeigten die Einflüsse aus Theater, Film, Rockmusik, Politik und Märchen.
Die musikalische Vielseitigkeit machte das Album zu Rios komplexesten Werk. Dies befand auch das Musikmagazin "Rolling Stone" im Mai 1995 und nannte es "Reisers bislang bestes Solo-Album". Weiter schrieb Hollow Skai: "Niemand in Deutschland schreibt so wahre, aufrichtig-radikale und nachzuempfindende Texte wie dieser melancholische Spielmann des auslaufenden 20. Jahrhunderts."
Rio hat so oft Situationen beschrieben, die jeder von uns kennt, Themen, die jedem oft genug begegnen, und sein Anliegen war es dabei, Licht ins Dunkel zu bringen, "den Leuten, die meine Musik hören, die Stimmung zu heben, so daß sie wieder was tun können." In einem Radio-Interview für "Rock et cetera" (Deutschlandfunk) am 24. Juli 1995 erklärte es Rio dann so: "Wenn jemand den Song hört, dann muß er ja mit dem Song was anfangen können. Er soll den ja benutzen, er soll ihn umsetzen." Befragt nach seiner Glaubwürdigkeit sagte Rio an gleicher Stelle: "Die Leute sollen nicht mir glauben, sondern sich selbst glauben. Ich kann viel erzählen. Warum soll man mir glauben? Wer will's denn überprüfen? Also: Zweifel an allem!" Ein paar Sätze weiter fügte er hinzu: "Um zu überprüfen, was für ein Typ ich bin und wie echt ich bin, da muß man mich schon gut kennen."
Für die ARD-Krimiserie "Die Gang" spielte Rio Reiser 1996 in der Folge "Liebeslied für eine Leiche" den paedophilen Popstar Kevin Kaiser, kein filmisches Glanzlicht allerdings.
Rio Reiser wurde in Fresenhagen begraben, wo er zwanzig Jahre lang gelebt hat und sich immerhin so wohlgefühlt haben muß, daß er einmal den Wunsch äußerte, dort, unter dem Apfelbaum, den er von seinem Zimmer aus sehen konnte, seine letzte Ruhe zu finden. Seine Familie und Freunde erfüllten ihm den Wunsch und kümmerten sich anschließend um sein Erbe, das weniger materiell war, sondern in geistiger, kreativer und künstlerischer Form vorlag. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht als Beweis die im Oktober 1998 erschienene CD "Rio Reiser am Piano I" aus dem Rio-Reiser-Archiv mit 18 bisher unveröffentlichten Liedern aus dem Nachlaß. Rios Stimme und das Klavier, purer kann Musik nicht sein. Die Musik und die Sprache Rio Reisers werden bleiben. An seinem letzten Tag auf dieser Erde war seine Bibel auf der Seite Sirach 37 aufgeschlagen: "Die Wurzel der Pläne ist das Herz. Vier Reiser wachsen daraus hervor: Gutes und Böses, Leben und Tod. Doch die Zunge hat Gewalt über sie alle." Wie aktuell Rio Reiser und Ton Steine Scherben gerade in dieser Zeit sind, belegen einige Veröffentlichungen, sie bereits erschienen oder geplant sind:
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Mein aufrichtiger Dank gilt ...
Ihr alle seid ganz wunderbare Menschen!
[Regina Sommerfeld für German Rock News 7, 1999]
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- 5-April-1999 -