CONNICHI 2005
Kassel, Stadthalle, 16.-18.September 2005
Noch bevor die ersten J-Rock-Gruppen im Doppelpack in Deutschland auftreten (am 21.10.05 mit Kagerou und D'espairs Ray), hat die Orga der Kasseler Anime- und Manga-Convention erstmals zwei ihrer deutschen Äquivalente an die Startlinie geholt und ins Rennen geschickt.
Im Gegensatz zum Hauptprogramm, das sich in der am Samstag komplett ausverkauften Stadthalle abspielte – unter anderem mit Darbietungen von Dream und Toru Tanabe - fand der rockige Teil des Events in den Nachthallen statt. Dabei handelt es sich um einen größeren Club mit jeweils einem Kneipen-, Disco- und Konzertraum. Da die Eintrittskarten der Connichi gleichzeitig als Ticket für den öffentlichen Nahverkehr galten, waren die zwei Kilometer Distanz kein Hindernis. Schätzungsweise etwa 150-200 Leute fanden sich dann auch Samstag Abend dort ein.
Die erst im Januar gegründeten Lem'On:Juice, deren Members zwischen Koblenz und Düsseldorf leben, eröffneten um 22 Uhr das Konzert. Viele waren sehr gespannt, was ihnen diese Gruppe bieten würde, denn bereits im Vorfeld waren sie in der Lage, sich einen Namen zu machen. Ein ursprünglich für die Veröffentlichung vorgesehenes Demo war jedoch im Sommer zurückgezogen worden, so dass praktisch niemand auch nur einen Pieps dieser Visual-Truppe kannte.
Der Vorhang geht hoch. Überraschung: Statt sechs standen lediglich fünf Leute auf der Bühne. Sängerin Yuffie hatte kurzfristig absagen müssen, so dass Hide-Kun (g) den Job am Mikro übernahm. Ookami (key), Ishi (b), Kuma (g) und Raya (d) waren sicher eben so wie ihre pinkhaarige Frontfrau mit der Frage beschäftigt, wie sie von den Fans wohl aufgenommen werden würden. Eine gewisse Nervosität war also bei dieser Gigpremiere zu spüren, aber das Publikum wollte sie sehen. Sie hätten nur einen Fehler begehen können: ihr Handwerk nicht zu lernen.
Selbst wenn man die gewohnten Technikpannen abzieht, waren sie natürlich (wie alle deutschen J-Rock-Debütanten bisher) weit davon entfernt, perfekt zu sein. Aber das war eh nicht das Thema. Die Songauswahl fand ich weitgehend gelungen. Unter den Covertiteln waren beispielsweise Daikirai von Mucc, die Hide-Tracks Lemoned I Scream, Drink Or Die und Good-Bye sowie Tonight von Luna Sea. Dir En Grey durften ebenfalls nicht fehlen. Mit Akuro No Oka war ein ruhigeres Stück ausgewählt worden, das übrigens Zoe 2004 schon im Programm hatten.
Auch die Eigenkompositionen hörten sich ansprechend an. The Sun, ein Freunden gewidmetes Lied, schloss das reguläre Set ab, bevor die Band nach Sakura als akustischer Reprise die Bühne verließ. Beachtlich, was sie in einem halben Jahr erreicht hat. Selbst wenn noch viel zu tun bleibt!
Ab 23 Uhr rotzten Mysidia Science Theater souverän wie immer direkt vom ersten Moment an los. Auf den Brettern sind sie irgendwie zuhause, hat man den Eindruck. Inzwischen stehen sie auch wieder in voller Fünferbesetzung dort oben. An Shizos Stelle fügt sich Gitarrist Snowman ins Line-up, der im Juni auf der NiCon für die Band den Sound abgemischt hat.
A propos Sound: Die beste Kiste seit es J-Rock-orientierte Mucker bei uns gibt. So fett habe ich es noch nie erleben dürfen. Und es waren schon einige Konzerte. Nein, kein Vergleich zu hallenden Festsälen, in denen (rock)unerfahrene Mixer ihr Unwesen treiben. Bitte, bitte, liebe Veranstalter, erspart uns Kursäle und gebt uns Clubs, die wissen, wie man Publikum glücklich macht.
Denn dieses hopste bei MST zu recht ekstatisch, unbesehen gelegentlicher Entgleisungen. Jedes Mal, wenn ich Ain't Afraid To Die höre, stellt sich heftigere Gänsehaut ein, da das gesangliche Zusammenspiel der Frontleute beängstigende Perfektion anzunehmen beginnt. Tonight kam heute ein zweites Mal zu Ehren. Dafür nahmen die Hamburger die nicht ganz unkompliziert zu spielenden Stücke The Final (Dir En Grey) und Rosier (Luna Sea) neu ins Programm. Und natürlich durften die Tracks ihres Demos Normales Bild nicht fehlen.
Um ein Fazit aus dem J-Beat-Abend zu ziehen: Punk und Nu Metal tu ich mir normalerweise selten rein. Einen MST-Gig zu verpassen finde ich dagegen sehr schade.
Jürgen Hornschuh