Rezensionen 
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Sprünge (1986)
- "KINDER AN DIE MACHT"
Dieser Song entstand aufgrund großer Kinderaugen, die einen ohne Falsch anschauen, aufgrund dieser verschütteten Fähigkeiten, die man an sich selbst entdeckt, weil man ja selbst mal zu dem Heer der Unschuldigen gehörte. Außerdem nur als Stichwort: Kinderlieblosigkeit, Kinderhaß speziell in Deutschland. Spielverbot, ruhig sein müssen, dieser ganze Quatsch. Kinder strahlen eine ungeheuere Power aus und erst im Kontakt mit ihnen merkt man, wieviel Beton man schon um sich aufgebaut hat. Kein Lied, um Heiner Geissler zu unterstützen.
- "TANZEN"
Das war mein erstes Thema für SPRÜNGE. Es geht um den Gegensatz zwischen falschem Nationalstolz und gesundem Selbstbewußtsein, um die fatale Wiederaufrüstung deutschen Denkens. Es geht um die antisemitischen Sprüche eines BRD-Bürgermeisters, um die offene Ausländerfeindlichkeit in Hamburg und München, da muß man einfach Stellung beziehen ... Tolle rhythmische Sachen, Mischung aus "Natur" und "Maschine"; ein Saxophonsolo von einem bis dato unbekannten Kneipenspieler namens Frank Kirchner.
- "MEHR GEHT LEIDER NICHT"
Es ist wunderbar, wenn man jemanden hat, mit dem man keine Profilkämpfe austragen muß, wo man sich nicht verstellen muß, wo man mit allen Schwächen man selbst sein kann. Ich habe zum Glück eine solche Person an der Seite. Jemand, der mir, wenn ich abheben will -und das tut man bei großem Erfolg allzu gern - klipp und klar sagt: Jetzt fängst du leise an zu spinnen. Eigentlich, weil Liebeslied, Variation über ein Thema. Der "Trick" ist:
Man darf nur auf seinen Bauch hören. Man will ja gar nichts Neues sagen. Man will ja nur betroffen machen.
- "MASS ALLER DINGE"
Vordergründig geht's um Südafrika, um den heimlichen Kolonialismus, um weiße Überheblichkeit. Sicher, wir alle bedauern lauthals die Ungerechtigkeiten, die auf dem schwarzen Kontinent passieren, vergessen dabei jedoch, daß die Entwicklungshilfe ja gezielt dorthin geht, wo man weiß: Die kaufen etwas von uns, bleiben schön abhängig, weil sie sich wieder verschulden. Wir fahren halt in den Busch und meinen im Oberlehrer-Stil: "Oh Jungs, die Zivilisation kommt, ihr könnt ohne Rasierapparat nicht mehr leben".
- "NUR NOCH SO"
Ich wollte mal einen Shuffle schreiben mit Bläsern und allem Drum und Dran. Text spricht von völliger Hingabe. Muß man nicht hyperernst nehmen.
- "UNTERWEGS"
Rock'n'Roll-Syndrom. Die Leere nach einem Konzert. Sehnsucht. Alle vermuten gerne, man mache jede Nacht einen drauf und eine nach der anderen. Die Realität ist, wie so oft, nüchterner: Man liegt (fast immer) allein. Auf der musikalischen Seite, die ja bei mir oft ausschlaggebend ist, eine "gepickte" E-Gitarre, die mir besonders gut gefällt, ein verschleppter langsamer, sich langsam aufbauender Groove.
- "LÄCHELN'
Ohnmacht und Wut, die vor dem Fernsehen entsteht, wenn man Zimmermann oder Wörner oder andere dieses Kalibers sieht, wie sie mit einem grandios überheblichen Lächeln jede Kritik (und sei sie noch so berechtigt) einfach wegstecken. Alles wird nicht nur ausgesessen, sondern auch ausgelächelt. Als Kohl 1974 parteiintern davon sprach, Bundeskanzler zu werden, sollen die allermeisten nur gelacht haben. Man hielt diesen Mann für zu dumm, ein Loch in den Schnee zu pinkeln. Seine einzige Qualität: Das Aussitzen als Methode. Die Macht und Qualität der Demokratie müssen es sein, diese vom Volk gewählten Vertreter rauszuwerten, wenn sie groben Mist bauen. Im normalen Berufsleben wären die meisten dieser Herren längst gefeuert; auf dem Fußballfeld hätten sie längst die rote Karte gesehen. Dieses Lächeln macht mich einfach wahnsinnig.
- "VIEL ZU VIEL'
Zuerst hatte ich diesen aufgelösten Akkord, diese bachartige Figur. Der Hauptspaß bestand darin, so eine eigentlich klassische Figur rockig hinzukriegen. Text: Abenteuer. Man läßt sich ein. Trifft ein Übereinkommen. Das flüchtige Abenteuer geht schief, weil es eben nicht flüchtig bleibt. Es hinterläßt tiefe Spuren, es tut weh. Das Betriebsausflugssyndrom mal anders.
- "EINMAL"
Zwei Pole: Leben und Traum. Gegen das neue deutsche Prinzip Hoffnung und das "Uns geht's ja immer besser"-Gerede. Da sitzen die Kids zu Hause, keinen Job, obwohl alles günstig ist: der Dollar im Keller, die Inflationsrate niedrig, blablabia ... Wenn nicht jetzt, wann sonst soll man was für die Kids tun. Situation: Traumschiff auf der Mattscheibe und Trouble, wenn man aus der Tür geht.
- "ANGST"
Ein 6/8-Takt. Wanderung durch die Tonarten. Hinterlistige Ballade. Fängt langsam an, steigert sich unaufhörlich. Glanzlicht: die olle nöhlige Hammondorgel.
[Presseinfo 1986]
Mensch (2002, Grönland / EMI 724354162121)
Vier Jahre nach seinem letzten Studioalbum Bleibt Alles Anders veröffentlichte Herbert Grönemeyer im September sein neues Album mit dem Titel Mensch. Vier lange Jahre der Trauerarbeit und inneren Widerbelebung liegen hinter ihm. Die Öffentlichkeit nahm betroffen teil an seinen massiven Schicksalsschlägen und war um so gespannter auf sein aktuelles Werk. Und doch übertrifft das Album alle Erwartungen und kann ohne Pathos als Meisterwerk bezeichnet werden.
Nachdem 1979 sein erstes Album gnadenlos floppte und er 1984 mit Bochum den Durchbruch erreichte, wurde Herbert Grönemeyer ein einflussreicher und beständiger Musiker mit eigenem Stil. Viele Hits konnte er verbuchen, zeitlose Klassiker der deutschsprachigen Rock- und Popmusik. Die Top-Platzierung in den Charts blieb ihm jedoch verwehrt - bis der Song Mensch in den Radios lief und mit den zwei Worten "Du fehlst" mehr Wirkung erzielte als man mitunter vertragen konnte. Niemand kam um dieses wunderbare Stück Musik herum und so stieg die Single von null auf eins in die Deutschen Charts. Ein Hauch von Magie wehte in diesen Tagen durch unser Land.
Mensch ist auch der erste Track auf dem gleichnamigen Album und gleichzeitig der rote Faden in diesem Werk. Der sommerliche Groove versinnbildlicht eine neue Lebenslust, die sich im Text durchaus wiederfindet, täuscht aber nicht über das nachdenkliche Potential hinweg. Grönemeyer hebt menschliche Attribute ans Tageslicht, die seiner Überzeugung und wohl auch seiner Erfahrung entspringen. Und eben nicht nur seiner. Wenn die Möwen leise kreischen und das Klavier den Bass ersetzt, dann steht man am offenen Meer der Emotionen und schaut in die Abendsonne. Die Botschaft ist klar: Der Mensch ist das Zentrum unserer Gesellschaft, unserer Welt. Mit dieser humanen Hymne im Kopf lassen sich alle auf dem Album folgenden Songs inhaltlich vergleichen. 66 Minuten Menschlichkeit und professionelle Musikproduktion.
Selbst Neuland handelt nicht unbedingt von einem politischen System, sondern von einer Nation und deren Bürger: "Ich mag dies Land, ich mag die Menschen, ich mag nicht den Staat". Zu wilden & schrägen Gitarren wird Herbert zum Grölemeyer und rockt in atemberaubendem Tempo richtig los. "Kein Gleichschritt, keine Zwänge". So punkig - in jeder Beziehung - hätte man ihn im Jahre 2002 sicherlich nicht erwartet.
Und doch ist es keine Ausnahme, da auch Viertel Vor Vier so richtig abgeht, musikalisch wie textlich. Und Grönemeyers erkennende Essenz kurz vor dem nuklearen Weltende lautet "Man hat nicht gelebt, wenn man es nicht probiert".
Leider gehören zu den Lebenserfahrungen auch Trauer und Schmerz. Jeder geht anders damit um, aber jeder kennt es. Und darum kann eine Ballade wie Der Weg niemanden kalt lassen. Herbert Grönemeyer zeigt Stärke, indem er Schwäche offenbart. Er lässt den Hörer teilhaben, gibt ihm Worte. Der Songtext - eine zauberhafte Hommage an seine verstorbene Frau Anna - drückt in Fragmenten wie "Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet" oder "Ich trag Dich bei mir bis der Vorgang fällt" auf poetischste Weise aus, was viele andere Menschen emotional nachvollziehen können. Getragen von einer intimen Gesangsakustik, schwermütigen Streichern und einem subtilen Klavierspiel.
Ebenfalls sehr niedergeschlagen & seelenwund ist der Song Unbewohnt, auch wenn hier im Gegensatz zu Der Weg Kälte statt Wärme regiert, Leere statt Fülle den Platz einnimmt. "Es tropft ins Herz, der Kopf unmöbliert und hohl". Klavier & Celli im Midtempo begleiten den einsamen Alltag.
Es sind nicht nur das Private und die Tiefe, welche dieses Album so besonders machen, sondern ebenso die musikalische Vielseitigkeit und künstlerische Weiterentwicklung. Grönemeyer windet sich gerne mal aus den so typisch deutschen Schubladen und präsentiert wie selbstverständlich ein temperamentvolles Jazz-Arrangement, dass an Ricky Martin erinnert. Textlich handelt Lache, Wenn Es Nicht Zum Weinen Reicht von Stagnation in den Rädern des Lebens: "Tausend Haare in der Suppe und Dein Löffel hat ein Loch". Je nach eigener Befindlichkeit kann der Hörer dazu lächelnd mit den Hüften wackeln oder haareraufend erkennen, dass der Sänger auch sein Leben besingt. Dann wünschte man vielleicht sogar, dass Herbert Grönemeyer anruft und eine alte Schellack-Platte über das alte Grammophon abspielt, genau wie im Song Dort Und Hier, um zu versuchen, Kontakt zwischen den Welten diesseits und jenseits von Eden herzustellen.
Das Ende des Albums Mensch verlässt die düstere Seite und melodische Sinnlichkeit, um sich den melodramatischen Spannungen und psychedelischen Soundeffekten zu widmen. Eindrucksvoll, tanzbar und bannend sind Blick zurück über Altersweisheit oder Kein Pokal mit krachigem Refrain und ebensolchem Ende einer Beziehung.
Selbstbefreiung für den Weg Zum Meer könnte als inhaltliche Konsequenz und Vision des Albums betrachtet werden. Noch einmal ein Monument, noch eine Säule damit der rote Faden auf seinem Weg vom Menschen zum Meer nicht den Halt verliert. Streicher & Klavier erklingen in symphonischer Größenordnung, die Percussions sind etwas zu aufdringlich und würden in Reduzierung auf Herzschlag-Beats besser zum Song wirken.
Als Bonustrack präsentiert Herbert ein balladeskes Demo mit dem Titel Letzter Tag und 14 Minuten (!) später einen weiteren "hidden Track": Eine junge Stimme singt auf englisch einen ruhigen Popsong und es könnte, der sehr persönlichen Notes des Gesamtwerkes folgend, Grönemeyer Junior sein, aber das bleibt ein Geheimnis.
Was bleibt? Zum einen der Drang, die CD gleich noch einmal zu hören und zum anderen ein enormer Respekt vor dem Menschen & Künstler Herbert Grönemeyer. Es bleibt ein tiefer Eindruck zurück, der dieses Album zum Besten des Jahres macht.
[Regina Sommerfeld]
Songbook: Alles (2008, mmp, ISBN13: 978-3-86543-335-0)
Herbert Grönemeyer ist wohl einer der bedeutendsten und besten Musiker, die dieses Land zu bieten hat. Seit über zwanzig Jahren mischt er nun in diesem Business mit und hat unzählige Hits geschrieben. Die Vielfalt und Ausmaß seines Schaffens hat man nun in einem kleinen, handtaschenfreundlichen Büchlein zusammengefasst.
In Alles bekommt man wirklich Alles. Ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis macht einem die Suche nach dem richtigen Song leicht. Dann folgt eine Discografie und los geht's auch schon mit den Songtexten. Beginnend mit Alkohol über Bleibt Alles Anders, Musik Nur Wenn Sie Laut Ist bis Stand Der Dinge und Was Soll Das, sind hier alle Songtexte verewigt mit den entsprechenden Gitarrenakkorden. Zu Guter Letzt befindet sich noch eine Grifftabelle am Ende des kleinen Buches.
Einzig negativ zu erwähnen bleibt mir die Optik, der Umschlag ist zwar schön abwaschbar, allerdings ist die Grundfarbe Weiß und die Schrift in Neongelb, was einem das Lesen erschwert. Aber da es sich hier nur um die Hülle handelt und nicht um den Inhalt, sehen wir mal grob drüber hinweg.
Fazit: Eine super Sammlung aller Grönemeyerhits. Ein Muss für jeden Fan, der sich die Texte noch mal zu Gemüte führen und die Songs eventuell auch mal selbst nachspielen will.
[Madlen Meier]
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