Biografie 
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8 (1999)
Mit "Mikrorhythmen ganz schön groß geworden"
Ein Embryo war die Weltmusik, als die Gruppe sich 1969 diesen Namen gab. Inzwischen haben sich Embryo und Weltmusik vereint, und sind, was normalerweise nicht möglich ist: fruchtbar geworden. Sie machten wirklich eine Musik der ganzen Welt und waren damals der Zeit weit voraus. Heute, da es die "Mode der Weltmusik” gibt, ragt Embryo weit über die jetzigen "Vertreter" hinaus. Die Mitglieder sind offensichtlich keine Millionäre geworden, aber das Fehlen des kommerziellen Drucks hat ihnen die Möglichkeit der künstlerischen Freiheit gelassen. Die Musiker sind dankenswerterweise Puristen geblieben, die nicht das Geld in den Vordergrund stellen, oder musikalische Konzepte durchpowern. Sie lassen sich nicht dazu verleiten, sich bei anderen Kulturen zu bedienen, um deren Rhythmen und Klänge zu gefälligem Pop - Gedudel umzubauen. Burchard hierzu: "Unser Stil ist populär geworden, aber ohne daß wir es wollten, meistens dienen wir als Anschauungsmaterial.”
Im Musik Kollektiv Embryo spielten mehr als 400 Musiker, welche der Band Impulse gaben, aber auch von ihr geprägt wurden. Zahlreiche bekannte Musiker waren in der Band: Ex-Xhol Hansi Fischer, Dauner´s Et-Cetera Sigi Schwab, Ex-Passport Jimmy Jackson, Ex-Missus Beastly Roman Bunka, Karthargo Gründungsmitglied Gerald Hartwig Luciano, Ex-Spacebox Yulyus Golombeck und Mal Waldron, über den auch der Bassist Dave King zur Band stieß. Da aber die Mitglieder der Gruppe ständig wechseln, änderte sich folglich auch ihr Stil: mal war es etwas rockiger, mal wurden gesellschaftskritische Texte gesungen, dann spiegelten sich internationale folkloristische Einflüsse in ihrer Musik wieder. Und vor allem, es war in jenen Zeiten des Protestes und des Aufbruchs, in denen alles möglich schien und auch die Rockmusik zum Abenteuer wurde. Durch die Zusammenarbeit mit Münchener Schriftstellern wurden Autorenlesungen mit Musik aus ihren Konzerten untermalt, es gab Multimedia-Shows mit Musik, eigenen Bildern und Filmen, aber auch Auftritte in Kindergärten und Schulen waren nichts Besonderes. Dadurch ergaben sich immer verschiedene Kreativitäten.
Der häufige Wechsel von Mitgliedern veränderte Embryos Sound ständig. Sie bezeichneten ihre Musik damals als "Fantastic, - Psycho, - Jazz, - Rock". In- und ausländische Medien deklarierten den Musikstil jedoch immer wieder als "Free Music". Was aber immer durchklang waren die von Burchard entwickelten Percussion Sounds, wie er sagt: "Mikrorhythmen", die mit elektrisch verstärkten Instrumenten breite Klangbilder wiedergeben, verstärkt werden.
"Normalerweise bestehen Gruppen nur wenige Jahre. Welcher Mensch erlebte soviel, wie diese Band in 30 Jahren? 30 Jahre Embryo - fast alle Stilrichtungen und Strömungen sind an dieser Band vorbeigegangen: Die Protestbewegungen der 60er, die harte Arbeit der 70er, die Freiheit der 80er, und nun vielleicht auch noch die Weisheit der 90er" (Zitat J.E. Berendt). Und Embryo vermittelte immer den Kontakt zu fremder Musik und Ländern. Sie verbinden stets die unterschiedlichen Kulturen der Völker. Christian Burchard sagt: "Wir hoffen durch ständige Konfrontation in unserer Entwicklung weiterzukommen". Was auf die Band voll zutrifft, ist die Bezeichnung "Multikulturell". Die spanische El Pais schrieb 1994: "Ein riesiger Vorteil der Band war es stets, nicht den habgierigen Augen und des Diktats des "Ethnobeats" oder ähnlichen Erfindungen zu erliegen......."
Embryo hat den Geist des Suchens und des Abenteuers aufrecht erhalten - fern jeglicher Banalisierung. Sie sind die einzige Band, die sich immer noch weiterentwickelt, ohne ihren Anfangsidealen untreu zu werden. 30 Jahre auf den Straßen der Welt haben sie genutzt, um eine Kultgruppe zu werden, ein authentischer Mythos im Bereich der improvisierten Musik und der kulturellen Verschmelzungen. Auch nach so langen Jahren kontinuierlicher Arbeit kommt jeder Auftritt von Embryo noch immer mit dem Zauber und der Frische einer erstmaligen Begegnung.
Zur Vorhut der deutschen Rockbands mitten im Pilzkopffieber gehörte Embryo ohne Frage. Und sie waren eine Band der ersten Stunde, die mit Gruppen wie Amon Düül, Can, Guru Guru oder Xhol-Caravan die Existenz des deutschen Rocks einer breiteren Öffentlichkeit demonstrierte. Anderen Bands die auch nicht schlecht waren, fehlte die musikalische Klasse und die Substanz, um drei Jahrzehnte zu überstehen. Überhaupt, die deutschen Bands hatten es schwer, sich gegen die erdrückende Übermacht der englischen und amerikanischen Gruppen zu behaupten. Ausnahme: "Embryo". Mehr als 23 Veröffentlichungen gab die Band bisher heraus. Und jedes ist für sich ein Meisterwerk der Ethnoformation. Leider wird die Bedeutung der Band im Ausland größer gesehen als in Deutschland selbst.
Die Gründer der Jazzrock Gruppe im Sommer 1969 waren der Student, Vibraphonist, Schlagzeuger, Sänger und einziges konstantes Bandmitglied Christian Burchard (geb.17.05.1946 in Hof), der schon mit den Jazzgrößen wie Mal Waldron, Don Menza und Benny Baily zusammengespielt hatte, und auch Orgel und Vibraphon in verschiedenen Jazzbands hervorragend zum Besten gegeben hatte. Und Edgar Hofmann an der klassischen Geige, Klarinette, Saxophon und Percussion. Er war in diversen Bands von Dixiland über Bebop bis Free-Jazz mit dabei.
Die beiden spielten noch mit zahlreichen anderen Musikern, wie Dieter Serfas, Chris Karrer, Peter Leopold (später Amon Düül) in diversen Session-Bands mit. Darüber sagte Burchard: "Daraus entstand Musik von intelligenten qualifizierten Musikern für intelligente und komplizierte Menschen." Hierin wird auch wohl der wahre Kern ihrer langen Existenz stecken.
Bereits 1969 formierten die beiden unter dem Namen Embryo eine zwölfköpfige (und mehr) Big Band, in der u.a. Julius Schittenhelm und Jimmy Jackson mitspielten, die aber alsbald scheiterte. Leider existieren von dieser Formation keine Mitschnitte. Lediglich Trioaufnahmen aus diesen Tagen sind als Bonus-Tracks auf der CD Opal erschienen. Dann, Ende 1969 formierten sie sich neu. Zu den Ursprungsmitgliedern gehörten weiter: Lothar Meid am Bass, der jedoch später zu Amon Düül II wechselte, der Engländer John Kelly an der Gitarre, Kelly spielte vorher in einer schottischen Hardrockformation, davor in London mit Chris Andrews und in Manchster mit Alvin Lee, dem Ten Years After Gründer. Jimmy Jackson an der Orgel (bis Kelly kam), Dieter Serfas und Wolfgang Paap am Schlagzeug und Ingo Schmidt am Saxophon. Ende 1969 wechselte Meid zu Amon Düül. Ralph Fischer übernahm den Basspart. Er hatte zuvor ein einer Latinband gespielt und auch manchmal mit Peter Hamel zusammengearbeitet.
Bei Opal, der ersten Produktion der Band hatte sich die Besetzung allerdings schon geändert. Opal wurde 1970 aufgenommen und war sehr eigenwillig zusammengestellt aus Jazz, Rock, Blues und Soul. Also aus den Stilrichtungen in den Embryo sich weiterentwickeln und weitere Ideen holen würde. Im Juni dieses Jahres verließ Kelly die Band und Jackson wurde als festes Mitglied integriert. Die erste große Publicity hatte die Band 1970, als sie einen 90 Minuten Fernsehfilm: "EMBRYO - eine Gruppe zwischen Subkultur und Konsum" mitproduzierten und diverse Auftritte bei großen Festivals: auf Fehmarn, der "Art Information" in Kiel, dem K-14 Festival in Essen, dem Pop Festval in Harzburg und bei urbs in Wuppertal hatte. Vor allem gab es viel Wirbel als die Band in Oberammergau eine Gegenpassion veranstalten wollte. Dazu erhielten sie aber keine Genehmigung. Am Ende des Jahres verließ Ralph Fischer die Band. In den folgenden Monaten trat Embryo mit Alfred Jones - Gitarre, und Hansi Fischer - Flöte & Saxophon auf die Bühnen. Fischer hatte vorher bei der Band Xhol-Caravan gespielt. Alfred Jones verließ die Band nach dem Fehmarn Festival (Anmerkung: Jimi Hendrix letzter Auftritt).
1971 wurde die zweite LP "Embryos Rache" veröffentlicht. Hier spielten Hansi Fischer Flöte, Percussion und Gesang, Edgar Hofmann Violine und Geige. Der Ex- "Missus Beastly" Gitarrist Roman Bunka (geb. 2.12.1951, Frankfurt) ist hier zwar in den Credits aufgeführt, doch er war bei den Aufnahmen nicht dabei, und ist nur auf dem Cover abgebildet. Außerdem bediente Hermann Breuer das Piano und die Orgel. Jimmy Jackson heißt auf dieser Produktion aus Vertragsgründen Tabarinman. Embryo präsentierten hier erstmals einen Sänger Namens: Franz Böntgen. Er war als großer Embryo-Fan der Band hinterher gereist und hatte sich immer wieder bei verschiedenen Konzerten das Mikrofon geschnappt mit seiner Stimme einfach drauflos improvisiert. Der MUSIK EXPRESS schrieb hierzu: Mit "Embryos Rache" sind sie endgültig an die Spitze der deutschen elektronischen Rock-Musik-Szene vorgestoßen. Im SOUNDS -Pop-Poll war Embryo in diesem Jahr in den Top-Ten. Auch im MUSIK EXPRESS lagen sie auf dem dritten Platz der "vielversprechendsten Band". In einer Hitliste des Kölner Stadtanzeigers lagen sie mehrere Wochen unter den ersten Top-Ten. Hermann Breuer verließ in diesem Jahr die Band. Dafür wurde Jörg Evers - Gitarre, Bass neu aufgenommen. Auch Roman Bunka verließ Ende des Jahres das Geschehen, um eigene Wege zu gehen.
Lange brauchte Embryo dann, bis im April 1972 die dritte LP "Father, Son And Holy Ghosts" in einer Studiosession aufgezeichnet wurde. Diesmal waren der Gitarrist Sigi Schwab - Gitarre (ex Et-Cetera) und der heutige United Jazz & Rock Ensemble Bassist David King dabei. Mit diesem neuen Bassisten wurde im März 1972 auch der zweite Teil der großartigen Improvisations Produktion "Steig Aus!" aufgenommen. Roman Bunka stieg zu dieser Zeit wieder in die Band ein. Er fügte bei Steig aus auf dem "Radio Marrakesh”-Titel noch Gitarre und türkische Saz hinzu, was als "first oriental step” gewertet werden kann. Auch "Rock Session" stammt aus dieser Zeit, wurde jedoch erst 18 Monate später veröffentlicht. Das Besondere an diesen Aufnahmen war, daß die Bandmitglieder mit wenig Absprachen, Proben und Songs ins Studio gingen, um absolute Spontanität und Improvisation einzufangen, was ihnen ja dann auch hinreichend gelang. Sie erspielten sich Stücke, die an das Format "ein echter Hammer" heranreichten.
Aufgrund einer Einladung des deutschen Goethe Institutes brach Embryo im Mai 1972 mit Christian Burchard, Edgar Hofmann, Jimmy Jackson und Dave King zu einer vierwöchigen Tournee durch Spanien, Portugal, Marokko, Algerien und Tunesien auf. In Spanien wurden zwei Konzerte abgesagt, weil die Regierung den Song "Espania Si, Franco No" verboten hatte. An der Zollstation nach Marokko gab es dann den nächsten Ärger: Die Grenzer wollten die Band wegen ihrer langen Haare nicht einreisen lassen. "Entweder Haare abschneiden oder draußenbleiben." Erst nach harten Verhandlungen gaben die Beamten nach. Aber trotzdem reagierte die Presse überall positiv: "Die Gruppe Embryo, eine musikalische Erfahrung, die dem kulturellen Leben eine neue Richtung zeigt, und das aus einem Land, das schon Musiker wie Beethoven und Stockhausen hervorgebracht hat". Burchard sagte später dazu: "Es war wie auf einem anderen Planeten. Wir haben nichts verstanden und erst hinterher gemerkt, daß dort überall ein anderes Tonsystem herrscht, und ein ganz anderes rhythmisches Denken vorliegt." Mehrere Embryo Musiker beschäftigten sich damit und studierten später sogar die Rhythmik der asiatischen und afrikanischen Trommeltechnik, und machten diverse Produktionen mit Percussionsgruppen.
Nach Schwab und Fischer die schon vor der Tournee die Band verließen, gingen dann auch Hofmann, King und Jackson. Christian Burchard spielte mit Roman Bunka - Gitarre und Dieter Miekautsch - Keyboards weiter. Gleichzeitig wurde eine Band Namens "Buschmann" gegründet, um diese neue Kombination auszuprobieren. Klaus Götzner kam als Percussionist, Mullah Stilette war der neue Bassist (er kam aus der Hippy-Westcoastscene). Und auch Edgar Hofmann war immer wieder mal dabei. Danach folgten die Aufnahmen zu "Steig Aus". Der MUSIK EXPRESS hierzu " Man kann sofort einsteigen und abfahren". Die Musikzeitschrift Sounds beurteilte damals: "Embryo sind ohne Frage die absolute Rhythmusgruppe unter den deutschen Rockbands. Wenn man nicht wüßte, das sie aus München kommen, und man hörte ihr neues Album würde man auf eine afro-asiatische Band tippen. Die Rhythmusarbeit Embryos ist ausgefeilter als je zuvor. Der große Rhythmus läuft stets in unablässigen Fluß vorwärts. Darin nahtlos eingewoben sind zahlreiche kleine Rhythmusgebilde, Versetzungen, Verzögerungen, verspielte Zwischenschritte im großen Tanz. Von ihnen geht fortwährend Spannung aus............ Nie trägt Embryo zu dick auf. Die Dynamik ist voller Spannung, nie überzogen. Das ist ein ausgesprochen reifes Album! Selbstsicher und gelassen. Es bestände ja leicht die Verführung, die exotischen Elemente (vor allem Schwabs orientalischer Saiteninstrumente) um auffälliger Effekte Willens besonders formatiert nach vorne zu heben. Aber nichts davon. Es geht Embryo vor allem um eine einheitliche Stimmung. Und die ist da, durchweg: es brodelt und pulsiert unter einer weiten, Ruhe ausströmenden Landschaft."
1973 wurde Embryo mit Roman Bunka und Jimmy Jackson als erste deutsche Band auf das jährliche "National Blues & Jazz Festival" in Reading nach England eingeladen, das der Marquee Club jährlich veranstaltet.
Im November dieses Jahres gaben Embryo im Hamburger Schauspielhaus ein Gastspiel. Mit dabei waren diesmal Mullah Stiletti, der Schlagzeuger Klaus Götzner der später zu "Ton Steine Scherben” wechselte. Ferner waren Mal Waldron, Charlie Mariano und Roman Bunka mit von der Partie. Letztere spielten bei diesem Konzert zum ersten Mal zusammen. Aus dem Konzert stellte das NDR eine 45 minütige TV Show zusammen, welche 1974 im dritten Programm gesendet wurde. Danach spielten Embryo 1974 das Album "We Keep On" ein, das im eigenen Musikverlag Faruk-Musik veröffentlicht wurde. Zu Charlie Mariano, der zuvor bei Größen wie: Charles Mingus und Elvin Jones gespielt hatte und 1972 durch Vermittlungen von Sigi Schwab zur Band fand, äußerte sich Burchard damals begeistert: "Mariano will ähnlich wie wir, Einflüsse und Spielpraktiken der ostasiatischen Musik mit einfließen lassen". Bei Konzerten und Studio - Sessions wurde über "einzelne, vorkonzipierte Themen frisch drauflos improvisiert. SOUND allerdings gewann dem Ganzen aber auch eine negative Seite ab: "Mariano gibt der Band größere Spontanität und Frische. Auf der anderen Seite aber auch gelegentlichen Leerlauf und Communication-Breakdown. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schrieb: "Der famose Rock-Jazz mit dem Prädikat "Zeitlos". "Es
gehört zum Schönsten, was Jazzer und Rocker gemeinsam in Plattenrillen gepreßt haben", beurteilte die MUSIC SCENE. Auch der Gitarrist Roman Bunka zeigte absolute Spielfreude und integrierte sich mehr in die Band, die ihre Weltmusik immer wieder mit verschiedenen Stilen verfeinerte.
Ferner spielte Embryo in dieser Zeit mit dem Sarodspieler und Asienreisenden Kenneth Wells, also einem Spezialisten für asiatische Musik und Sankar Lal an den Tablas. (Wells unterrichtet heute an einem Collage in San Francisco asiatische Musik.) Dadurch entstand dann die Band "Sadja" und das gleichnamige Tape. Zu dieser Zeit etablierte sich das Trio um Roman, Dieter und Christian als wunderbar funktionierende feste Besetzung. Dieter Miekautsch ein Genie an den schwarzen und weißen Tasten entwickelte eine Sound -Technik ähnlich wie der Keyborder Ray Manzanarek von den Doors. Mit der linken Hand spielte er einen mächtig fließenden Bass, der das Fundament für die ausgeflipptesten Improvisationen, Kompositionen und Grooves sicherte.
Im Juni 1974 wurde dann Uwe Müllrich (geb. 7.12.47 Rügen) der neue Embryo-Bassist. Er hatte schon 1969 mit Bunka und Jürgen Benz von "Missus Beastly" zusammengespielt. Außerdem war er auch schon Gitarrist bei "Lokomotive Kreuzberg". Teilweise spielte er dann die Platte "Surfin" mit ein, die Embryo dann an BASF verkaufte. Die Band machte sich zur Zeit einen guten Namen mit dem eigenen Musikverlag "Faruk Musik", und verkaufte ihre fertigen Produktionen an "meistbietende" Vertriebsfirmen. Danach im Herbst 1974 unternahm Embryo eine Holland - Tournee. Die englische Sängerin Maria Archer stieg 1975 in die Band ein und gab der bisher vokalisch unterbelichteten Band einen kräftigen Schub in diese Richtung. Jedoch blieb sie wie viele Musiker vor ihr nur zwei Jahre, und verließ kurz vor der Italien-Tournee die Band. Sie ist auf den Alben "Embryo Live 1976" und "Bad Heads And Bad Cats" zu hören. Die Zeitung Jazz Podium schrieb hierzu: "....ihrer swingenden und jazzigsten Seite zeigen". Großen Erfolg hatte die Band im Herbst 1975 bei zwei Konzerten mit dem Philharmonischen Orchester der Stadt Bielefeld und einer 17köpfigen Bigband in der Rudolf Oetker Halle. Christian Burchard sah allerdings keine Chance so etwas zu wiederholen, da die Kluft im Rhythmusgefühl wohl doch zu verschieden war.
Starke Beachtung fand die Band 1976 in Amerika und England mit ihrer LP "Surfin". Daraufhin startete Embryo zu einer großen und sensationell erfolg-reichen Tournee. Wobei es eigentlich heißen müßte: "Embryo waren und sind ständig auf Tour". Hieraus entstand dann das Album "Live", welches sehr gut abgemischt ist und Embryos eigenständigen Sound verdeutlicht. Nachdem Embryo bis 1976 schon viermal die Plattenfirma wechseln mußte und BASF ihre letzte LP als nicht "kommerziell genug" einstufte, (man vermarktet lieber gängige Produkte ausländischer Bilanz-Musiker, als sich mit einheimischen Gruppen herumzuschlagen) mußte die Gruppe eine Alternative und einen Ausweg aus dem eingefahrenen Vertriebssystem finden. Bisher hatten die Bands nur zwei Möglichkeiten kennengelernt, Musik zu machen: Entweder sie verkauften sich an eine Plattenfirma, paßten sich an und spielten, was die Produktionsmanager gerade für "in" hielten, oder sie suchten sich einen Gelegenheitsjob und rockten nach Feierabend. Aus dieser Not heraus wurde durch Unterstützung von dem Alternativ-Verlag "Trikont" das erste Plattenlabel Deutschlands "April" gegründet, welches aber wegen namensrechtlicher Schwierigkeiten mit "CBS" in "Schneeball" umbenannt wurde, dem sich schnell weitere Bands anschlossen. Das Label löste sich von den üblichen Vertriebsmethoden und setzte auf Mundpropaganda, spezielle Plattenläden, Postversand und Verkauf und Werbung bei Konzerten und Festivals. Dieses Konzept hat bis heute erfolgreich Bestand. Der Schneeball kam im April 1976 in Bewegung. Am Anfang waren dabei: Sparifankal, Ton Steine Scherben, Embryo, Missus Beastly. Danach Julius Schittenhelm, 1977 dann Munju, Moira, Checkpoint Charlie, die Real - AX - Band und 1978 noch das Brühwarm - Theater. Ein zweites Schneeball hat sich 1979 zusammengefunden: Elastic Rock Band, High Crack, Allgäu und die Banana Groove Band.
Christian Burchard über das Schneeballsystem:
SCHNEEBALL war schon "independent", als es dieses Wort - zumindest im deutschen Sprachgebrauch - noch gar nicht gab. Es war zwar nicht das erste unabhängige Label in der damaligen BRD (diese Ehre gebührt wahrscheinlich FMP), aber es war das erste, das komplett von Musikern organisiert und finanziert wurde. Die Musiker machten bzw. kontrollierten alles selbst: Produktion, Covergestaltung, Herstellung und, und zusammen mit einem Netzwerk von Freunden den Vertrieb. "Wir haben Deutschland aufgeteilt. Wir hatten z.B. das ganze schwäbische Gebiet und Oberfranken, die Sparis hatten Mühldorf, die Passauer Ecke usw., München hat Julius Schittenhelm übernommen, und die Scherben hatten fast ganz Norddeutschland. Missus Beastly hatten Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet. Das Ruhrgebiet haben wir wie ein rohes Ei behandelt. Verschiedene Gruppen haben versucht, sich da zu etablieren. Und Othmar Schreckeneder hat die Auslandskontakte gepflegt... Ich bin damals mit Butze Fischer losgefahren mit dem Bandbus und Platten drin und in die Läden rein und wir hatten wirklich absurde Erlebnisse. In Forchheim gehen wir in einen Laden und sagen: 'Hallo!' - niemand da! Als wir raus gehen, sehen wir, wie jemand von hinten kommt - eine Frau. Die hatte Angst vor uns - mit unseren langen Haaren, irgendwelche Kartons unterm Arm... Oder in Nürnberg in einem Laden, da haben die Verkäuferinnen nur gelacht. Kein Wort geredet, nur gelacht. Aber sie haben uns was abgekauft - ich hab' einfach einen Lieferschein ausgefüllt."
Der hehre Anspruch sollte jedoch der rauhen Wirklichkeit nicht standhalten. Das Labelmotto "Musik im Vertrieb der Musiker" galt eigentlich nur in der Anfangsphase von SCHNEEBALL, dann setzten sich doch wieder die Strukturen durch, die man eigentlich überwinden wollte. Die Herausbildung eines gewissen Spezialistentums war unvermeidbar, denn Musiker sind schlechte Buchhalter, sortieren Aktenordner nur unter Androhung körperlicher Gewalt und schreiben Mahnbriefe erst, wenn ihnen das Zigarettengeld ausgeht. Obwohl es dafür natürlich jede Menge stichhaltiger Erklärungen gibt. "Na klar, wir waren manchmal z.B. 9 Monate in Indien..."
Nachdem Maria Archer und Dieter Miekautsch Embryo verlassen hatten, um bei der Real Axe Band einzusteigen, die von dem Katharsisgründer Tophi Mache geleitet wurde, und bei der Marlon Klein (später Dissidenten) Schlagzeuger war, übernahmen Embryo den Drummer von Missus Beastly: Butze Fischer. Missus Beastly gehörte zu jener Zeit kein Ursprungsmitglied mehr an, wurde jedoch von Burckhard Schmiedl und Friedemann Josch erfolgreich gemanagt. Diese beiden wurden dann auch zu wichtigen Faktoren bei den Dissidenten. Es war auch zu dieser Zeit üblich, daß Schneeballbands Musiker austauschten, da sie meist alle gut befreundet waren. So spielte Christian bei Sparifankal und Checkpoint Charlie; Edgar bei Moira. Einmal gab es sogar bei einem der vielen Schneeballfestivals die Situation, daß Roman den Part von Rio Reiser bei "Ton Steine Scherben" übernahm, weil dieser erst verspätet zum Konzert erschien. Vor Butze Fischer war lange Zeit der Schlagzeuger Alan Blaiman aus New York dabei. Am Piano und Keyboards und Orgel war Michael Wehmeyer. Er hatte schon in dem Haus in der Edhingerstraße gewohnt, in dem Embryo bis heute zuhause ist. 1977 erschien dann das Album Apo-Calypso das wiederum sehr rhythmisch, aufreißend und funkybetont konzipiert war. Die zweite Seite der LP die übrigens mit einem schönen Flötensolo von Edgar beginnt, wurde zum Teil von den Musikern 1976 in Bombay aufgenommen. Zu dieser Zeit initiierte Embryo auch maßgeblich die "Umsonst und draußen" Festivals. Das Festival im August 1978 welches an der Porta Westfalica stattfand und über 50.000 Besucher zählte, war eines der größten Subkultur-Ereignisse des Jahres.
Ein Höhepunkt in Embryos Karriere war 1978 bis 1979 der Aufbruch der Band als Großfamilie mit Musikern, Frauen, Kindern, Roadies und den acht Leuten des Filmteams in drei Bussen zu einer riesigen Tournee durch Asien. Neun Monate waren sie unterwegs und wären beinahe Opfer der Revolution in Teheran geworden, als sie während einer Buspanne in eine Schießerei gerieten. Also zwängte sich die ganze Kommune in einen anderen Bus und ab gings. Aber kaum auf der Ausfallstraße, wäre die Flucht auch beinahe schon zu Ende gewesen. "Irgendwelche Typen haben mit Knarren rumgefuchtelt. Die waren so nervös, daß ihnen dauernd die Magazine rausgefallen sind, weshalb sie uns schließlich weiterfahren ließen", erzählte Burchard. Die positiven Erfahrungen dieser Tournee wurden auf der legendären Doppel LP "Embryos Reise" veröffentlicht. Das Zweite Deutsche Fernsehen sendete den Fernsehfilm "Vagabunden Karawane" dann im Januar 1981. Auch auf dem CD & LP Cover ist die Reise neben der sehr guten Musik auch hervorragend textlich dokumentiert. Die Reise nach Indien begründete Embryos Ruhm als Weltmusik - Formation. Ihr Haus in München wurde nun an zu einem Treffpunkt für Musiker aus allen Erdteilen.
Bei ihrem Aufenthalt in Kalkutta Anfang 1979 lernten sie u.a. Ramesh Shotham kennen. Durch seine Vermittlung wurden sie dann 1980 in die indische Trommel - Universität eingeladen. Das Karnataka Collage Of Percussion lud die Band ein in ihre Schule nach Bangalore zu kommen, die von dem Meister auf der Mrindangam T.A.S. Mani geleitet wird. Embryo probten dort mehrere Tage zusammen mit den indischen Musikern. Von den Aufnahmen die dort entstanden, sind einige auf der Produktion "Embroys Reise" veröffentlicht.
Dann, im Herbst 1980 spalteten sich Embryo nach internen Streitereien. Außerdem war die Gruppe mittlerweile auf mehr als 14 Leute angewachsen, so das auch die Gagen der Auftritte nicht mehr ausreichend waren. Bei so häufigen Mitgliederwechseln seit in ihrer Existenz konnten die Unstimmigkeiten wohl nicht ausbleiben. Christian Burchard behielt den angestammten Namen Embryo bei. Die derzeit zur Band gehörigen Friedeman Josch - Flöte, Uve Müllrich - Bass und Michael Wehmeyer - Keyboard formierten sich dann sofort unter "Embryos Dissidenten". Dann wurde die Band jedoch weil Burkhard Schmiedl es so wollte in "Dissidenten" umbenannt. Sie hatten auch viele Gastmusiker und setzten auf eine Mischung aus Funk, multi-ethnisch gefärbten Popsongs mit Sample- und Programming- Ästhetik mit nordafrikanischen Gesängen. Nach dem Split mit Embryos Dissidenten machte die Band in folgender Besetzung weiter: Christian Burchard, Roman Bunka, Freddie Setz, Ramesh Shotam, Jay Zier und Gerald Hartwig Luciano. Als 1981 der musikalische Kopf von "Amon Düül”, Chris Karrer zur Band stieß, verließ Roman Bunka Embryo um seine eigene Band ”Dein Kopf ist ein schlafendes Auto " zu gründen. Ihm folgten Setz und Hartwig. Auch Christian Burchard spielte in der Endphase von "Schlafendes Auto" als viertes Mitglied in der Band. Als Roman das Projekt dann allerdings auflöste, wandten sich alle Mitglieder wieder Embryo zu. Das Personalkarussel drehte sich unaufhörlich weiter. In diesem Jahr kam der Posaunist Werner Aldinger und der Bassist Ulli Bassenge neu zur Band. Im Sommer 1981 spielte Embryo viele Konzerte in Holland, Deutschland, Italien und der Schweiz. In dieser Zeit entstand auch die Do-LP "La Blama Sparozzi". Auf dieser sind neben einem Titel von der Indienfahrt hauptsächlich alle Embryomitglieder der vergangenen zwei Jahre zu hören, die nach der Spaltung mitgespielt hatten. Edgar Hofmann, Ramesh Shotham (vom Karnataka Collage Of Percussion), Michi Wehmeyer (der nach acht Monaten Dissidenten wieder zurückgekehrt ist), Freddy Setz (Missus Beastly, Aera), Gerald Luciano (Karthago, Guru Guru), Salah Ragab (Sun Ra Orchestra), Chris Karrer (Amon Düül), Muraina Oyelami (Nigeria), usw.
Im Februar und März 1985 waren Christian Burchard und Gerald Luciano für sieben Wochen in Nigeria und spielten zusammen mit Lamidi in Erin Osun. Sie trafen dort die Meistertrommler (siehe hierzu die Beilagen der CD "Embryo & Dun Dun Orchestra"). Embryo war nur als Duo nach Afrika gereist. Doch in den Aufnahmen sind sie nicht als Duo zu hören, denn sie spielen mit vielen guten Musikern dieses Landes zusammen. Hieraus entwickelte sich dann bald eine komplette Band, welche mehrere Fernsehshows hatte und in unzähligen Konzerten zu hören war. Außerdem standen "Historical Meetings" mit dem König des "Afro Pop": Fela Kuti an, der Embryo als einzige weiße Band nach Lagos einlud. Dort trafen sie dann auch u.a. Orlando Owo, Musiker von King Sunny Ade u.s.w.. Hierzu sind auch verschiedene Tapes veröffentlicht worden. Interessant sind hierbei auch die Cover der LP´s. Je nach Lust und Laune wurden auf den handgemachten Hüllen verschiedene Stempel und Unterschriften eingefügt. Dasselbe trifft auch für die LP "Live & Charlie Mariano" zu. Das führte dazu, das jede Platte ein Unikat darstellt.
Ab 1986 war der Holländische Gitarrist Eugen de Ryck für über 100 Gigs mit von der Partie, der allerdings nach Problemen mit dem derzeitigen Manager ausstieg. Auch wurde er stark von Roman Bunka attakiert, bis Roman sich mal wieder einmal von der Band zurückzog. Eugen setzte dann mit Edgar Hofmann (Logic Animal) und mehreren Solo-Produktionen (z.T. auf Schneeball) seine Karriere mit der Band "Universal Supersession" fort. Auf dem neuen Album Istanbul-Casablanca taucht er jedoch als Gitarrist einer Session wieder auf. Eugen wurde durch Yulyus Golombeck (Gitarrist und Oudspieler von Uli Treptes "Spacebox") ersetzt. Doch daraufhin verließ Chris Karrer die Band. Auch Ulli Bassenge und Werner Aldinger gingen andere Wege. Eine Weile spielte Gerald Hartwig Luciano dann noch mit, aber nach der Nigeria Tournee 1986 stieg auch er aus und Locko Richter (ex Aera, Missus Beastly etc.) kam für ihn in die Band. Dieter Serfas, der Christian schon seit 1962 musikalisch begleitet, war seit der Nigeria Tour auch wieder dabei. So auch der "Ex Dissident" Michi Wehmeyer. Diese zweite Tour duch Nigeria brachte der Band viele neue Impulse. Die erste Tour in dieses schwarzafrikanische Land hatte ja schon die Produktion "Africa" hervorgebracht. Zurück in Deutschland kam es dann zum Bruch mit Gerald, der die Gruppe "Die Wand an" gründete. Nun kehrte auch Roman Bunka wieder zurück. Außerdem verstärkten Roland Schaeffer (ex Guru Guru), Marque Löwenthal und der Supertrommler Pava-mashivam Pila aus Südindien die Band.
In den folgenden Jahren gab Embryo immer wieder mal Tourneen mit dem Yoruba Trommel - Orchester aus Nigeria, die durch ihre archaische Volkstümlichkeit die Massen begeisterten. Dazwischen wandte sich die Band auch wieder neuen Projekten zu. Wie z.B. eine Tournee mit den Aladja-Sisters (eine Vocal- und Tanzgruppe vom Stamme der Urhobo aus Schwarzafrika), Konzerte mit Mal Waldron, dem "Karnataka Collage Of Percussion", die Zusammenarbeit mit dem "Between" Chef Peter Michael Hamel. Auf der Platte "Turn Peace" kann man in vieles aus dieser Zeit hineinhören.
Am 16. 7. 1989 spielte Embryo im Palast der Republik in Berlin, u.a. mit Chris Karrer, El Hussaine Killi und dem Yoruba Dun Dun Orchestra. Der Livemitschnitt wurde erst Ende 1998 als CD veröffentlicht. Als Schneeball wurde er jedoch vorher schon als LP, und Tape auf Konzerten vertrieben.
Im April 1991 traten Embryo beim 5. Jazzfestival von St. Ingbert auf. Hier trat auch der Saxofonist Chuck Henderson zum ersten Mal mit der Band in Erscheinung. Henderson brachte wieder leicht funkige Solis ins Spiel ein, und erweiterte damit das Repertoire in Richtung Mainstream, was sich aber in der Nachbarschaft zu afrikanischer Percussion gut machte. Außerdem waren Embryo 2 Monate auf Tournee in Japan. Sie wurde von einer Band um Akira Ho vermittelt. Er gehört seit Jahren zur progressiven Szene Japans und hat auch schon mit Kitaro gearbeitet. Er spielte zusammen mit Klaus Schulze in der Far East Family. Auf der Far East Tournee waren Embryo mit dabei.Die Bands legten auf dieser Reise über 6000 Km zurück und traten bei Megafestivals auf. Embryos Gigs wurden mit 8 Kameras von allen Seiten festgehalten und landesweit ausgestrahlt! Diese Aufnahmen, sowie Videomitschnitte von Sessions mit vielen japanischen Künstlern warten noch auf ihre Veröffentlichung.
1993 nach ihrer Tournee durch Marokko war die Band dann in großer Besetzung zu hören: mit einer verstärkten Bläserpräsenz, zwei Saxofone und einer Posaune, präsentierte sich Embryo als Septett.
Anfang 1994 brachte die Band die Produktion "Ibn Battuta" heraus, welche die große Reiselust der Band bestätigt. Sie ist dem gleichnamigen "Prinzen der Reisenden" gewidmet, der fast zur selben Zeit wie Marco Polo, aber mehr als dreimal soweit wie dieser, die Erde erforschte, und in vielen Büchern darüber berichtet hat. In dem phantastischen Reisebericht entstehen Atmosphären, wie sie von den Embryo-Musikern bei Sessions der Yorubas in Schwarzafrika, in japanischen Zenklöstern oder auf den dunklen Basaren des mittleren Ostens erlebt wurden. Mit dieser Aufnahme ist es der Band wieder mal gelungen, sich einen Spitzenplatz in der Weltmusik-Liga zu verschaffen. Hiervon wurde auch ein Video veröffentlicht, auf dem alternative Versionen und zusätzliche Tracks zu sehen sind.
Das Jahr 1995 begann nicht leicht für Embryo. Chris Karrer hatte der Band erstmal "bye bye" gesagt, um sich ganz dem Amon-Düül-Projekt zu widmen. Christian Burchard verletzte sich am Arm und Hand und die Band mußte - verstärkt durch den Ex Miles Davis Saxophonisten Monty Waters - ohne ihren Gründer auf große Spanien/Italien Tournee gehen, was die Fans in diesen Ländern etwas enttäuschte. Doch was wäre das Leben, wenn alles glattgehen würde...... Anfang Februar standen alle wieder gesund und fröhlich vereint auf der Bühne.
Christian Burchard und Embryo zogen dann weiter durch die Welt wo sie auch einige chinesische Künstler kennenlernten, mit denen sie dann musizierten. Während einer Gedenkveranstaltung in München, zum Jahrestag des Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens u. a. mit Rabih Abon Khalil sind Freundschaften gewachsen. Große Tourneen mit chinesischen Virtuosen und Sängerinnen halfen die musikalischen Geheimnisse dieses riesigen Landes verstehen zu lernen. Daraus wurde dann das 21. Album der Band " Ni Hau". Jetzt wohnt Xizhi Nie, ein chinesischer Meister bei Deutschlands dienstältester Musikkomune. Die wahrhaft wunderlichen Klänge seiner Instrumente, die selbst den Embryomusikern unbekannt waren, werden vom Publikum oft im "Science Fiction" Bereich eingeordnet. Der Gesamtsound der Band wird dadurch zu einem nie vorher Gehörten verzaubert, wie ein Ritt in entlegene Welten. Aus einfachen Harmonien entwickelt sich plötzlich ein schwieriges Gefüge verschiedener Musikstile, das trotzdem zu keiner Sekunde abgehoben wirkt.
Embryo spielt nach wie vor ägyptische Musik, so unter anderem mit dem "Bob Marley des middle east” Mohamed Mounir, und das Wichtigste: Sie suchen noch immer nach neuen Begegnungen, Inspirationen und völkerverbindenden Elementen. Da der Musikerwechsel immer noch rasant vonstatten geht, schreibt die Zeitung "Rheinpfalz" humorvoll: "Die einzige Profitruppe mit mehr Personalwechsel als das italienische Kabinett". Bei zwei Konzerten innerhalb einer Woche, konnte es passieren, das alle Musiker bis auf Christian komplett ausgetauscht waren. Christian Burchard kündigte seine Band deshalb auch häufig als: "Die Embryo World Band, feat. Musiker aus 4 Kontinenten" an.
Im Sommer 1998 ergab sich für Embryo die Gelegenheit nach 20 Jahren einen Teil ihrer Reise von 1979 im Rahmen einer Mittelmeertournee zu wiederholen. Kriegerische Auseinandersetzungen und politische Richtungswechsel machten dies bis heute unmöglich. Wachsende Zuschauerzahlen, große Pressekonferenzen und mehrere Fernsehauftritte ließen die Tournee zu einem Erfolg werden. Christian: "Wir waren ganz überrascht von dem großen Interesse der Medien an unserer Tournee. Große, ganzseitige Artikel in wichtigen Tageszeitungen und Musikpresse, das hatten wir schon lange nicht mehr erlebt." Ein Highlight in Athen war das spontane Zusammenspiel mit dem Multiinstrumentalisten Ross Daley, ein Begriff in der orientalischen Ethnoszene. Einige Liveaufnahmen mit ihm sind auf der CD "Istanbul - Casablanca zu hören.
Danach spielte das Quartett um Christian Burchard , Xizhi Nie, Lothar Stahl und Jens Pollheide in Deutschland vor über 40 000 Fans z.B. auf dem Burg Herzberg-Festival und vor 10 000 bei dem Technofest Voof bei Hamburg. Außerdem hatten sie volle Häuser bei ihren Auftritten mit den Stimmwundern aus den Mongolei (Gruppe Ayuna). Danach folgten Konzertsessions in Spanien und sie bereisten auch laut Bandeigener Statistik zum 22ten mal Marokko. Immer öfter in diesem Jahr dabei, der New Yorker Saxofonist Alan Praskin, der auch schon auf der "Turn Peace” vertreten war. Nur kurz wurde er durch Edgar Hofmann ersetzt. Im Herbst 1998 waren Embryo dann noch auf Italienreise und spielten mit den Avant Garde Stars aus Russland: Die Gruppe "Trio" aus Moskau und Petersburg. Der Fagottspieler Alexandr Alexandior war schon seit längerem fast festes Embryomitglied geworden.
Ganz frisch sind jetzt ihre beiden letzten DoCD´s erschienen. Rechtzeitig zum 30jährigen Band-Jubiläum erschien die Produktion "Istanbul - Casablanca / Tour 98". Es ist das bisher 22. Album mit 23 neuen live mitgeschnittenen und teilweise im Studio nachbearbeiteten Stücken. Die Musik auf dieser ersten Embryo-Doppel-CD dokumentiert Aufnahmen, die während zweier Reisen im Mittelmeerraum entstanden sind. Die Band war auf dieser Tournee klein und flexibel. Sie bestand aus Christian Burchard, Jens Pollheide, Lothar Stahl, Xizhi Nie und Karsten
Hochapfel. Für die Overdubs im Studio sorgten viele Musiker aus der langen Embryo Geschichte. Zuletzt
erschien das Album "Invisible Documents", welches ein Live-Konzert in der Hamburger Fabrik aus dem Jahre 1974 beinhaltet. Hier spielt neben Christian Burchard, Roman Bunka und Edgar Hofmann "Norbert Dömling" den Bass. Am 18. Februar 1999 feierten Embryo dann im Münchener Babylon - Kunstpark Ost mit vielen ehe-maligen Musikerkollegen aus aller Welt ihren 30jährigen Geburtstag. Es wurden seltene Videos vorgeführt, alte Konzertplakate gezeigt und es gab eine Ausstellung zur Bandgeschichte. Die Münchener AZ hierzu: "Nach dem Gesetz des Musikmarktes dürfte es eine Band wie Embryo eigentlich gar nicht geben".
Bleibt zum Schluß nur noch zu hoffen, das die Spielfreude und die Hingabe bei der nicht so kommerziellen Stilrichtung der Band um Christian Burchard auch im nächsten Jahrtausend anhält, und wir noch viele tolle Konzerte zu sehen bekommen. Gerade in einer Zeit, in der sich die digitale Musik immer mehr ausbreitet, bietet Embryo eine gute Alternative. Auch Besucher die schon an die 50 Embryo- konzerte gesehen haben, können immer wieder ein neues Flair der Band entdecken. Dazu die Frankfurter Rundschau: ...Seit einem Vierteljahrhundert immer das gleiche, immer etwas neues. Embryo war zu Gast....wer Embryo von früher kennt, weiß jetzt, das hier alles beim alten geblieben ist, weil alles immer ganz anders ist, als man es erwartet."
Zu guter Letzt möchte ich noch einen Satz aus einer Mail von Eugen de Ryck zum Thema Multikulturell wiedergeben: "Ohne Afrika keinen Blues, ohne Blues keinen Jazz, ohne Jazz keinen Rock, ohne Rock keinen Germanrock. Alles ist multikulti". Alles klar?
Bedanken möchte ich mich bei:
- Kurt Mitzkatis: Ohne ihn wäre diese Story in diesem Umfang nicht im German Rock e.V. erschienen.
- Martin Gottwald und Helmut Seidel für ihre Unterstützung.
- Besonderer Dank gilt Christian Burchard, der zum Teil unersetzliche Text und Bildmaterialien aus dem Embryo-Bandarchiv zur Verfügung stellte, und immer erreichbar war!
[Klaus Unland]
[Mit Beiträgen von: Carsten Agthe, Christian Burchard, Martin Gottwald, Kurt Mitzkatis, Wolfgang Pokall, Helmut Seidel, Klaus Unland]
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