WOLFGANG MICHELS
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Wenn man als Junge in den 60er Jahren in einer grauen norddeutschen Industriestadt aufwächst, hat man oft nur eine Chance, Gedanken und Gefühlen ein Ventil zu geben: Musik. Bei Wolfgang Michels paarte sich die Leidenschaft für Musik mit dem Talent, sein Innerstes schriftlich fixiert nach außen kehren zu können.
Schon früh brachte er sich selbst das Gitarrenspiel bei und schrieb eigene Songs. Beeinflusst von den Beatles & Stones, Doors & Dylan sollte er später eben mit jenen Rock-Größen verglichen werden. Doch davon ahnte der junge Wolfgang Michels nichts, als er 1966 im Vorprogramm der German Bonds auftrat, 1967 seine Schülerband Take Five gründete und 1968 unter dem Pseudonym One Plus None einen Achtungserfolg beim BBC landete. Mit kaum nachvollziehbarer Kontingenz scharrten sich andere junge Musiker um den charismatischen Interpreten & Songschreiber, woraus die erste deutsche Independent-Band Percewood's Onagram mit wechselnder Besetzung entstand. Von 1969 bis 1974 erschienen vier Alben mit englischsprachigen Songs und handgemachter, gitarrenlastiger Musik, deren unterschiedliche Stilelemente wie Beat, Folkrock, Rhythm & Blues und Psychedelic zu einem eigenen Stil verschmolzen: Percewood's Onagram (1969), Lessons For Virgins (1971), Tropical Brainforest (1972) und Ameurope (1974). Die Besonderheit aller Songs lag in der komplexen Eigenständigkeit und Zeitlosigkeit, welche die Band musikhistorisch so wertvoll macht. Ergreifende Texte voller Mystik und Mehrdeutigkeiten erblühten unter Michels' emotionalem und facettenreichem Gesang. Er, der alle Songs alleine textete & komponierte, setzte sich abseits von love & peace mit gesellschaftlichen Themen auseinander, wie es zur damaligen Zeit kaum ein anderer deutscher Songschreiber gewagt hätte. Dem Publikum fiel es damals noch etwas schwer, die Wahrheiten, die er ans Licht holte, gebührend auf sich wirken zu lassen. Doch der Lustgewinn seiner Virtuosität war einfach zu stark, als das man am Zustand der Welt verzweifeln wollte. Daran änderte sich nichts, als Wolfgang Michels ab 1975 als Einzelkünstler sein Schaffen um großartige Werke ergänzte, die noch subtiler & spiritueller, atmosphärischer & ausgereifter waren. Nach Auftritten in San Fransisco wurde er als erster Deutscher in Kalifornien als Musiker akzeptiert und nahm dort zwei Alben auf. Er beschrieb seine Erfahrungen jener Zeit mit folgenden Worten: "Diese Aufnahmesessions waren mit die schönsten, die ich überhaupt erlebt habe, weil alles in einer unheimlichen Lockerheit, Harmonie und Perfektion stattfand. Auch die ganze Atmosphäre dort in Kalifornien hat natürlich mitgespielt." Und genau das spiegelte sich in den beiden Alben Full Moon California Sunset (1977) und Crazy Enough (1979) wieder. Musikalisch vereinten sich die Blues-, Folk-, Rock-Wurzeln mit den Westcoast-Einflüssen, der Gesang war lässig und sinnlich, von Zwischentönen durchzogen. In seinen Texten verschwand zuweilen der Zeigefinger, welcher dem Zuhörer in empfindliche Wunden stach. Viel mehr perfektionierte er seine Fähigkeit, sich dem Menschen so zu nähern, dass sein sensibles Potenzial sich nicht im Gesamtkontext verfing. Damit schuf Michels magische Momente. Er schien über einen goldenen Schlüssel zu verfügen, mit dem er Geheimtüren zur menschlichen Seele jederzeit öffnen konnte. Zwischen den beiden kalifornischen Alben erschien 1978 eine Kompilation mit teilweise unveröffentlichten Songs seiner Band Percewood's Onagram, treffend New Wave Dropouts genannt. Im selben Jahr erhielt er den Deutschen Schallplattenpreis (heutiger "Echo") als bester nationaler Künstler, und verkaufte seine Solo-Alben über 50.000 mal. Die große Liebe führte Michels nach Deutschland zurück, wo er seine gebündelten Begabungen nunmehr in seiner Muttersprache auszudrücken vermochte. Auch mit seinen deutschen Songs gelang es ihm auf unnachahmliche Weise, eine Gänsehaut zu erzeugen. Wie ein bildender Künstler malte Michels in Farben und Formen, die auch andere Menschen fühlten. Er ließ Bilder in den Köpfen der Menschen entstehen - sinnesoffen, reduziert und individuell. In seinen Arbeiten vermittelte er etwas von dem Wesen der Dinge, und es waren gerade die kleinen Gesten, die den Songs ihre unvergleichliche Dynamik und assoziative Kraft gaben und heute immer noch geben. In Verbindung mit melodischen, satten Kompositionen und subtilen Arrangements, die nie so recht in ein bestimmtes Genre passen wollten, wurde jeder Song ein sehr persönliches und eigenständiges Kunstwerk. Sein Hauptinstrument mit ganz eigenen, wichtigen Rollen blieb die Akustikgitarre. Michels' deutschsprachige Alben Irgendwas stimmt hier nicht (1981), Keine Probleme (1983) und Bei Mondschein ... (1985) entstanden unter dem Einfluss der freundschaftlich-kreativen Zusammenarbeit mit Rio Reiser. Doch die Musikindustrie zeigte sich im Großen und Kleinen weniger kooperativ, so dass ein begnadeter Künstler mit enormem Potenzial lange Zeit von eigenartigem Pech verfolgt und in der Ausübung seines Schaffens blockiert wurde. Einige Medienanstalten kompensierten die Umstände durch positive Momente wie zahlreiche Hörfunk-Porträts, Fernseh-Auftritte und Airplays in allen Bundesländern. Hinzu kamen zahlreiche begeisterte Rezensionen in der Musikpresse, die jeden seiner Schritte bis heute treu verfolgt. 1990 veröffentlichte Michels unter dem Zweitnamen Percewood die glatte Pop-Nummer Dancin' On The Edge Of Life und landete mit diesem für ihn eher untypischen Werk prompt auf höheren Chart-Positionen, so dass man in jener Zeit fast täglich im Radio hören konnte. Zu Zeiten der großen Unplugged-Welle wurden fast alle Alben von Percewood's Onagram und Michels als CDs wiederveröffentlicht und mit Orange Kindergarden (1994) eine seltene Compilation-CD auf den unsicheren Markt gebracht: Eine Mischung aus englischen & deutschen, uralten & brandneuen Songs verunsicherte die Käufer, die von Michels' seinerzeit aktueller Single Bring Me Water (1995) sehr angetan waren, aber endlich ein komplett neues Album erwarteten. Für die Fans war und ist Orange Kindergarden ein Best-Of-Album mit Ergänzungsbedarf. Müde vom Kampf als anerkannter Künstler gegen die große Ignoranz der Plattenfirmen, aber geistig hellwach und mit ungebremster musikalischer Leidenschaft, verlagerte Michels seine Haupttätigkeit in letzter Zeit vorübergehend auf die Musikproduktion und initiierte sehr erfolgreich den Telefunken-Relaunch bei der Plattenfirma Eastwest. 50 Alben des einstigen deutschen Kultlabels (mit Chansons, Beat & Rock) wurden Dank seiner Firma Michels Music Consulting neu produziert (digital remastert und optimal aufbereitet). Auch für andere Plattenfirmen produzierte Michels hochgelobte Zeitdokumente der Musikgeschichte, etwa die Vierer Box Rest Of The Best der Rolling Stones (Decca) oder Das Erste Vermächtnis von Udo Lindenberg (Polydor). Zeitgleich wurde er engagiertes Mitglied vom German Rock e. V., fand einen späten aber passionierten Fan, der eine profunde Homepage über Michels' Lebenswerk erstellte, und erfuhr ein zaghaftes Comeback seiner Band Percewood's Onagram - deren Best-Of-Album 1969 - 1974 erschien im März 1999 erstmals auf CD und kam besonders bei jungen Leuten sehr gut an. All das zeigte ihm, dass Hoffnung ein zartes aber immergrünes Pflänzchen ist, welches sich zu pflegen lohnt. Mit einigen Wassertropfen wächst daraus möglicherweise eine neue CD - hoffentlich bald. Obwohl Michels bisher noch nicht den Bekanntheitsgrad und kommerziellen Erfolg erlangen konnte, der ihm zusteht, hat er ein wichtiges Stück deutscher Rock- und Popgeschichte mitgeschrieben und gehört zur seltenen Spezies international konkurrenzfähiger einheimischer Musiker und Songschreiber. Von Fans und Presse wird er bis heute als "Kultfigur des Acoustic Groove" ("Frankfurter Rundschau") gefeiert, und wenn man seine bisher unveröffentlichten Demo-Songs hört, muss man feststellen, dass er nichts an seinem Charme & Biss verloren hat. Mit lasziv-erotischer Stimme und entspannt-unverkrampfter Musik bringen seine Balladen und Uptempo-Stücke unser zwischen-menschliches Zeitgeschehen auf den Punkt. Michels gelingt es immer wieder aufs Neue, eine Synthese aus akustischen Rock-Pop-Elementen und zeitgemäßen Sounds zu entwickeln, welche die Tradition nicht verleugnet, aber nicht einmal ansatzweise in Nostalgie abzurutschen droht. Als "relativ wenig" bekannter, aber einflussreicher Musiker hat Wolfgang Michels schon vor Jahrezehnten die Musik gemacht, die sich später als "unplugged" oder heute als "new acoustic movement" verkaufsträchtig in den Charts wiederfindet. "Quiet is the new loud" lautet die neue Formel junger Songschreiber und diese wissen gar nicht, dass ein stiller, aber nonkonformistischer deutscher Ausnahmemusiker der Pionier & lauteste unter ihnen ist ...
Auch deshalb soll der hier porträtierte das letzte Wort haben: "Die Musik ist schon eine geheimnisvolle Sache - es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man sich nicht erklären kann, die aber einfach da sind ..." Zusammenfassende Infos im Musikerverzeichnis. Der LexikonEintrag 'Wolfgang Michels' wird betreut von Regina Sommerfeld |
© 1998, 2003 german rock e.v.
- 28-September-2001 -
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