EXTRABREIT

Biografie

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Die Band EXTRABREIT wurde Ende 1978 gegründet, existierte nahezu 20 Jahre und ging mit ihrem letzten Konzert in ihrer Heimatstadt Hagen am 19.09.1998 endgültig in die deutsche Rockgeschichte ein.

Während dieser Schaffensperiode erlebte die Gruppe immer wieder Erfolge und Mißerfolge, extreme Höhenflüge und einschneidende Tiefpunkte, sowie diverse Besetzungswechsel. Allein Gitarrist Stefan Klein (Kleinkrieg) durchlebte die komplette Ära von EXTRABREIT und war zusammen mit dem Sänger Kai Schlasse (Kai Havaii) maßgeblich für den Stil, den Sound und das unverwechselbare Image von "Deutschlands intelligentester und geilster Rock'n Rollband" (Eigenzitat) verantwortlich.

Auf dem Zenit ihrer Karriere befanden sich EXTRABREIT in den Jahren 1981 bis 1983, als sie nicht nur die Neue Deutsche Welle entscheidend beeinflußten und prägten, sondern auch mit ausverkauften Konzerthallen, goldenen Schallplatten und "BRAVO"-Starschnitten ihre größten Erfolge erzielten.

Dementsprechend gilt auch das seinerzeit aktuelle Line-Up der Band heute noch als Originalbesetzung:

Gesang: Kai Schlasse (Kai Havaii) , Geb. 14.04.1957 in Hagen
Gitarre: Stefan Klein (Kleinkrieg) , geb. 19.12.1955 in Hagen
Gitarre: Ulrich Ruhwedel (Public Uli) , geb 10.02.1962 in Hagen
Bass: Wolfgang Jäger (Hunter) , geb. 28.03.1953 in Herne
Schlagzeug: Rolf Möller , geb. 02.05.1956 in Hagen

Die Geschichte der Band:

Aus Frust und Langeweile starteten 1978 Stefan Klein und Gerhard Sperling (später als Käpt'n Horn bekannt) eine Band. Statt wie andere Gleichaltrige seine Zeit mit Fußballspielen, Discothekenbesuchen o.ä. zu verbringen, entschloß man sich, regelmäßig und intensiv Musik zu machen, mit dem Ziel irgendwann einmal Rockstar zu werden.

Die Band wurde EXTRABREIT getauft. Den Namen verdankt die Gruppe einem kapitalen Edding-Filzstift, auf dem sich der sinnige Slogan "Kappe abschrauben nachfüllbar extrabreit" befand, der an einem Probenabend irgendwo herumlag.

Den Bass spielte zu diesem Zeitpunkt Ralf "Rava" Denz , der aber in erster Linie bei der Hagener Rock & Roll Band The Ramblers zuhause war. Rava brachte Horst Werner Wiegand als Sänger mit. Wiegand war eigentlich eher Songschreiber und Sänger und ist bis dahin immer allein aufgetreten. In dieser Besetzung probte man in einer alten Hagener Fabrik. Wiegand hatte durch seine Psychogruppe Kontakte zu der WG, in der Jörg Hoppe lebte. Dieser organisierte Kino- und Konzertabende auf einem eher alternativen Level. Er interessierte sich für die Band und buchte sie für zwei Gigs von Django Edwards als Vorgruppe.

Schon damals sang die Band deutsch, was in jener Zeit noch eine große Ausnahme war. Es folgten einige spektakuläre Auftritte in der Umgebung Hagens, bei denen dann auch schon mal Gitarren in Ritchie Blackmore -Manier zerdeppert bzw. sonstiges Inventar zerstört wurde. Nach diesen Vorstellungen stieg Rava aus und wurde durch Ralf Teuwen am Bass ersetzt. Außerdem erweiterte sich die Band um den Gitarristen Piet Worthmann . Man komplettierte das Programm und spielte spiralförmig im näheren Umland, wobei man es auf eine eingefleischte Fangemeinde brachte.

Kurz vor einem Gig in Hagen (Stadtteilfest Wehringhausen, hier war die Band soziologisch zuhause) verließ Wiegand die Truppe und wurde durch Kai Schlasse ersetzt. Der gelernte Graphiker und Cartoon-Zeichner ließ sich von seinem späteren Freund und Partner Kleinkrieg überreden. Stefan hatte ein Tape gehört auf dem Kai und Horst gemeinsam sangen und fragte ihn ob er nicht als Sänger einsteigen wolle. Auf dem Konzert sagte Stefan dann Kai als neuen Sänger an: "Hier ist Kai Havaii, die Stimme aus Übersee". Der Name blieb, und in Kai hatte man den Extrabreit-Sänger überhaupt gefunden. Jörg A. Hoppe (heute Chef der TV-Produktionsfirma MME) übernahm ab jenem Zeitpunkt auch prompt das Management und war fortan so etwas wie der sechste Mann an Bord.

Nach weiteren Auftritten in und um Hagen sprengte der Publikumsandrang bereits manchmal den Rahmen der Lokalitäten. Zum Jahreswechsel organisierte man eine wüste Silvesterveranstaltung unter dem Motto: "Extrabreit in die 80er...". Man nahm Demos auf und Christian Schneider ( Hartwig Masuch -Sänger der Ramblers ) besorgte der Band einen Termin im Tonstudio Hilpoltstein, wo Hart wie Marmelade und 1,36 in einer Nacht aufge-nommen wurden. Die Folge war ein Plattenvertrag bei Metronome .

Am 14.04.1980( Kai's 23. Geburtstag) erschien die Single Hart wie Marmelade , eine straighte Rock'n Roll-Nummer mit bizzarem Text, von der jedoch zunächst kaum jemand Notiz nahm. Trotzdem entschloß sich die Plattenfirma Metronome, ein Album herauszubringen. Im Spätsommer 1980 erschien dieses Debutalbum unter dem dreisten Titel: Ihre größten Erfolge.

Kurz vor den Aufnahmen zu dieser LP verließ Piet Worthmann aus privaten und gesundheitlichen Gründen die Band. Er wurde durch Carlo Karges, der einige Jahre später an der Seite von Nena den großen Durchbruch schaffen sollte, ersetzt. Die Band probte und spielte in dieser Besetzung ihre erste kleine Tour. Im Studio übernahm Rüdiger Braune , auch Ramblers , das Schlagzeug. Auf der LP, die von Christian Schneider im Plattenstudio Hilpoltstein in Nürnberg produziert wurde, finden sich innovative, provokative und dem Zeitgeist entsprechende Kurz-Rock-Songs. Musikalisch ist das Album maßgeblich von Punk, Wave und Rock'n Roll beeinflußt. Unter anderem ist auch der spätere Fetenkultsong Flieger grüß mir die Sonne (im Original von Hans Albers) vertreten, zu dem Kai heute sagt: "Carlo Karges hörte damals die Akkorde raus und wir ließen die, die wir nicht spielen konnten einfach weg. So hatten wir einen Evergreen...!" Auch das allseits bekannte Hurra, hurra die Schule brennt, welches jedoch erst später den richtigen Erfolg ernten sollte, ist auf dem Erstlingswerk vertreten. Hierzu Kai : "Unser damaliger Drummer Käpt'n Horn war genervt von den Gitarrenakkorden und wollte auch mal ein Stück machen. Da es sich wie ein Kinderlied anhörte, machten wir auch einen Kindertext darauf. Es wurde unsere erfolgreichste Single...!" Trotzdem schimmelte das Album zunächst in den Plattenregalen vor sich hin. Nach den Aufnahmesessions folgten noch einige Gigs. Dann verließ Carlo und kurze Zeit später auch Kai die Band. Das Ende stand vor der Tür. Mittlerweile war aber Rolf Möller, den Stefan noch aus der Kinder- und Schulzeit kannte, als Schlagzeuger eingestiegen. Man fand in "Nopsy" Lauman einen sehr guten Interpreten der Extrabreit-Songs. Aber durch den Ausstieg von Kai war die Kreativzelle Kleinkrieg/Havaii nicht mehr intakt., so daß in dieser Zeit keine Lieder entstanden.

Piet Worthmann und Ralf Teuwen stiegen aus. Für sie stießen dann Ende 1980 der Gitarrist Ulrich Ruhwedel (Public Uli) und der Bassist Hunter alias Wolfgang Jäger (vorher mehrere Jahre bei Grobschnitt) dazu. Insbesondere Hunter brachte wieder neue Motivation und Dynamik mit in die Band, nicht zuletzt deswegen, weil er als Ex- Grobschnittler eine gewisse Vorbildfunktion für den Rest der Band darstellte. Grobschnitt genoß zu dieser Zeit nämlich besonders großes Ansehen. Hagen zeigte hiermit seine pulsierende Musikszene, von der auch noch andere Bands profitieren sollten (Nena, Stripes, usw.). In dieser Besetzung wurde intensiv gegigt. Kai wurde es nach einer Weile wohl doch zu langweilig als Taxifahrer und Cartoonzeichner; und so kehrte er zur Band zurück. Es war bei Nopsy zwar kein Jubel, aber alle wußten um Havaiis Können, und so wechselte "Laui" später zum Tourneemanager. Das war die Geburtsstunde der "Phantastischen 5" . Es folgten ausgedehnte Touren. 70 Gigs ohne "Day off" und mit vielen Strapazen.

Die Öffentlichkeit drückte EXTRABREIT von nun an den Stempel der "rauhen, bösen und rüpelhaften Jungs aus der Provinz" auf. Diesem Image ist die Gruppe auch bis zum Schluß immer wieder gerecht geworden, wie die eine oder andere Anekdote im Folgenden noch zeigen wird. Im Mai 1981 nimmt die geschilderte Neubesetzung schließlich das zweite Album Welch ein Land, was für Männer! auf, ebenfalls im gleichen Studio. Das für damalige Verhältnisse recht aufwendige Cover zeigt die Band im 3-D-Design. Passend dazu lag jeder LP eine 3-D-Raumbrille bei, mit der dem Käufer die Breiten greifbar nahe zu sein schienen. Musikalisch schien das Album im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein einheitliches Konzept vorzuweisen. Die recht politischen, bisweilen düsteren Songs unterstreichen das Bewußtsein einer No-Future- und Null-Bock-Generation. Titel wie Der Präsident ist tot , Wir leben im Westen , Glück und Geld oder Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt setzen sich mit aktuellen Geschehnissen wie dem Attentat auf den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan oder dem Ost-West-Konflikt auseinander. Die Jugendlichen identifizieren sich zunehmend mit der Band, was den Erfolg von EXTRABREIT weiter steigert. Mit dem Titel Polizisten als Singleauskoppelung landen die Hagener ihren ersten Hit in den Charts. Der damalige Bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss verhängte für dieses Stück ein Sendeverbot im Freistaat Bayern, da er in dem Text eine "Verunglimpfung der Polizei" sah! Für die Fans war diese Sanktion jedoch nur Wasser auf die Mühlen: Eine Autogrammstunde im Hagener Kaufhaus Quelle endete in einer Massenplünderung der Schallplattenabteilung durch die immer größer werdende Fangemeinde. Als Folge des steigenden Medieninteresses und der großen Nachfrage bei den Anhängern schießt nun, ein Jahr nach Veröffentlichung, auch das Debut-Album Ihre Größten Erfolge in die Charts. So sind EXTRABREIT mit gleich zwei LP's in der Hitliste vertreten.

Derweil entwickelt sich durch die Etablierung weiterer deutscher Rock- und Popmusiker ein neuer Trend und eröffnet damit einen neuen Markt. Von der Schallplattenindustrie wird der Begriff der Neuen Deutschen Welle kreiert, der durch Gruppen wie Ideal, Spliff, Hubert Kah, Nena und viele andere für eine völlig neue Musikkultur sorgt. Die NDW stellt somit eine einschneidende Epoche der deutschen (Rock-)Musikgeschichte dar. In diese Zeit des Aufbruchs fügten sich EXTRABREIT mit ihrem Bad-Boys-Image und ihrer innovativen Unbekümmertheit nahtlos ein.

Es geht Schlag auf Schlag: Vom ersten Album wird nachträglich Hurra, Hurra die Schule brennt ausgekoppelt und landet in den Top Ten der Charts. Die Nachfrage nach Liveauftritten steigt in ganz Deutschland enorm. Die Breiten sind permanent in allen Medien präsent, Radio- und Fernsehauftritte sind bald Routine, mehrere BRAVO-Titel runden das Bild ab. In 1982 sind zwei Alben in den TOP 5, EXTRABREIT somit die bei weitem erfolgreichste deutsche Band.

Im April 1982 gingen die Fünf gemeinsam mit den Berliner Bands Spliff, Interzone und Prima Klima auf eine von LEVIS JEANS finanzierte und für damalige Verhältnisse riesige Festivaltour durch Deutschlands größte Konzerthallen. Diese Art des Sponsoring, heute selbstverständlich, war damals noch sehr ungewöhnlich. Die Tournee entwickelte sich zu einem Riesenerfolg, nicht zuletzt, weil gleichzeitig beide Alben vergoldet wurden. Heino Wirth, der Geschäftsführer der Metronome übergab das doppelte Gold anläßlich eines Festaktes der besonderen Art in Hamburg.

Das dritte Album Rückkehr der phantastischen 5 erschien im September 1982 und krönte das wohl erfolgreichste Jahr der Hagener. Aufgenommen wurde auch dieses Album im Tonstudio Hiltpoltstein, produziert von der Band in Zusammenarbeit mit Manfred Neuner . Diesmal wurde das Werk jedoch nachträglich noch einmal vom Starproduzenten Mack (QUEEN, E.L.O., etc.) in den Münchener Union Studios nachbearbeitet und abgemischt. Konzeptionell präsentierten sich EXTRABREIT als Superhelden in Marvel-Comic-Manier. Dementsprechend grell und bunt fiel das graphische Layout der Scheibe aus, es erschien in fünf verschiedenen Neonfarben, geziert von fünf Einschußlöchern. Es soll Leute geben, die diese Platte gleich fünf mal besitzen, von jeder Farbe eine! Als Beilage zur Platte findet man ein großes Pop-Art-Poster, welches die fünf Superhelden in schillernden, bunten Phantasiekostümen zeigt. Auch textlich wurde das Konzept umgesetzt indem man mit Titeln wie Superhelden , Geisterbahn fahr'n oder Her mit den Abenteuern eine Brücke zwischen hektischer, bedrohlicher Realität und phantasievoller Comic-Welt schlug. Musikalisch blieb die Gruppe mit straightem, angepunkten Gitarrenrock ihrem erfolgreichen Stil treu. Mit Duo Infernal befindet sich auf der Scheibe das erste von drei Duetten mit deutschen Show-Größen, hier Marianne Rosenberg . Der Song, im übrigen auch als Single erschienen, wurde von den Fans jedoch nicht oder allenfalls nur mit großer Skepsis angenommen. Ferner befindet sich der Titel Komm nach Hagen auf der Platte, mit dem noch einmal das Phänomen der, zu dieser Zeit überaus erfolgreichen, Hagener Musikszene auf's Korn genommen wird:

"In Hagen geht am Wochenende keiner raus. Man geht ins Studio, und montags spielt der Tankwart Dir seine neue Maxi-Single vor. Komm nach Hagen, werde Rockstar, mach Dein Glück!"

Nun erschien in den Kinos die Teenie-Kommödie "Gib Gas - Ich will Spaß!" mit Nena und Markus in den Hauptrollen. In diesem Streifen haben EXTRABREIT einen schauspielerischen Kurzauftritt als Phantastische 5. In silbernen, metallischen Anzügen landen sie auf der Erde, um die Welt vor dem Bösen zu bewahren und Menschen in Not zu retten.

Weniger tugendhaft und angepaßt präsentierten sich die frischgebackenen Filmstars in der Öffentlichkeit. Nach einem Konzert kam es zu folgendem Vorfall in einer elitären Münchener Hotelbar:

Die Breiten machten ihrem Namen alle Ehre und genossen den einen oder anderen Drink, während der erfolgreiche Schlagersänger Udo Jürgens , der bürgerlich Udo Jürgen Bockelmann heißt, sich ebenfalls an der Hotelbar aufhielt. Einer ging dann irgendwann im bereits "fortgeschrittenen Stadium" auf den Barden zu und begrüßte ihn mit den Worten: "Na Bockelmann, du altes Arschloch, wie geht's denn so...!?!" Daraufhin ließ Udo Jürgens die feucht-fröhlichen Gesellen des Etablissements verweisen und es gab künftiges Barverbot für die Kapelle. Auch die für manche Rockstars obligatorische Hotelrandale war für EXTRABREIT keine Seltenheit. Ein Radiosprecher der BBC bezeichnete die Breiten einmal als "The german Rolling Stones...” Ein weiterer öffentlicher Skandal und ein damals beinahe unvorstellbares Vorgehen war die schlichte Ablehnung einer Einladung zu Diether Thomas Hecks legendärer ZDF-Hitparade und deren Boykott. Heck kommentierte diesen Entschluß mit den Worten: "Die werden bald wieder mit Kernseife waschen...!". So wurden Kai & Co. einmal mehr ihrem Image als Bad Boys gerecht.

Am 12. Januar 1983 starteten EXTRABREIT zu ihrer vorerst letzten Deutschland-Tournee. Mit bisher nie dagewesenem Aufwand vollzog sich die Rückkehr der phantastischen 5 . Zwei Sattelschlepper, eine riesige Sound- und Lichtanlage, zwei Videogroßbildprojektoren mit entsprechenden Leinwänden und 20 technische Helfer begleiteten die Band auf ihren Konzerten in insgesamt 39 Städten der Bundesrepublik. Jeder Event wurde via Video im Nachrichtenstil angekündigt und zwar von Tagesschausprecher Werner Veigel . Dieser mußte im Vorfeld übrigens 39 mal den gleichen Ansagetext, lediglich mit unterschiedlichen Auftrittsstädten, heruntersprechen. Dieses hat er aber laut Extrabreit in hervorragender und professioneller Art und Weise bewerkstelligt.

Unter dem selbstbewußten Motto Deutschland im Handstreich verlief die Tournee vom 12.01. bis 20.02. 1983 quer durch die Republik. Auch in der Schweiz (Volkshaus Zürich) gab es zwei Konzerte. Trotz einer spektakulären Show blieben die Besucherzahlen jedoch hinter den Erwartungen zurück. Teure Produktionskosten brachten hohe Eintrittspreise mit sich (30 DM waren damals sehr viel!), somit blieben die erhofften Zuschauer aus und brachten der Band die ersten Verluste. Darüber hinaus drohte die Neue Deutsche Welle , die sie ja selbst mit ins Rollen gebracht hatten, zu verebben. Nach zwei Jahren schwindelerregenden Aufstiegs und hunderten von ausverkauften Konzerten kündigte sich eine Trendwende an, die das Flaggschiff EXTRABREIT in schwere See geraten ließ. Nach diversen Schuldzuweisungen und Streitigkeiten verließen Rolf Möller und Public Uli schließlich die Band.

Als Trio nahmen Havaii , Kleinkrieg und Hunter schließlich unter Streitigkeiten die Platte Europa auf, die erstmalig auch englisch gesungene Titel enthält und Ende 1983 erschien. Auch musikalisch ist ein Wechsel zu erkennen. Statt rauhen und dreckigen Gitarren dominieren hier Drumcomputer, Syntie-Klänge und andere elek-tronische Sounds die Musik der Band. Produziert wurde das Album diesmal von Frank Becking , Kit Woolven und den "Breiten" selbst in London, München, Hamburg und Hagen. Der Sound der Band wurde dem neuen Trend Pop and Wave angepaßt, was dazu führte, daß vom rauhen und erdigen Rock'n Roll aus dem Bauch nicht mehr viel übrig blieb, die Musik eher "künstlich” erschien, obwohl sie an sich hervorragend produziert wurde. Die Verkaufszahlen blieben weit hinter den Erwartungen zurück, Europa gilt bis heute als erfolglosestes Album von EXTRABREIT , was immerhin die bis zum heutigen Tage nur auf Vinyl erschienene Scheibe zu einer Rarität macht.

Da dieser Tonträger erstmals nicht betourt wurde und Kai, Kleinkrieg und Hunter aufgrund der ausbleibenden Resonanz aus der Öffentlichkeit in der Versenkung zu verschwinden drohten, entschloß man sich, zusätzlich ein Video auf den Markt zu bringen: Die Wahrheit über Extrabreit erschien in kleiner Auflage im Dezember 1983.

In 60 Minuten sieht der Zuschauer noch einmal alle wichtigen Stationen im bisherigen Werdegang der Hagener. Unter dem Slogan Schockierend-Irritierend-Brilliant befinden sich neben offiziellen Clips und Interviews noch Konzertausschnitte, Szenen der Gold-Verleihung sowie diverse TV-Ausschnitte und spaßige Selbstdarstellungen und Statements auf diesem Film. Obwohl das Video (heute ebenfalls eine gesuchte Rarität) ein originelles Dokument der Breiten in Best of-Manier war, blieb auch hier der Erfolg aus, das "Neue Projekt" EXTRABREIT fand in den Medien kaum Beachtung. 1984 brachte das Trio Album Nr. 5 auf den Markt. Es trägt den Namen LP der Woche und wurde diesmal produziert von Manne Praeker ( Nina Hagen Band, Spliff ) in den Berliner Hansa-Studios und den Union-Studios München. Originellerweise
Beinhalten die Seiten D und E (nicht wie sonst üblich A und B!) jeweils D eutsche bzw. E nglische Songs, welche sich jedoch in "musikalischer Belanglosigkeit verlieren"(Zitat: MusikExpress). Lediglich der Opener Ruhm läßt noch vage an alte Zeiten mit originellen Texten und straightem Rock erinnern. Der Text von Ruhm richtet sich übrigens an die zu dieser Zeit mega-erfolgreiche Nena : Du schlägst die Zeitung auf und Du siehst als erstes Dein Gesicht...”dann kommt Dein Bodyguard, denn Du lebst gefährlich jeden Tag Sonnenbrille auf und dann kannst Du ein bißchen Shopping gehen. Du bist die Königin im Popcornland, wenn in Kinderzimmern Deine Videos flimmern liebst Du sie alle simultan..." Ansonsten sind die Songs von einheitlichem Pop-Wave-Sounds und synthetischem Ambiente geprägt. Kommerzieller Erfolg, Anerkennung bei den Fans und den Kritikern ließen weiter auf sich warten. Die Zeit von Extrabreit schien erstmal abgelaufen zu sein.

Man begann, getrennte Wege zu gehen. Rolf Möller , der Ex-Drummer, war inzwischen bei Grobschnitt eingestiegen, nachdem er mit dem Hagener Avantgardisten Wolfgang Luthe die Maxi-Single Juppheidi im Morgengrauen eingespielt und veröffentlicht hatte ( Luthe war unter anderem der Texter des EB-Songs Laß die Kleinen in Ruh auf Rückkehr der phantastischen 5 ). Kleinkrieg veröffentlichte sein Soloalbum Nur für Jungs , mit dem er versuchte, zu den Wurzeln von EXTRABREIT zurückzukehren. Er tourte mit Public Uli und Hunter , sowie mit Michael Gaßmann und Frank Becking als Kleinkrieg durch die Gegend. Ihm war allerdings auch kein nennenswerter Erfolg beschieden. EXTRABREIT verschwand vorerst von der Bildfläche.....

Nach mehr als zwei Jahren traf man sich Ende 1986 wieder und nahm, erstmalig für Phonogramm , ein ehrgeiziges Projekt in Angriff. Sex after 3 years in a submarine , ein ausgefeiltes, englischsprachiges Album, wiederum abgemischt und produziert von Mack erschien 1987. Kleinkrieg , Havaii und Hunter verstärkten sich hierbei durch Peter Szimmaneck an den Keyboards und den Schlagzeuger Michael Gaßmann . Unterstützt wurden sie bei den Plattenaufnahmen noch von diversen Backgroundsängerinnen, Percussionisten und einer Bläser-Section. Obgleich die LP äußerst filigran und ausgefeilt produziert wurde und bei Kritikern erstmals wieder wohlwollende Töne auslöste, blieb sie ein absoluter Ladenhüter. Dennoch gab es nach fast vier Jahren nun auch wieder eine Tour durch verschiedene Clubs in Deutschland, jedoch auch hier stellten die Besucherzahlen eine Enttäuschung dar. Die Fans, die dennoch kamen, waren vom Repertoire der Band ziemlich enttäuscht und forderten lautstark die alten Klassiker. Zu groß war der Unterschied zwischen den fünf hochkonzentrierten Musikern, die fast bewegungs los zu synthetischen Keyboardsounds und se-quencergesteuerten Riffs ihr Programm abspulten und den alten, bodenständigen und spaßbesessenen Rock'n Roll-Revoluzzern, die sie einmal gewesen waren. Das Projekt Sex after 3 years in a submarine floppte auf ganzer Linie!

Havaii und Kleinkrieg gingen nach München und produzierten mit Mack sehr aufwendige Popmusik, die immer noch in den Archiven auf Veröffentlichung wartet. Danach ging Kleinkrieg nach England und machte mit Mona Liza Overdrive seine 2. Solo-LP, die aber eigentlich eher ein Projektalbum war. Immerhin etwas für Sammler. Nach dieser herben Enttäuschung zog sich Kai Havaii in sein Privatleben zurück. Die Ära EXTRABREIT schien endgültig zu Ende zu sein!

Im Jahr 1990 beginnt vollkommen unerwartet ein neues Kapitel der Bandgeschichte: Die Gruppe gab dem Drängen einiger Konzertveranstalter nach und sagte einige wenige Auftritte zu, für die sich die klassische Besetzung Havaii, Kleinkrieg, Hunter, Möller und Ruhwedel wieder zusammenfand. Das ging deshalb so problemlos, weil sich Grobschnitt inzwischen aufgelöst hatte und auch die übrigen Musiker derzeit in keine anderen Projekte involviert waren. Zeitgleich brachte die Plattenfirma Metronome die beiden Best of Sampler Zurück aus der Zukunft Vol 1+2 heraus, auf der sämtliche Titel der ersten drei EB -Erfolgsalben vertreten sind. Die Tour entwickelte sich zu einem unerwartet großen Erfolg. In die Hallen strömten sowohl Fans der ersten Stunde, die die erfolgreiche Zeit der Hagener 10 Jahre zuvor selbst miterlebt hatten, als auch die 2.Generation, junge Leute, denen allenfalls Flieger , Polizisten oder Hurra, hurra die Schule brennt ein Begriff war. Außerdem wollten noch einige Zaungäste se-hen,was die alten Herren noch so alles drauf haben. Eine ganze Menge, wie sich zeigte. Die Breiten spielten wilder und wüster denn je, und der Spaß an der Sache war allen deutlich anzusehen. Das Programm beinhaltete sämtliche Klassiker aus den "Guten Jahren". Aus den anfangs geplanten "paar Konzerten" wurden am Ende über 80. Zum ersten Auftritt seit Jahren strömten in Hannover über 4000 Fans. Das als Single wiederveröffentlichte Flieger grüß mir die Sonne erlebte seine Renaissance als ultimativer Feten-Evergreen. Nun erschienen zahllose verschiedene Best of-Compilations und Sampler auf diversen Labels.

Während der Tour mußte Public Uli kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen aussteigen und wurde von Bubi Hönig aus Hohenlimburg nahezu nahtlos ersetzt. Hönig war in der Hagener Szene durch sein Mitwirken bei Green, Faithful Breath, Bullet und anderen Heavy-Bands einschlägig bekannt und fügte sich hervorragend in das bestehende Line-Up ein. Darüberhinaus bekam Bassist Hunter zunehmend Probleme mit der Bühnenpräsenz, indem er versuchte, dem Bandnamen alle Ehre zu machen (halt ständig extra breit zu sein). Als diese Situation für den Rest der Truppe nicht mehr tragbar war, wurde er ebenfalls bei laufender Tour gegen den Hagener Baßmann Michael Grimm ausgetauscht, der inzwischen bei der Cover-Band Halber Liter aktiv ist. Nach Beendigung dieser Reunion-Tour veröffentlichten Extrabreit Ende 1990 ihr erstes Live-Album: Das grenzt schon an Musik . Die CD beinhaltet nochmals alle EB-Klassiker im harten und ungeschliffenen Live-Sound. Ein Jahr später erschien dann mit Wer Böses denkt, soll endlich schweigen das nächste Studio-Album auf East-West-Records . Back to the roots zeigten sich hier Extrabreit wieder mit schnörkellosem, teils angepunktem Rock, die Texte, manchmal nicht ganz stubenrein, sind originell und witzig.

Einen Hit lieferte der Silberling jedoch nicht. Die CD wurde durch mehrere Clubs betourt, wobei Havaii, Kleinkrieg, Möller, Hönig und Grimm bei der Programmauswahl die richtige Mischung zwischen aktuellen Songs der CD und unverzichtbaren Stücken der Vergangenheit fanden. In wesentlich kleinerem Rahmen als noch zu Beginn der 80iger Jahre konnten die Breiten trotzdem gut besuchte Hallen vorweisen. Rolf Möller, der inzwischen das Konzert-Booking übernommen hatte, gründete seine eigene Agentur: Top-Sahne-Concerts. Nach dem Abschluß dieser Tournee geriet die Truppe in eine weitere Krise. Michi Grimm verließ die Band, und Sänger Kai Havaii , inzwischen in Berlin lebend, geriet zunehmend in Drogenprobleme. Sex and Drugs and Rock'n Roll, die Trias des Show-Biz waren für EXTRABREIT nie Attitüde, sondern Gesetz, und das zeitweilig im Übermaß. Havaii gesteht, daß EB "....in Sachen Stimulantien immer'ne Menge Humor hatten...". Die beinahe fatale toxische Zuneigung nahm einen klassischen Verlauf. Während Sessions, Proben, etc. waren Alkohol und sogenannte "leichte Drogen" an der Tagesordnung und begleiteten die Band während ihrer gesamten Schaffenszeit. Bei Havaii machte diese Entwicklung nicht Halt und vollzog sich bis zur absoluten Heroin-Abhängigkeit, die nicht nur seine Existenz, sondern auch die Stimmung in der Band drastisch gefährdete. Mehrere Gigs drohten unmittelbar vor dem Konzertbeginn zu platzen... Letztendlich kriegte Kai jedoch die Kurve und schaffte den Entzug.

1993 brachten EXTRABREIT nach wiederum 2jähriger Pause die CD Hotel Monopol auf den Markt, ebenfalls von East-West vertrieben. Als neuer Bassist ist diesmal der Österreicher und ehemalige Roadie Herb Leitner zu hören. Das ausschließlich in deutscher Sprache gesungene Werk kommt stilistisch seinem Vorgänger nahe. Mit der Single Für mich soll's rote Rosen regnen landeten die Breiten in Zusammenarbeit mit Film- und Chansondiva Hildegard Knef seit Jahren wieder einen Hit. Die Kooperation mit der Ausnahme-Künstlerin war geprägt von gegenseitigem Respekt und Zuneigung. Die Hollywood-erfahrene Muse läßt die Musiker auch heute noch in's Schwärmen geraten. Nach Geständnissen der Musiker war man vor dem ersten Zusammentreffen mit der "alten Sünderin” äußerst nervös und unsicher, wie man einer solchen Ausnahmefrau mit über 50jähriger Bühnenerfahrung entgegenzutreten habe. Hilde , wie sie von den Breiten liebevoll genannt wird, nahm jedoch mit ihrem Charme jede falsche Distanz aus der Zusammenarbeit, so erzählt Rolf Möller heute.

Nach Hotel Monopol folgte wieder eine größere Tournee, bei der sich das Quintett auf der Bühne mit dem Ex-Grobschnitt -Keyboarder Dirk Lindemann verstärkte, der auch schon beim Vorgängeralbum als Studio-Gastmusiker beteiligt war. Auf der Bühne präsentierten sich EXTRABREIT zunehmend härter und verkörperten das Klischee der harten Rock'n Roller. Die Roadcrew bildeten übrigens diverse Licht-und Tontechniker der inzwischen aufgelösten Band Grobschnitt , was ja nicht die einzige Brücke zwischen den beiden Hagener Formationen war. Nach mittelmäßig erfolgreicher Tour verlassen schließlich Rolf Möller und Bubi Hönig die Band, begründet durch "zunehmende Routine und nachlassenden Spaß....".

Drei weitere Jahre vergingen, bis EXTRABREIT im Frühjahr 1996 Jeden Tag Jede Nacht veröffentlichten. Der Silberling wurde von Oktober '95 bis Januar '96 erstmalig in Conny's Studio in Wolperath aufgenommen und produziert und erschien erstmalig auf dem Major-Label BMG . Die Kapelle erfuhr eine Verjüngung durch drei neue Gesichter: Die zweite Gitarre spielte diesmal der Ex-"Jingo De Lynch -Gitarrist Tom Schwoll aus Berlin-Kreuzberg. Von dort stammte auch der neue Drummer Steve "The machine" . Mit seinen 22 Jahren war der Bassist Sebastian Gäbel der jüngste Extrabreite . Er zupfte zuvor den Bass bei Bray D. Bunch . Die Band wurde von Kai und Stefan zusammengestellt. Mit dieser Frischzellenkur vertraten Kleinkrieg und Havaii einmal mehr ihr Lebensmotto "Auf die Fresse fliegen, aufstehen, weitermachen...!” Den Stil der Platte ordnete Kleinkrieg zwischen dem ersten und zweiten Album ein und kreierte die Schublade Punk'n Roll . Plakative und kurze Songs im Stil der Toten Hosen prägen das Konzept von Jeden Tag Jede Nacht . Mit Nichts ist für immer liefern EB den letzten Teil ihrer Duett-Trilogie, diesmal mit dem Entertainer und Vorzeigetrinker Harald Juhnke , den ja "in gewisser Weise eine Seelenverwandtschaft mit den Breiten verbindet...."(Zitat: Kleinkrieg ). Da dieser jedoch zur Zeit der Veröffentlichung im Krankenhaus und in der Öffentlichkeit seinen Entzug betrieb, entschloß man sich statt des Duetts den Titelsong als Single auszukoppeln.

Album und Single wurden im Gegensatz zu den Vorgängern von den Medien in großem Maße gehypt. Vor allem beim Teenie-Sender VIVA waren die Breiten regelmäßig präsent. Es wurde sogar ein einstündiges Special in der Reihe Jam gesendet. Kai Havaii absolviert unzählige Auftritte in Talk-Shows und beantwortete geduldig alle Fragen zu seinen zeitweiligen Drogenproblemen. Die Deutschland-Tournee im April und Dezember konnte jedoch die Erwartungen wieder einmal nicht erfüllen, die durch große Werbekampagnen und den Medienhype in sie gesetzt wurden. Im gleichen Jahr noch erscheint ein besonderer Hit-Sampler mit dem Titel Superfett ebenfalls auf BMG. Die CD beinhaltet 17 Hits aus 17 Jahren Bandgeschichte, die teilweise neu aufgenommen, bzw. remixed wurden. Einen erhofften Anstieg der Verkaufszahlen konnte sie jedoch nicht mehr bewirken.

Während der Arbeit am 10. Studio-Album im Jahr 1997 sahen sich Havaii und Kleinkrieg tief in die Augen und beschlossen "aus dem Gefühl heraus", das Buch EXTRABREIT 1998 zu schließen. Folgerichtig heißt das letzte Werk Amen . Hier werden die Breiten nur noch als Quartett geführt ( Kleinkrieg, Havaii, Gäbel, Steve"the machine" ). In die 12 Stücke brachte Havaii noch einmal viele seiner Erfahrungen aus 20 Jahren EXTRABREIT ein. Amen ist sicherlich nicht das beste, aber bestimmt das persönlichste Album von Schlasse und Klein .

Ab Mai gab es die Abschiedstournee durch fast 30 Städte, bevor am 19.September 1998 beim großen Abschiedskonzert in der Hagener Berlet-Halle vor 4000 Zuschauern zum letzten Mal der Vorhang fiel.... So endete in Hagen das, was vor 20 Jahren an gleicher Stelle begann:

Abschließend danke ich Rolf Möller, der mir beim Erarbeiten der EXTRABREIT - Story eine große Hilfe war und mich mit zahlreichen Fotos, Dokumenten und Informationen versorgt hat, sowie bei Stefan Kleinkrieg, der korrigierte und bei Kurt Mitzkatis, der dann alles koordinierte.
[Jörg Mokros]



© 1998, 2003 german rock e.v.
- 08-Juli-1998 -

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