Netphen-Deuz, 18.-19.05.2012

FREAK-VALLEY-FESTIVAL


FREAK-VALLEY-FESTIVAL

Netphen-Deuz, 18.-19.05.2012

 

Das erste Freak-Valley-Festival wurde von privat - rockbegeisterten Menschen durchgeführt. Die Initiatoren blicken auf 30 Jahre Festivalerfahrung aus Zuschauerperspektive zurück und wollten nun selbst ein Festival organisieren, welches ihnen und den Gästen richtig gut gefallen sollte. Um es vorweg zu nehmen, es hat geklappt und dazu noch sehr gut!

 

Sie haben im Vorfeld alles selbst organisiert und dieses private Engagement war wirklich sofort spürbar, sobald man das Festival-Gelände betreten hat. Man sagt den Siegenern ja gerne Verstocktheit nach, aber diesen Vorwurf kann man keinem einzigen Crewmitglied machen, es herrschte einfach nur herzliche Offenheit. Die Festival-Leitung hat dem Programmheft sogar einen Feedback-Bogen beigelegt, um für das nächste geplante Festival (31.05.-01.06.2013) noch mehr Besucherwünsche erfüllen zu können.

 

Für 2012 war das Festival auf 1000 Eintrittskarten begrenzt, die schon lange vor dem Festival ausverkauft waren. Trotzdem wurde immer wieder nach weiteren Karten gefragt. Die Veranstalter wollten dieses Festival zunächst in einem kleineren Rahmen stattfinden lassen und im nächsten Jahr gegebenenfalls aufstocken. Respekt für so viel Umsicht und Engagement!

 

Die Plakatierung, der Programmflyer und so weiter waren geschmackvoll in psychedelischem 70er Jahre Flair entworfen. Bis hin zu den Eintrittsbändchen war alles sehr liebevoll gemacht.

 

Das Bühnengelände befand sich umgeben von Industriehallen auf einer Rasenfläche auf dem AWO-Gelände, ausgerüstet mit einer qualitativ beeindruckenden PA, einer umfangreichen Lichtanlage und zusätzlich zwei Projektoren für psychedelische Licht- und Bildimpulse.

 

Rund um die Bühne waren Büdchen angesiedelt, mit einem typischen 70er Jahre Laden, Bierständen, Kaffee- und Cocktail-Bar mit Kuchen und frischen Waffeln, Merchandise-Ständen der Bands, einem Vinyl-Plattenstand, der  gesamten Tontechnik, mehreren Toilettenhäuschen und einer Roten Kreuz  Einsatzzentrale. Für das leibliche Wohl war bestens gesorgt. Alles war von exzellenter Qualität. Der Kaffee wurde sogar frisch zubereitet. Egal ob 'Freakadellen' oder vegetarische Kost – es war für jeden etwas dabei. Bezahlt wurde mit Festival-Geld, sodass das lästige Wechseln entfiel.

 

Schade fanden wir, dass am Freitag beim Eintritt zugesichert wurde, dass man die abzugebenden Getränke am Ende wieder bekäme, dies dann nicht eingehalten wurde.

 

Positiv fanden wir, dass die anti-alkoholischen Getränke preiswerter waren als die alkoholischen Getränke.

 

Ein paar Minuten vom Festival-Gelände entfernt gab es einen riesigen kostenlosen Parkplatz. Der Fußweg zum Festival führte durch ein malerisches Waldstückchen an Tümpeln vorbei zum AWO-Gelände. Auf dem Rückweg haben wir jedoch den Weg an der Straße aus Orientierungsgründen und geringerem Schlammlevel bevorzugt.

 

Auch von dem Campingplatz hörten wir sehr viel Begeisterung. Von einigen Festival-Besuchern munkelte man, dass sie gar nicht mehr vom Campingplatz herunter wollten, weil er so idyllisch gelegen sei. Für die gute Organisation spricht auch, dass die Festival-Besucher bereits am Donnerstagnachmittag ihre Zelte aufbauen konnten und ihren Platz erst am Sonntagmittag wieder räumen mussten.

 

Freitag, der 18.05. 

Das Festival begann pünktlich mit der griechischen Band Godsleep, die als Opener mit kraftvollem Rock engagiert das anfangs noch übersichtliche Publikum unterhielt. Recht schnell füllten sich jedoch die Reihen vor der Bühne, trotz lästigen Fisselregens.

 

Als zweite Band spielten die Engländer Ded Orse. Die Band wirkte sehr professionell. Super Timing, klasse Breaks, der Drummer knallte richtig,  auch der zum Teil dreistimmige Gesang kam gut herüber. Das Festival-Gelände füllte sich in Minuten, trotz des Regens. Der Sänger ging mächtig nach vorne und der Drummer hielt die Band gut zusammen. Die Engländer boten eine hervorragende Performance. Nach einer Zeit hätten wir uns noch ein wenig mehr Abwechslung gewünscht.

 

Die nordfranzösische Band Glowsun begann mit Knisterkabeln beim Soundcheck. Anschließend kamen eingespielte Wisperstimmensoundeffekte, wir waren etwas skeptisch. Nach recht gleichförmigen Soundwänden und ausgiebigen Effekten entwickelte die Band ihren Auftritt gut und gab auch interessante 6/8 Takte zum Besten. Die Parts waren interessant, wirkten jedoch zum Teil zu schnell und wahllos aneinandergereiht. Der musikalische Bogen war nicht immer nachvollziehbar.

 

Mitten drin riss dem Gitarristen die D-Saite, er spielte sein Solo jedoch souverän mit den übrigen fünf Saiten weiter. Eine Ersatzgitarre hatte er seltsamerweise nicht dabei, dafür wechselte er innerhalb von zwei Minuten die Saite. Die dadurch entstehende Pause wurde vom Bassisten und Drummer mit einer Improvisation geschickt überbrückt. Das Publikum honorierte dies, obwohl sich der Regen verschlimmerte. Überhaupt war das Publikum sehr dankbar, denn mittlerweile trotzte fast jeder dem hartnäckigen Regen mit Kapuze, Mütze, Schirm, Cape oder improvisierten Müllsäcken als Kleidung.

 

Trotz diverser Gitarreneffekte, zum Beispiel Phaser war der Sound der Band recht gleichförmig. Der Bass wirkte auf die Dauer eintönig und zu stark herunter gestimmt. Doch dem Publikum gefiel es.

 

Als vierte Band des Tages trat Mars Red Sky auf. Nach einem längeren Soundcheck ging's los. Die aus Bordeaux stammenden Musiker fuhren heavy Sound auf. Die Musik war dominiert von einem herunter gestimmten Bass mit gleich bleibenden, schwermütigen und dröhnenden Rhythmen. Wir hätten uns etwas mehr Abwechslung gewünscht. Das Publikum ging mit.

 

Mittlerweile fing es so stark an zu regnen, dass wir uns nach einem Baldachin-Zelt über dem Gelände sehnten. Die Crew flitzte mit Abziehern über die Bühne, damit die Musiker nicht ausrutschten.

Anmache des Tages: „Willst du mit unter meinen Poncho?“

 

Es ging sehr pünktlich weiter im Programm mit 3 Speed Automatic aus den Niederlanden. Sie gaben einen perfekten Auftritt zum Besten, sehr professionell, hervorragend ausgetragene Musik. Der Gitarrist erinnerte uns stark an Rory Gallagher. Mitten im Auftritt riss das Snare-Fell. Der Wechsel wurde durch ein kleines Gitarrensolo überbrückt. Zu Ehren  Peter Greens spielte die Band Oh Well als einziges Coverstück. Wir waren von dem Auftritt dieser Band einfach begeistert. Und seltsamerweise hatte jetzt sogar das Wetter Erbarmen - es hörte auf zu regnen. Schade, dass dieser Auftritt laut Programmankündigung das letzte Konzert der Band sein sollte. Wir wünschen uns, dass sie es sich noch einmal anders überlegen ;0)

 

Die nächste Gruppe war Lonely Kamel aus Norwegen. Hier hat uns vor allem der Drummer überzeugt. Vor der Bühne war es richtig voll und das Publikum ging mit dem bluesig, doomigen Rock und den kraftvollen Breaks mit.  

 

Als vorletzte Band des Abends betraten Gentleman’s Pistols die Bühne. Beim Soundcheck gab es Probleme mit den Kabeln des Bassisten. Der Drummer überbrückte das Warten.

 

Nass und durchgefroren und noch 150 km Fahrt vor uns, beschlossen wir, uns die Headliner My Sleeping Karma nicht mehr anzuhören. Wir haben aber am Samstag nur Positives von dem Auftritt der Band gehört und uns daraufhin mit CDs der Band eingedeckt.

 

Samstag, der 19.05.

Es war von oben trocken! Das Festival-Gelände erstrahlte im Sonnenschein. Viele Besucher behielten jedoch vorsichtshalber ihre Gummistiefel an, vorteilhaft angesichts der aufgeweichten Wiese.

 

Wie auch am Tag zuvor eröffneten Godsleep den zweiten Festival-Tag.

 

Anschließend traten die Dänen Sedated Angel auf. Wir waren beeindruckt von: gutem Groove,  dem Drummer, der abwechslungsreichen Leadgitarre mit Bottleneck und Phaser, dem zum Teil vierstimmigen Gesang und den aufbauenden Songs, wie auch dem guten Zusammenspiel. Die Gruppe schafft es, alle störenden Gedanken aus dem Hirn zu blasen.

 

Nun betraten Doctor Cyclops aus Italien die Bühne. Für uns könnte das Zusammenspiel der Band besser sein. Man hatte den Eindruck, jeder spiele seinen Part durch, ohne richtig auf die anderen zu achten. Besonders den Bass empfanden wir für diese Musik als zu aggressiv gespielt und unpassend, weil ständig verzerrt. Das ist unsere persönliche Meinung, denn die Band hatte natürlich auch ihre Fans!

 

Dean Allen Foyd war die nächste Gruppe, die sogar eine fette Hammond mit Leslie anschleppte. Durch ihren Kleidungsstil fühlte man sich sofort per Zeitmaschine zurück versetzt.

 

Diese Band lieferte eine absolut perfekte Vorstellung mit einem äußerst geschmackvollen musikalischen Bogen, genialen Taktwechseln, gut ausgewählter Abwechslung von Soundwänden zu sensibleren Parts, vielseitigem Ausdruck und toller Dynamik. Der Drummer war einfach nur unglaublich.  Was er auf einem so minimalistischen Drumset spielen konnte, ist unvorstellbar, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Auch die Lautstärke war so angenehm, dass man sogar ohne Ohrstöpsel gut zuhören und genießen konnte. Die Band spielte perfekt zusammen. Wir fanden sie klasse und waren mit unserer Meinung nicht alleine.

 

Als nächste Gruppe trat Grifter auf. Die Jungs aus England boten erdigen Rock à la Black Sabbath und Motörhead. Die Stimmung war gut. 

 

Danach ging es mit Bushfire weiter. Der Sänger ist schon eine skurrile Gestalt. Als er über die Absperrung ins Publikum kletterte, feierten die Fans ihren Liebling mit Headbanging. Die Gitarristen unterstützten ihren Frontmann extrem diszipliniert.

 

Wicked Minds aus Italien kamen mit zwei Hammonds auf die Bühne (B1und B2). Sehr gefallen hat uns die Sängerin, leider war sie nicht bei jedem Stück dabei und zudem ein wenig zu leise abgemischt. Der Keyboarder spielte virtuos und unglaublich schnell. Hier und da hätte er kraftvolle Akzente und Ecken setzen können, sonst wirken die vielen 16tel irgendwann etwas monoton. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (vor allem bei der Gitarre) steigerte sich die Band. Manch Gitarrensolo war etwas langatmig.

 

Schade fanden wir, dass die Musiker ihren Kollegen wenig Aufmerksamkeit  bei den Soli zollten. Die Gitarre war uns im Vergleich zu den übrigen Instrumenten und Stimmen zu laut abgemischt.

 

Als die Deep Purple Cover Band Demon’s Eye aufbaute, wurde es vor der Bühne richtig eng. Die Band bestritt den  größten Teil ihres Auftritts mit Deep Purple Coverstücken und spielte wenige eigene Stücke. Bei den Deep Purple Stücken waren sie recht flott unterwegs, fast schon oberflächlich. Uns fehlten die Ruhe, die Akzente und das Ausspielen der Töne, was dem Publikum aber offensichtlich nichts ausmachte. Trauriger Höhepunkt war ein Medley aus Stücken wie Woman from Tokyo und Smoke On The Water.  Wirklich beeindruckend war der Gitarrist mit seinen fast schon akrobatischen Gitarreneinlagen. So wurde von ihm die Gitarre mit Händen und Füßen auf dem Boden liegend und über Boxen ziehend gespielt.

 

Es ging weiter mit Colour Haze. Von diesem Auftritt waren wir enttäuscht. Vor der Bühne war der Gitarrensound fast unerträglich, man hörte nicht einmal mehr das Schlagzeug. Auch weiter hinten dominierte die Gitarre die Band. Schade, denn wir fanden den Bassisten und vor allem den Drummer um einiges abwechslungsreicher. Das Publikum zollte der Band Zustimmung. Nach Colour Haze verließen viele Besucher das Festival-Gelände.

 

Als Headliner traten nun noch Space Debris auf, die  eine super Darbietung von festen Stücken und längeren Improvisationen abgaben. Der Sound war so sauber, dass man alle Instrumente gut hören konnte. Der Drummer spielt unglaublich, wie ein Uhrwerk. Die Stücke waren geschmackvoll, sehr differenziert hörbar, abwechslungsreich, mit psychedelischen Passagen, interessanten Taktwechseln und sehr guter Laune vorgetragen. Krautrock à la carte!

 

Das waren zwei interessante Tage mit viel musikalischem Input.

An der beispielhaft herausragenden Festival-Organisation sollte sich manch ein alt eingesessener Veranstalter eine ordentliche Scheibe abschneiden.

 

Wir empfehlen das Festival wärmstens!

 

Freak Valley 2013 haben wir uns vorgemerkt.

 

Julia Nöh & Michael Gawlik