Reichel, Achim
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Sänger und Gitarrist der Rattles,
seit den 1970ern auch als Solokünstler erfolgreich.
"Das Geheimnis der Ballade entspringt aus der Vortragsweise des Sängers" Dieses Zitat von J. W. von Goethe passt zu keinem besser als zu Achim Reichel. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Spruch durch sein Leben. Aloha Heya He - das fällt jedem als erstes ein, wenn der Name Achim Reichel fällt. Der Spieler ist auch noch so ein Ohrwurm, den man aus dem Radio kennt. Im August 2003 feierte Achim Reichel sein 40. Bühnenjubiläum. Und da stellt sich die Frage "wie hat er das erreicht?", wohl nicht nur mit zwei Liedern. Wie hat er es geschafft, 40 Jahre lang die Musik zu spielen, die er fühlt und lebt? Musik die nicht nach "Chartfähigkeit" oder Kassenschlager ausgerichtet ist, sondern eine Seele hat. Und genau das spürt man, wenn man seinen Liedern lauscht. Seine Anhängerschar ist so vielfältig wie seine Musik. Da ist der zweijährige Spross, der sich bei den ersten Akkorden vom Wilden Wassermann auf sein Schaukelpferd schwingt und wild im Takt dahingaloppiert, da sind heranwachsende Mädchen, die in ihr Freundschaftsbuch in die Zeile: "Für wen schwärmst Du?" Achim Reichel eintragen, es gibt Familien die sind komplett "Achim-infiziert", also für jeden ist etwas dabei, bis ins hohe Alter. Die nordische Frohnatur wurde am 28. Januar 1944 in Wentorf geboren, mitten hinein in die letzten Zuckungen des zweiten Weltkrieges. Ein halbverkohlter Weidenkorb, in dem seine Mutter Ella ihn in den Luftschutzbunker trug, weiß von einer unruhigen Zeit zu berichten. Schon früh verlor er seinen Vater Heinrich, der im Alter von 46 Jahren starb. So wuchs er auf in der Hamburger Hafenstraße, die nach dem Krieg einem großen Abenteuerspielplatz glich. Ruinen und Keller, in denen man prima Höhlen bauen konnte. Und hier und da lag noch etwas Brauchbares herum was man verkaufen konnte. Der Erlös reichte dann schon mal für einen Kaugummi. An seine Volksschulzeit hat der blonde Barde keine guten Erinnerungen. "Ich bin nie gerne zur Schule gegangen. Ich fühlte mich immer gedrängt, hatte Angst dranzukommen, hatte keine Lust, Schularbeiten zu machen - mit einem Wort, ich fühlte mich sauunwohl", so schildert Achim seine Schulzeit in seinem Buch Blues in Blond (1992). Als Sohn eines Seemannes sollte auch Achim zur See fahren und so absolvierte er eine Kellnerlehre, im Landungsbrücken-Restaurant. Er lernte servieren mit allem drum und dran und war bereit zum Anheuern. Doch er nahm einen anderen Kurs auf. Denn Chris Howland alias Mr. Pumpernickel spielte im NWDR (heute NDR) einmal in der Woche die Nr. 1-Hits aus England, Amerika und Deutschland. Und der Rock'n Roll hat bei ihm eingeschlagen wie ein Blitz, das war seine Welt. Bald wurde sein erster kleiner Mignon-Plattenspieler gegen eine akustische Schlaggitarre eingetauscht, die zunächst mehr oder weniger dekorativ an der Wand hing. Er hatte sich die Gitarre gekauft, bevor er auch nur einen einzigen Griff darauf spielen konnte. Aber mit jugendlichem Tatendrang und seiner Leidenschaft für die Musik nahm das Gitarrenspiel bald einen höheren Stellenwert ein als das Fußballspielen beim FC St. Pauli. Und seine Fußballkumpels rockten fleißig mit. In einem Kellerraum auf der Reeperbahn wurde emsig probiert und studiert. 1960 gründete Achim Reichel mit dem Autoschlosserlehrling Herbert Hildebrandt die Rattles. Sie besorgten sich die Verstärker vom Trödler, die Mikrofonstative wurden von Herbert zusammengeschweißt, und ihr Repertoire reichte von mitgeschnittenen Radiosendungen (BFN, Chris Howland) bis zu nachgespielten Schallplatten die kaum zu bekommen waren. Ihr Stil war R&B und Rock 'n' Roll. Sie tingelten von Bar zu Bar und heizten dort mächtig ein. Es ging bis nach Schleswig-Holstein und Niedersachsen und sie durften sich mit Stolz Lokalmatadoren nennen. Als Gage gab es 25 Mark pro Mann, eine Ochsenschwanzsuppe und drei Freigetränke. Das war für den Anfang nicht schlecht. Zwei Jahre lang ging’s an den Wochenenden auf Tour, denn Wochentags ging jeder seiner Arbeit nach. Manfred Woitalla, dem später die Star-Palast- Kette gehörte, verhalf den Rattles zu ersten lukrativen Auftritten. Am 13. April 1962, wurde der Star-Club unter Mitwirkung der Beatles eröffnet. Zwischenzeitlich hatten auch die Rattles bereits jede Menge Erfahrungen bei ihren Auftritten, besonders erfolgreich im Bramfelder Thaeder, sammeln können. Für deutsche Bands war jedoch die Bühne des Beat-Mekkas tabu. Sie blieb englischen und amerikanischen Musikern vorbehalten, bis Manfred Weissleder, der clevere Besitzer des Star-Clubs, auf die Idee kam, Bandwettbewerbe für deutsche Gruppen zu veranstalten. Die Wettstreit-Premiere ging am 1. Januar 1963 über die Bühne. Mit etwa 500 Stimmen vor Mama Betty's Band belegten Die Rattles den ersten Platz und wurden als erste deutsche Gruppe in den Star-Club engagiert. Eine Sensation und eine Chance, denn Stars wie Gene Vincent, Jerry Lee Lewis, Bill Haley und viele andere spielten dort, von denen man immer etwas abgucken konnte. Eine bessere Schule konnte sich die Rattles nicht wünschen. Manfred Weissleder persönlich übernahm das Management der Rattles. Er war im Begriff, ein Musik-Imperium aufzubauen. Im Leben des 17jährigen Achim drehte sich alles um die Musik, das sollte sich bald ändern, denn er sah Vaterfreuden entgegen. Seine Freundin Erika erwartete ein Kind. Die beiden heiraten und Töchterchen Marlies erblickte das Licht der Welt. "Ich war genauso ein Vater wie mein Vater. Ich war nicht einmal lange genug zu Hause, um alles erzählen zu können, was ich inzwischen gesehen hatte", so beschreibt Achim die Zeit zwischen Musiker- und Familienleben. Denn die Rattles brachten jeden Abend den Star-Club zum Vibrieren. Ein Schallplattenvertrag ließ dann auch nicht mehr lange auf sich warten. Mashed Potatoes und Hello wurden große Erfolge. Und 1963 ging’s auf Englandtournee. Mit von der Partie waren die Everly Brothers, Little Richard, Bo Diddley und die damals noch unbekannten Rolling Stones. In den nächsten anderthalb Jahre tourten sie noch zweimal über die Insel. Auch dort gab es sogar schon Rattles-Fan-Klubs. Zwischendurch reisten sie in Deutschland von einem Konzertsaal zum anderen - ein Leben aus dem Koffer. Erfolgreich aber auch sehr anstrengend. Manfred Weissleder verkündete stolz auf der Titelseite der ersten kostenlosen Ausgabe seiner 'Star-Club News', der hauseigenen Jugendzeitschrift: "Die Rattles an der Spitze". Bis zum 1. August 1964 waren die Rattles schon 342 Nächte im Star-Club aufgetreten. Dieser Stress war Hajo, dem zweiten Gitarristen, irgendwann zuviel. Für ihn kam Rugy Rugenstein zu den Rattles. Und in der Besetzung gingen sie 1965 mit den Beatles auf Blitz-Tour. Die Rattles waren überall angesagt. Sie spielten im Vorprogramm der Pilzköpfe, dabei kamen sie so gut an, dass die Zuschauer noch nach den Rattles riefen als sich schon die Beatles ankündigten. Das hat Manager Brian Epstein überhaupt nicht gefallen und am darauf folgenden Abend mussten sie eher spielen, um den Beatles nicht die Schau zu stehlen.. Es gab auch Fanclubs in England, sogar in den USA und in Kanada, in Deutschland sowieso. Kein Wunder, dass die Rattles zu den ersten Künstlern gehörten, deren Aufnahmen ab Ende 1964 auf Weissleders Star-Club- Label erschienen. Mittlerweile waren sie zu Stars geworden, mit farbigen Autogrammkarten, Rattles-Sweatshirts, TV-Auftritten (Beat Club etc.) und 45minütigen Sensationsgastspielen im In- und Ausland. Die Lords konnten noch so oft in den Hitparaden auftauchen, das war für sie keine Konkurrenz, denn die spielten nur Pop. Die Rattles waren und blieben Rocker. Deutschlands Beatband Nummer Eins. Die Fans dankten es ihnen mit Plattenkäufen. La La La hieß der erste Hit (Platz 19) der Rattles, der am 1. Juli 1965 in die Charts eintrat, geschrieben von dem Amerikaner Clarence Paul. Come On And Sing wurde von Achim Reichel geschrieben (Februar 1966, Platz 11), Love Of My Life (Juli 1966, Platz 16) stammte von Herbert. Die Rattles spielten nicht nur nach oder ließen schreiben wie fast alle anderen Gruppen. Sie schrieben selbst! Die stolze Rattles-Bilanz - sieben Alben in den Charts. Achim wurde erstmals als Produzent tätig, indem er die Aufnahmen zur ersten Single der 'deutschen Stones', den Phantom Brothers, leitete, deren Sound bis dato anscheinend noch niemand hatte einfangen können. Achim gelang es. Dann kam der erste abendfüllende Beat-Spielfilm Deutschlands heraus: Hurra, die Rattles kommen! Das fanden die Jungs damals natürlich spannend, für einen Kinofilm die Musik zu schreiben. Heute denkt Achim ungern daran zurück: "Die hatten keine Ahnung. Und das schlimmste war, dass wir auch noch von richtigen Profisprechern synchronisiert wurden, da war nichts mehr echt und originell." Die Rattles jagten in der Tat von einem Erfolg zum anderen. Sie bekamen ein Angebot für eine Amerika-Tour. Doch die Bundeswehr funkte dazwischen und der Freude wurde ein jähes Ende bereitet. Ausgerechnet Achim wurde eingezogen. Trag Es Wie Ein Mann hieß dementsprechend seine erste deutschsprachige Solo-Single. Leichter gesungen als getan. Achim schmeckte der Reklamerummel, den die Bundeswehr um ihn veranstaltete, gar nicht. Und Herbert, Rugy und Dicky mussten die laufenden Verpflichtungen Hals über Kopf mit neuen Mitgliedern wie Frank Dostal (Gesang), und Bernd Schulz (Keyboards), beide von den Faces, erfüllen. Eine Katastrophe für die Fans. Nicht nur von seiner Gitarre sollte er sich verabschieden, nein auch seine Haarpracht musste dran glauben. Der Kasernenfriseur hat seine Haare büschelweise verkauft, über Anzeigen im "Musik Express". Er war das Paradepferd der Bundeswehr und musste die ganzen 18 Monate ableisten. Die Feuilletonseiten der Boulevardpresse begleiteten den Star durch seine Bundeswehrzeit. Einen Extra-Spind bekam er für seine Fanpost mit Durchhalteparolen, natürlich von überwiegend weiblichen Fans. Zwischendurch gab es Sonderurlaub für eine Tour mit den Rolling Stones. Nach seiner Entlassung als Unteroffizier kehrte Achim 1968 zurück ins Rampenlicht. Er musste sich entscheiden: entweder zurück zu den Rattles oder aber etwas ganz anderes machen. Die Band hatte während seiner Zeit als Panzergrenadier zwei neue Musiker angeheuert. Er wollte weder mit sechs Mann auf der Bühne stehen, noch dass die beiden wegen ihm auf der Straße standen. Also gründete er eine neue Gruppe. Seine Idee war, alle seine Lieblings-Musiker unter einen Hut zu bringen: Dicky Tarrach, Les Humphries, Helmut Franke und Frank Dostal. Was auch wunderbar klappte - Wonderland eben. Die erste Single Moscow wurde zu einem Riesen-Hit, da war die Welt in Ordnung. Produzent dieses Erfolges war kein geringerer als Weltstar James Last. Zusammen mit den Bee Gees ging’s auf Deutschland-Tournee. Der Tournee-Alltag bringt natürlich auch Belastungen mit sich. Die Truppe bestand zwar aus hochkarätigen Musikern, aber sie war keine organisch gewachsene Einheit. Mit der Chemie in der Gruppe stand es nicht zum besten. Zwischen den einzelnen Bandmitgliedern kriselte es, sie zogen bei Plattenaufnahmen nicht mehr gemeinsam an einem Strang. So konnte man keine gute Musik machen, - unmöglich. 1971 löste sich Wonderland wieder auf und Achim startete seine Solo-Karriere.
Er begann zunächst mit einer esoterischen Phase, fernöstliche Philosophien und Meditationen erweckten seine Neugier. In dieser Phase entstanden unter dem Namen AR & Machines fünf Alben. Meditative Rockimprovisationen, Raga-Musik hieß die Devise. Die Grüne Reise ist heute ein begehrtes Sammlerstück.
In dieser Zeit machte er sich auch Gedanken über seine persönliche Situation. Seine Ehe mit Erika existierte nur noch auf dem Papier, was kein glücklicher Zustand war, schon gar nicht für Töchterchen Marlies. Erika ging nach München und hat später wieder geheiratet.
Wie durch eine höhere Macht lief ihm zu diesem Zeitpunkt Heidi Pfingsten über den Weg. Sie war auch verheiratet und hatte einen vierjährigen Sohn - Illya. Mit ihr hatte er wieder einen zentralen Lebensinhalt gefunden. Etwa zeitgleich setzte er sich mit Musikerkollegen für die Rettung des legendären Star-Clubs ein, leider vergeblich. So wandte er sich wieder dem realen Leben zu, er wurde Geschäftsmann und gründete mit Frank Dostal eine eigene Firma: den Musikverlag Gorilla.
Sein Können und seine Erfahrung standen nun auch anderen Musikern zur Verfügung. Als Plattenproduzent produzierte er unter anderem sechs Alben der Minne-Rock-Band Ougenweide, eine Mischung aus Minnesang und Folkore mit mittelhochdeutschen Texten und auch vier Alben der Romantik-Rock-Band Novalis mit lyrischem Deutsch-Rock – anfänglich mit Carlo Karges, der später in der Nena-Band für viele Hits (z.B. 99 Luftballons) verantwortlich war.
Die konzentrierte Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache blieb nicht ohne Folgen. "Ich bin mir bewusst geworden, dass ich nun mal kein Ami und kein Engländer bin. Ich habe mich daran erinnert, wo ich herkomme und wollte musikalische Bezüge dazu herstellen."
Achim stöberte nach Seemannsliedern, deutschen, englischen und plattdeutschen. Das war irgendwie seine Welt, als Seemanns-Sohn. Diese Lieder riefen in ihm ein vertrautes, heimatliches Gefühl hervor, dieses Kribbeln im Bauch, welches er brauchte um die Texte in Musik zu verwandeln. Mit viel Fingerspitzengefühl und seiner unverwechselbaren markigen Stimme hauchte er diesen Geschichten neues Leben ein.
Dat Shanty Alb'm (1976) war geboren - sein erstes Solo-Album unter eigenem Namen. Eine perfekte Verschmelzung von Rock'n' Roll und Seemanns-Folklore teilweise in Plattdeutsch gesungen (Rolling Home). Dieses Werk sollte wegweisend sein.
Die Zeitschrift Musik Joker schrieb in Ausgabe 8/76 dazu: "Achim Reichel, Ur-Rattles-Rocker, hat endlich wieder ein hervorragendes Album produziert. Zehn Shantys in Englisch, Hoch- und Plattdeutsch singt Achim Reichel mit faszinierender, rauchig-tiefer Stimme. Der deftige Sprechgesang vom Hamburger Veermaster oder in Johnny Johnny, bei Rolling Home und in Düvel An Bord wird von einer sagenhaft guten Rockinstrumentierung begleitet. Ein duftes, rockiges Mitsing-Album, gut produziert und vom Cover bis zum letzten Ton ausgezeichnet organisiert."
"Niemals mussten sich die Verse in diesem Kontext strapaziert vorkommen; das Album stimmt in jedem Lied. Ein Ringelnatz-Couplet (Das Lied Von Der Hochseekuh), ein altes Fahrtenlied (Wir Lagen Vor Madagaskar) und ein selbstgebautes Shanty (Es Ging Langsam Voran) werden von Reichel, der fast alle Instrumente im Playback selber spielt, mit begeisternd intelligenten und eigenwilligen Arrangements aufbereitet. Selbstverständlich hat er auch die für Seemannslieder notwendige kantige, vollvoluminöse Stimme. Dat Shanty Alb'm ist ein geglücktes Experiment, eines der besten deutschsprachigen Konzeptalben". So beschrieb Die Welt Achims Werk.
Das Frauen-Magazin Petra schrieb: "Und wer es uns nicht glaubt, dass dies schlicht die beste Rock 'n' Roll-Platte ist, die jemals in Deutschland produziert wurde, den soll der Klabautermann holen."
Und der kam dann auch, der Klabautermann, seine nächste Scheibe 1977. Er entdeckte zu diesem Zeitpunkt seine Faszination für mystische Gestalten, und so tauchen Figuren wie Störtebeker, Klabautermann und der Fliegende Holländer auf. Werke von Fontane und Morgenstern wirken, als wären sie schon immer für diese Vortragsweise bestimmt gewesen. Kritiker und Käufer zeigten sich erneut sehr angetan vom Altdeutsch-Rocker-Reichel.
Die Hamburger Morgenpost schrieb zum Klabautermann: "Und es ist wohl das Beste, was seit langem in deutschen Studios auf Vinyl gepresst wurde! Achim singt und rock 'n' rollt, als hätte er die Popmusik überhaupt erst erfunden. Hat er auch, der Teufelskerl. Wir fordern: Achim Reichel for Harbour-Concert! Er hat sich um den norddeutschen Küstenstreifen verdient gemacht." (Sonnabend, 23.April 1977, Rubrik: LP der Woche)
Achim suchte an der Universität alles, was dort an Volksliedern und Literatur zu finden ist und entdeckt interessante Berührungspunkte. Joachim Ringelnatz und Christian Morgenstern (Sophie, Mein Henkersmädel vom Album Klabautermann 1977) schlagen die Brücke vom Dichter zum Rocker.
Fontanes Gedicht Herr Von Ribbeck Auf Ribbeck und Ina Seidels unheimliche Regenballade vertonte er für sein gleichnamiges Album Regenballade 1978, heute ein Klassiker mit Kultstatus. Damals wie heute ein perfektes Medium um dem Deutschunterricht an Schulen wieder lebendig zu machen. Denn auf dieser Scheibe befinden sich Gedichte von Goethe, Fontane, Liliencron und Ina Seidel, die jeder aus seiner Schulzeit kennt, wo mindestens einer dieser Texte abgefragt wurde und heute noch wird. Gestalten wie Herr von Ribbeck, Der Zauberlehrling, der Fischer oder John Maynard erwachen zu neuem Leben. Man bekommt eine Beziehung zu den Geschichten die hier erzählt werden.
Ein Werk, welches viel Lob einheimste und den Deutschen Kritikerpreis gewann.
Alle seine Projekte laufen phantastisch - Ougenweide bei Polydor, Novalis bei Metronome, Shanty bei Teldec. Um dies alles unter einen Hut zu bringen gründete er 1979 das Label Ahorn. Seine Philosophie bestand darin, deutsche Sprache mit Rockmusik zu verbinden.
Auch in seinem Privatleben hatte die Bindung zu Heidi Bestand. Tochter Alena wurde geboren und am 4.12.78 heiratete Achim seine Heidi. Familie Reichel bestand nun aus Achim und Heidi, Marlies aus erster Ehe, Heidis Sohn Illya und Tochter Alena. Schon lange träumte Achim von einem Haus im Grünen, nun war es soweit. Ein Haus auf idyllischem Grundstück, vorerst war sein Glück vollkommen.
Musikalisch machte sich Reichel auf die Suche nach der aktuellen deutschen Sprache, die Gefühle klar, unsentimental und volksnah ausdrückt, ohne in Schlagerkitsch abzugleiten. Durch einen Freund lernte er Autoren wie Jörg Fauser, Peter Paul Zahl und Kiev Stingl kennen, die ihrerseits eine Beziehung zur Populärkultur suchten.
Somit begann für ihn eine neue spannende Schaffensphase, in der er es mit den unterschiedlichsten Charakteren zu tun bekam. Von manchen vertonte er bereits existierende Werke, andere schrieben eigens neue Texte für das entstehende Album Ungeschminkt. Das war der Einstieg in die moderne Sprachkultur. Ständig war er auf der Suche nach Texten und Inhalten die ihn ansprachen, ihm unter die Haut gingen, bei denen er etwas fühlte.
Aber nicht "Friede-Freude-Eierkuchen"-Texte, sondern Themen aus dem "wahren Leben" gefallen Achim. Und genau diesen Bereich wussten Jörg Fauser am besten anzusprechen. Blues In Blond war dann das erste Album für das Jörg Fauser alle Texte geschrieben hat. Mit ihm lag Achim am ehesten auf einer Wellenlänge und so entstanden Texte, mit welchen er sich identifizieren konnte. Die Singleauskopplung von dieser Scheibe Der Spieler wurde ein echter Renner. Und auch eine Einladung zur ZDF-Hitparade flatterte ins Haus. Seitdem ziert eine "Hitparaden-Drei" Achims Trophäensammlung. Hierzu gesellte sich auch noch der begehrte Willy-Dehmel-Preis, diesen heimsten Jörg und Achim für das Lied Der Minister von der LP Nachtexpress ein.
Dann kam plötzlich ein Knick in die bisher märchenhaften Karriere des blonden Hanseaten. Geschäftliche Querelen mit Partner Frank Dostal gingen an die Nieren und viel Geld musste fließen für die geschäftliche Trennung. Sein Haus im Grünen war vom Holzbock befallen. Es sollten stressige Jahre folgen mit Hoffen und Bangen um Haus und Finanzen. Das war eine schwere emotionale Belastung. Seine Finanzierungsdecke brach zusammen, die Banken kennen kein Pardon, auch für Stars gibt’s keine Gnade. Der Prozess um das Haus sollte acht Jahre dauern und ging bis nach Karlsruhe. Er musste seine GEMA-Gebühren abtreten und die Schallplattenverträge wurden von der Bank bis aufs Komma geprüft.
Eine kurzfristige Ablenkung bot die Mitarbeit an dem Kinofilm Va Banque im Jahre 1986. Figuren wie Joschka Fischer, Rio Reiser und Rolf Zacher waren mit von der Partie. Aber schauspielern ist nicht unbedingt Achims Ding, seine Welt ist die Musik.
Noch immer grübelnd und nachdenklich wagte er sich an eine neue Plattenproduktion. Es erschien Eine Ewigkeit Unterwegs und so meldete er sich zurück auf dem Musikmarkt. Zuvor hatte er sich aus dem Firmengeflecht herausgelöst, denn das hatte ihn zuvor sehr stark vereinnahmt. Ein eigenes Label und einen Musikverlag - beides verschlang soviel Zeit, so dass seine eigene Musik zu kurz kam. Eine Ewigkeit Unterwegs erschien somit nicht auf dem Ahorn-Label, sondern bei der WEA.
Und tatsächlich war er dann eine Ewigkeit unterwegs, denn er ging auf eine vierwöchige Ost-Asien-Tour für das Goethe-Institut. Diese Einladung war für ihn eine willkommene Abwechslung und er wertete diese als eine Auszeichnung. Auch sein Freund und Texter Jörg Fauser war dabei - er dokumentierte für den "Stern".
Auf dieser Reise ermutigte Jörg Fauser Achim, sich selber als Texter zu versuchen und auch Kiev Stingl stimmte zu. Beide versprachen Hilfe, welche Achim aber nicht in Anspruch nehmen musste.
Sein Selbstvertrauen wuchs, er machte sich Notizen. Wortfetzen, Satzbausteine, Ideen - alles wurde festgehalten. Nach dieser Asien-Tournee hatte er unzählige Zettel mit Textbausteinen. Und so war dieser Bann gebrochen, Achim textete selbst.
Jetzt ging’s erst einmal auf Deutschlandtour, hierzu schrieb die "Frankfurter Rundschau": "Reichel ist wieder da. Er erlebt auf dieser Tour seinen dritten Musikerfrühling und versprüht auf der Bühne immer noch den Charme eines Newcomers." (19.12.1986, Rubrik: Kultur)
Steaks Und Bier Und Zigaretten von dieser Scheibe hat heute Kultstatus und sie ist von Achims Konzerten nicht mehr wegzudenken... Leider wurde die Tournee abgebrochen, denn Achim musste ins Krankenhaus mit Verdacht auf Salmonellen. Und da ein Unglück selten allein kommt, verunglückte während Achims Krankenhausaufenthaltes Jörg Fauser tödlich. Er verlor seinen Freund und Texter, der einen Zusammenprall mit einem Lastwagen nicht überlebte.
Jetzt, wo er seinen geistigen Bruder verloren hatte, musste er sich entscheiden, wie er seine Arbeit in Zukunft aussehen sollte. Angebote von neuen Textern waren bei ihm keine Mangelware.
Aber Achim Reichel entschied sich für Eigenregie und schrieb selber seine Gedanken auf und verwandelte sie dann in singbare Texte. Die Entwürfe zeigte er zunächst seiner Frau Heidi, die ihn ermutigte, weiterzumachen. Was dabei herauskam war vollkommen seine Welt. Jedes Wort entspricht seinen Gedanken, kein Filter, kein fremder Einfluss, eben Achim pur.
Eine neue Tür war aufgestoßen, neue Träume waren möglich. Nach fast 30 Jahren als Rockmusiker hatte für ihn mit Fledermaus ein neues Kapitel begonnen. Dabei reichte die Musikpalette, vom unter die Haut gehenden Liebeslied Die Nacht Hat Viele Sterne, bis zum groovenden Tanzstück. Das Radio spielt alle seine Stücke und das war sehr wichtig für Achims Selbstvertrauen als Texter. Nur an der Musik wollte er noch etwas feilen, die war ihn noch nicht echt genug. Computerisierte Musik mit Synthesizer, das war ihm zuviel Technik. Er wollte Musik machen mit Kopf und Bauch, mit Händen und Füßen, was echtes eben.
So entstand die Idee von einer Aufnahme bei sich zu Hause im Wohnzimmer. Ohne Rücksicht auf Haus und Nachbarn ließ er ein mobiles Aufnahmestudio in einem Sattelschlepper anrollen. Drei Tage lang spielen die Musiker vor Freunden und Gästen die Lieder ein und daraus entstand Was Echtes. Das Album hat einen unvergleichlichen Live-Charakter mit z.B. Fliegende Pferde, die bei dieser Aufnahme besonders gut abheben. Fliegende Pferde und Kreuzworträtsel werden Top-50-Hits.
Die Scheibe an sich wurde nicht der ganz große Renner, was ihn aber nicht sonderlich enttäuschte. Er war mir seinem Werk zufrieden und fühlte sich dabei wohl in seiner Haut. "Mein Standard reichte immer aus, um mich wohl zu fühlen... .Ich will zwar erfolgreich sein, aber nicht um jeden Preis." (Zitat Achim Reichel aus seinem Buch Blues In Blond)
In seiner vielschichtigen Anhängerschar wurde immer wieder der Wunsch nach einer Rattles-Vereinigung laut. Und 1988 war es dann soweit. Nach 25 Jahren, auf Initiative ihres ursprünglichen Produzenten Siggi Loch, fand sich die legendäre Rockgruppe wieder zusammen. Achim gab sich einen Ruck. Er konnte zudem das Geld gut gebrauchen für den nicht enden wollenden Prozess um sein Holzbock-Haus.
Also gingen Achim und Herbert zusammen mit Dicky Tarrach (Schlagzeug) und Henner Hoier (Keyboards) noch mal als Rattles an den Start. Das erste Album Hot Wheels kam in die Charts und die Tournee war ebenso erfolgreich.
Aber diese Wiedererweckung brachte auch Probleme. Denn schon die ersten Gespräche, die die stilistische Richtung festlegen sollten, zeigten die unterschiedlichen Vorstellungen der Beteiligten. In 25 Jahren hatten sich alle Musiker in verschiedene Richtungen entwickelt. Alle mussten sich äußerst kompromissbereit zeigen.
Auch die Fans hatten Probleme Reichel und die Rattles auseinander zuhalten. Da kam es vor, dass bei Rattles-Konzerten das Publikum nach Fliegende Pferde oder dem Spieler verlangte und seine Kumpels auf der Bühne waren gefrustet.
Danach gab es noch einen Nachschlag Painted Warrior und dann war für Achim die Zeit gekommen, einen endgültigen Schluss-Strich unter seine Rattles-Zeit zu ziehen. Er klinkte sich aus und wünschte seinen Kumpels viel Erfolg.
Schon allein die unterschiedliche Sprache machte das Projekt kompliziert. Achim hatte sich nun mal für die deutsche Sprache entschieden und die Rattles sangen englisch. Seine Muttersprache war eben die Sprache in der er dachte, fühlte und träumte und nur so konnte er "echt" sein.
Nicht nur das Rattles-Kapitel war nun abgeschlossen. Auch der achtjährige Prozess um seine Holzbock-Villa war endlich überstanden. Er hatte sein Geld wieder, ihm fiel eine Zentnerlast vom Herzen und konnte sich so wieder mit klaren Gedanken auf ein neues Album konzentrieren. Diese positive Stimmung spiegelte sich dann auch auf der nächsten Scheibe Melancholie Und Sturmflut wieder. Die Texte klingen glücklich und entspannt. Die Platte wurde ein großer Erfolg und erreichte Goldstatus. Und die Singleauskopplung Aloha Heya He wurde ein Renner, und ist bis heute das meistgespielte Lied im Radio. Dabei kam dieser Knaller mehr oder weniger zufällig zustande. Die Melodie für Aloha Heya He lag im Dornröschenschlaf in einem seiner Umzugskartons und wartete auf seine Erlösung.
Sechs Jahre lag musste seine Anhängerschar auf eine Tournee warten und dann war es endlich wieder soweit.
Die "Westfälische Rundschau" -vom 16.Oktober 1991 beschrieb das Konzert in Düsseldorf so: "Achim Reichel: Virus von der Waterkant in Düsseldorf. Es gibt sie noch, diese Konzerte, bei denen sich irgendwann langsam die Nackenhaare sträuben und es dann eiskalt den Rücken runterläuft. Sechs Jahre lang hat Achim Reichel sich nicht mehr solo auf einer Bühne sehen lassen. Jetzt kehrt er ins Scheinwerferlicht zurück und wurde dafür im Düsseldorfer "Tor 3", bei seinem einzigen NRW-Konzert, mit Ovationen gefeiert. ...An der Elbe wird der "neue" Reichel seit der Veröffentlichung der letzten LP Melancholie Und Sturmflut als Hamburgs Antwort auf Herbert Grönemeyer gefeiert. Zumindest als die Düsseldorfer minutenlang Aloha Heya He, den neuesten Hit des Jungen von St. Pauli, sangen, da wurde klar: Der Virus von der Waterkant breitet sich aus."
Nach so einem großen Erfolg hieß es Bodenhaftung zu behalten, bloß nicht abheben. Aber Achim blieb seiner Linie treu. Er machte sein Ding und ließ sich nicht verrückt machen von der Plattenindustrie, die in der Folge natürlich auf ein zweites Aloha Heya He schielte. Auf Biegen und Brechen nur Hits produzieren artet mit der Zeit in Stress aus, wirkt aufgesetzt und kommt nicht mehr ehrlich rüber. Und genau das war sein Motto. "Wer stets die Nummer Eins sein will, muss sich irgendwann ernsthaft die Frage stellen, wie er mit dem unweigerlich näherrückenden Herzinfarkt klar kommen will - den bringt der Stress nämlich garantiert früher oder später mit sich."
Wahre Liebe hatte als Nachfolger eine schwere Aufgabe. Es wurde nicht so ein Renner wie sein Vorgänger, aber Achim und seine Fangemeinde waren zufrieden. Sein persönliches Lieblingsstück Wahre Liebe und Und plötzlich war er 50. Am 28. Januar 1994 startete er zu diesem Anlass eine Zwei-Tage-Party. Er wollte sich nicht verstecken und sein Alter verheimlichen, wie andere Musiker-Kollegen. Und da ging dann die Post ab auf der Großen Freiheit. Aufgenommen wurde die Sause in Wort und Bild vom Rockpalast aus Köln, was nicht nur in einem Fernseh-Spezial mündete, sondern ganz nebenbei auch die Live-CD Große Freiheit hervorbrachte. Diese Riesengaudi genoss er in vollen Zügen und die Fans waren begeistert. Gute Freunde wie Inga Rumpf, Joachim Witt und Ulrich Tukur waren mit von der Partie und brachten dem Jubilar ein Ständchen: Ein Freund, Ein Guter Freund. Die CD ist lebendig und lässt ahnen, welch großartige Stimmung bei dieser Sause herrschte. Keine Spur von Müdigkeit, die Zeit hat ihn nicht altern lassen, sondern reifen. Souverän kann er auf 30 Jahre Bühnenerfahrung zurückblicken und er hat dabei sein Gesicht bewahrt. Er konnte jeden Morgen guten Gewissens in den Spiegel schauen. Achim war nun in einer Hochstimmung, der Prozess war schon lange vorbei und Familie Reichel hatte gerade ihr neues Haus bezogen. Nun wollte er mal etwas ausprobieren und Grill-Party-taugliche Lieder schreiben. Und so schrieb er putzige kleine Geschichten für sein nächstes Werk Oh Ha. Schon vom Titel des Beiheftes strahlt der blonde Hanseate mit der Sonne um die Wette. Lieder wie Fahrrad Fahrn und Jonny Hat‘s Gut sind einfach ansteckend gutgelaunt vorgetragen, die Texte von Der Melkschemel laden mit lustigen Pointen zum Schmunzeln ein. Das ist natürlich nicht das, was man sonst so von ihm gewohnt ist. "Man sagt mir ja auch gern nach, ich wäre prädestiniert für Melancholie und Tiefgang. Kann sein, dass man von mir die Gute-Laune-Stimmung einfach nicht erwartet hat. Aber diese CD fiel nun mal genauso aus, wie ich mich damals fühlte." In seiner Solokarriere, die er 1976 startete, hatte er bis dato 140 Lieder produziert. Alte Dichter, wie Goethe und Fontane, neue Poeten wie Jörg Fauser und Kiev Stingl und er selbst hatten die Texte dazu beigesteuert. Und so war seine Plattenfirma der Meinung, es wäre mal an der Zeit, eine Auslese zu treffen, nach dem Motto: Das Beste von Achim Reichel. Das war bei dieser Vielfalt natürlich schwierig. Jeder Reichel-Fan, der mal selber versucht hat, sich eine Kassette fürs Auto, oder eine CD fürs Kinderzimmer zusammenzustellen, kann das nachvollziehen. Man könnte es nach Themen ordnen, z.B. die schönsten Balladen und Shantys, was fetziges, Lieder für ein Grillfest, oder was rockiges. Vor allem darf das Ganze nicht den Rahmen einer CD sprengen. Aber Achim hat mit viel Feingefühl und Intuition eine Auswahl getroffen, die keine Wünsche offen ließ. Jede Stilrichtung wurde bedient, denn da stehen Shantys neben alten und neuen deutschen Dichtern und seinen eigenen Texten - und es passt. Er kramte in seinen Archiven und packte das Titellied Herz Ist Trumpf und Lächeln Sie Doch Mal,.. hinzu. Auch für eingefleischte Reichel-Hörer gibt es noch neues zu entdecken. Auch Exxon-Valdez, welches er im Auftrag von Greenpeace schrieb, fehlt natürlich nicht. "....Und es gibt Achim Reichel, dem einfach niemand das Wasser reichen kann. Dreißig Jahre ist der mittlerweile 54jährige im Geschäft, zwei Drittel davon solo. Und das Hit-Potpourri, dass er seinen Fans in diesem Jahr anbietet, ist wie eine kleine Bilanz. ....Von Verschleißerscheinungen keine Spur, das spitzbübische Lächeln erstrahlt wie vor 20 Jahren, und für einen kleinen Smalltalk mit den Leuten in den ersten Reihen ist er immer zu haben. Anmacher- oder Auflehnerposen hat er nicht nötig, sein schlichtes, sympathisches Auftreten reicht, man muss ihn einfach mögen." (Hannoversche Allgemeine Zeitung - 5.5.98) Auch seine Werke aus seiner AR-Zeit wurden neu belebt und erschienen 1998 als Echo Aus Der Grünen Reise. Von seinen Töchtern und Bekannten erfuhr er, dass A.R. & Machines auch bei Goa-, Trance-, und Ambientparties läuft. Das hätte ihm sicherlich keiner seiner Kritiker in den siebziger Jahren prophezeit. Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt, indem die neue Generation seine Werke für sich entdeckt hatte. Eigentlich war dieses Kapitel für ihn längst abgeschlossen. Er musste damals feststellen, dass man seinen neuen Ideen hierzulande eher misstrauisch gegenüberstand. Welch eine Genugtuung war es für ihn, dass diese Musik 25 Jahre später aus der Versenkung auftauchen konnte. So wurde aus den sechs Alben eines gemacht, alles etwas aufgepeppt, in einen neuen Ablauf gebracht, alles entrauscht und entknistert. Nach zwei Alben mit gesammelten Werken aus früherer Zeit sollte nun aber wieder was neues entstehen. Normalerweise entstand eine Platte in einem Zeitraum von ca. zwei Jahren. In diesem Falle waren fast vier Jahre dazwischen. Achim hatte also genug Zeit, sich mit neuen Techniken vertraut zu machen, zu probieren und zu tüfteln. Mit der computergestützten Aufnahmetechnik hat sich die Welt verändert. Wo sonst die Aufnahme beendet war, bot sich nun die Möglichkeit der technischen Nachbearbeitung. Mit großem Werbeaufwand seitens der Plattenfirma ging Entspann Dich 1999 ins Rennen. Das Titelstück mit der Empfehlung zum Erreichen von mehr Lebensqualität, hätte gut in jede Radiosendung gepasst. Schon das Titelbild lädt zum Entspannen ein. Das rockige Titellied und die melancholisch wirkende Ballade Ich Hab So Lang Auf Dich Gewartet, setzen sich schnell in den Gehörgängen fest. Aus dem Text von Reichel-Fan Sigi Schreck An Den Ufern Deiner Blauen Augen hat er einen wunderbaren Blues gezaubert. Aber die Kooperation zwischen deutschen Musikschaffenden und dem einheimischen Rundfunk funktionierte nicht mehr. Die Sender spielten nur noch solche Titel, bei denen weitgehend gesichert ist, dass sie dem Hörer auch vertraut sind. Dieses kranke System hat leider bis heute Bestand, denn wie sollen neue Stücke den Hörern bekannt sein, wenn sie im Radio nicht gespielt werden? Achim Reichel: "An Stelle von identitätsstiftenden Musikprogrammen wird der Hörer im eigenen Land wachsender Sprachentfremdung ausgesetzt, indem er mit angloamerikanischem Allerwelts-Pop überfüttert wird. Apropos identitätsstiftend, eines scheinen wir immer zu vergessen: Für jeden Radiohörer auf den britischen Inseln oder in Ami-Land ist es das normalste von der Welt, alle Songtexte in seinem Radio verstehen zu können. Er ist dabei nicht zu Schaden gekommen, ganz im Gegenteil. Sein kulturelles Erleben hat mehr Inhalt. Wie es aussieht, läuft es bei uns genau andersherum. Egal, wo man in unserem Land das Radio anschaltet, es entsteht der Eindruck nicht dort zu sein, wo unsere Sprache zuhause ist." Das war 1999 so und so ist es leider heute noch. Erstklassige Musik von Achim Reichel bleibt dem Radiohörer verborgen, wie gut, dass es CD-Spieler gibt. Und natürlich seine Konzerte. Auf der Expo in Hannover und beim Bardentreffen in Nürnberg sorgte er für Stimmung. Mit Entspann Dich verabschiedete er sich erst einmal vom Selber-Texten. In Anlehnung an seine Trilogie der alten Dichter wandte er sich wieder der deutschen Lyrik zu. Die klassischen Balladen, die ihn schon früher so fasziniert haben, ziehen ihn wieder in ihren Bann. Außerdem sorgt er sich um die deutsche Kultur und möchte auf seine Art und Weise dazu beitragen, dass die kulturelle Identität in Deutschland nicht verloren geht. Einen kleinen Beitrag will er leisten, dass ein Umorientierungs-Prozeß stattfinden kann. Deutsches Liedgut, deutsche Lyrik wer kennt das heute noch, wo einem aus den Rundfunkgeräten nur noch fremde Töne entgegenschallen? Dabei erinnerte er sich an ein Erlebnis in einem irischen Pub, wo er ein Lied aus seinem Heimatland zum besten geben sollte. Auf diese brenzlige Frage war er nicht gefasst. Selbst ihm als Musiker, der sich schon seit Jahren mit seiner Muttersprache befasste, hatte man so auf dem falschen Fuß erwischt. Also machte er sich auf die Suche nach altem deutschem Liedgut und Texten. Die Loreley (Heinrich Heine), ursprünglich ein Walzer, bekam ein paar zusätzliche Akkorde verpasst und kommt so beschwingt daher, dass sie selber ihre helle Freude daran hätte. Goethes Erlkönig mit Achims markiger Stimme vorgetragen klingt unübertroffen mystisch. Geschichten wie Belzazar oder vom Nöck erreichen Hörspielqualität allererster Güte. Zum Einsatz kommen exotische Instrumente wie z. B. ein türkisches 12-String-Banjo, eine Mandoline oder ein Triton-Muschelhorn. Sie lassen die Silberscheibe zu einem wahren Klangerlebnis werden. Mit dem Wilden Wassermann hat Achim mal wieder bewiesen, welch ein hervorragender Musiker er ist. Nach fast 40 Jahren Bühnenerfahrung ist er noch kein bisschen müde geworden. Immer noch mit frischem Tatendrang ausgestattet und in hervorragender Spiellaune ging es 2002 auf Wilder Wassermann-Tour. Er versteht es noch immer das Publikum zum Kochen zu bringen. "Rock-Poet Reichel: Die Festhalle kochte. Zweieinhalb Stunden Programm - Das Publikum tobte" - so titelte das Buxtehuder Tageblatt (27.5.02) "Der Mann ist 58, ein Urgestein der deutschen Rockmusik und immer noch besser als viele seiner Nachfolger. [...]", schrieb die Westfalenpost (11.11.02) Besticht durch seine Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und Natürlichkeit. Da ist gibt’s kein "Playback", alles echte Handarbeit, was er auf der Bühne abliefert. Mit seiner kernig-markigen Stimme trägt er die Balladen vor, als wären sie einzig und allein dafür geschaffen. Eingepackt in griffigen Rock und Melodien, die sich sofort ins Herz und in die Ohren bohren. Im August 2003 feierte er sein 40. Bühnenjubiläum. Wieder so ein Anlass zum Feiern. Die Hamburger Fischauktionshalle war Zeuge dieses großartigen Ereignisses. Zwei Tage lang dauerte die Sause. Viele Freunde und Kollegen waren gekommen, um dem Jubilar zu gratulieren. Unter den Gästen waren u.a. Heinz-Rudolf Kunze, Klaus Lage, Inga Rumpf, Jan Fedder, Piet Klocke, um nur einige wenige zu nennen. Musiker Kollege Kunze lobte ihn als "ehrliche Haut" und "reizenden Kollegen". Und damit dieses Ereignis nicht nur für die Glücklichen, die direkt dabei waren zum Erlebnis wird hat der Rockpalast dieses Konzert mitgeschnitten. Am 28.1.04 wurde Achim, man höre und staune, 60 Jahre jung. Damit ist er unter den Musikern schon im Dinoalter angekommen. Noch voll im Saft schreibt er immer noch fleißig seine Stücke und rockt auf der Bühne frisch wie eh und je. Er denkt nicht ans Aufhören, sein Ideenbrunnen sprudelt noch munter weiter, so dass er noch immer mit neuen Werken aufwarten kann. Dabei kann er mit Stolz zurückblicken und noch jeden Morgen unbeirrt in den Spiegel schauen, denn er ist immer er selbst geblieben. Er hat sich nicht verbiegen lassen, hat immer sein Ding gemacht. Ist nicht in "chartfähige" Regionen abgedriftet und ist seiner Muttersprache treugeblieben. Über ihn gibt es keinen Klatsch in den Boulevardblättern zu lesen und Skandälchen sucht man bei ihm vergebens. Seine Anhängerschar ist weitgestreut, sie hat viele Stilrichtungen mitgemacht und konnte sich zuletzt alle zwei Jahre auf ein neues Album freuen. Und alle hoffen, dass das noch lange so bleibt. Es war mir eine große Freude und Ehre, diese Zeilen über Achim Reichel schreiben zu dürfen. Für die fabelhafte Unterstützung bedanke ich mich recht herzlich bei Kurt Mitzkatis, von German Rock e.V., der mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Und natürlich bei der Mannschaft,beim Meister selber, dem Meister der Saiten, dem Herr der markigen Stimme, dem Urvater des Deutschrocks, dem Rockpoeten, dem Unverwechselbaren, dem Echten, dem 100%igen Achim Reichel. Ein kleines Lied, wie geht’s nur an, dass man so lieb es haben kann, was liegt darin? Erzähle! Es liegt darin ein wenig Klang, ein wenig Wohllaut und Gesang und eine ganze Seele. (Marie von Ebner-Eschenbach)
Quellen: [Gertrud Kremer] |
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- 15-Mai-2004 -