AGITATION FREE

Biografie
AGITATION FREE aus Berlin sind eine der eher wenigen progressiven Gruppen, die weitestgehend ohne Gesang auskamen, jedenfalls auf ihren damaligen Plattenveröffentlichungen "Malesch" (1972 auf Vertigo), "Second" (1973 auf Vertigo) und der nachgeschobenen "Last" (1976 auf Barclay, mit Aufnahmen von 1973 und 1974). Zuletzt spielten sie - u.a. am 2.2.1974 in Köln, woraus die CD "At the cliffs of river Rhine" entstand - in der Besetzung GustI Lütjens (g), Lutz "Lüül" Ulbrich (g), Michael "Farne" Günther (b), Michael Hoenig (key) und Burghard Rausch (dr). Im selben Jahr 1974 traten Spannungen auf, die zum Bruch und Ausscheiden von Michael Hoenig und Burghard Rausch führten. Michael Günther berichtet über diese letzten Monate der Gruppe: "Nachdem Agitation Free im Streit um die Richtung, in die zu gehen sei, nun kurz vor der Auflösung stand, wollten wir zwei Sturköpfe GustI und ich dann doch nicht aufgeben. Zunächst einmal konnten wir Lüül davon überzeugen, doch wenigstens zeitweise weiter mit uns zu arbeiten. Mit Harald Großkopf und Manfred Opitz fanden wir erst einmal Ersatz für Burghard und Höni. Weiterhin stieß Saxophonist Klaus Henrichs von der Berliner Gruppe Os Mundi zu uns. Zunächst war also eine neue, aber noch ungefestigte Besetzung gefunden. In Udo Arndt von Os Mundi, späterer Mitproduzent von Nina Hagen und Nena, mit dem ich in einer Wohngemeinschaft in der Berliner Bayernallee wohnte, hatten wir einen Verbündeten, denn der machte gerade eine Art Praktikum im Tonstudio des Evangelischen Rundfunkdienstes und lud uns ständig zu Aufnahmen ein, denn er mußte üben, mit seinen Geräten umzugehen. Leider ergab es sich, daß ausgerechnet Lüül zu diesen Zeiten immer in Frankreich weilte. So gibt es in dieser Besetzung keine Bandaufnahme mit ihm, wohl aber Bilder. GustI und ich machten aus der Not eine Tugend. Musikalische Ausflüge in andere Welten sind bei Agitation Free üblich. Das Zusammenspiel mit vielen anderen Leuten war nichts Ungewöhnliches. So gab es zu allen Zeiten des Bestehens der Gruppe Entwürfe z. B. im Bereich der E-Musik. Die, die in den Bereich des Jazzrock oder des Politrock gingen, sind aber damals nie veröffentlicht worden, weil unsere Plattenfirma das ablehnte. Trotzdem haben wir viele solcher Vorhaben durchgeführt. Also sammelten wir wie gewohnt andere befreundete Musiker als Gäste und versuchten uns in anderen musikalischen Welten. Etliche Stücke sind aus dieser Zeit erhalten geblieben, werden aber erst jetzt, 1999, auf vorliegender CD veröffentlicht, Zeugen einer spaßigen Zeit mit unseren Freunden: Manfred Opitz, damals bei Metropolis an den Tasten. Klaus Henrichs, damals Saxophonist bei Os Mundi. Harald Großkopf, ehemals Schlagzeuger von Wallenstein. Constantin "Bommi" Bommarius, damals Schlagzeuger von Karthago. Lou Blackburn, mittlerweile verstorben, ehemals Posaunist bei Duke Ellington und Leiter der Gruppe Mombasa. Christian "Bino" Brero, Kontrabassist beim Radio-Symphonie-Orchester Berlin, als Pianist. Bernd Gruber, Jazzmusiker. Jochen Bauer, Jazzrock-Schlagzeuger. Voller Stolz und Überzeugung präsentierten wir dann die Ergebnisse aus dem ERD-Tonstudio unserer Plattenfirma und begehrten Veröffentlichung. Es folgte eine herbe Enttäuschung. Man erklärte uns, das Ganze sei nicht verkäuflich. Also versuchten wir einen Umweg: Wir schickten Hartmut Geerken vom Goethe-Institut, den wir 1972 in Kairo kennengelernt hatten, ein Band nach Kabul in Afghanistan, wo er inzwischen Leiter des örtlichen Goethe-Institutes war, in der Hoffnung, er würde uns eine Tournee ermöglichen und dann würde, wie damals, unsere Plattenfirma Music Factory/Phonogram mitziehen und eine neue Platte veröffentlichen. Auch das war ein Trugschluß. Als Antwort erhielten wir den demütigenden Vorschlag, uns vielleicht ein Engagement im Hilton-Hotel Kabul vermitteln zu können. Nun war es soweit gekommen, daß uns anscheinend niemand mehr verstand, obgleich wir uns mit viel handfesteren musikalischen Gefügen als vorher beschäftigten und diese mehr körperbetonte Seite von uns trotzdem auf die alte Art und Weise von Agitation Free verarbeiteten. Die Ahnungslosen bekamen einfach nicht mit, daß wir nicht wie Klaus Doldinger spielten, sondern auf unsere bewährte eigene Weise. Niedergeschlagenheit machte sich breit, und wir beschlossen, dann doch unter anderem Namen (Lagoona) und in neuer Besetzung unser Glück zu versuchen, also einen richtigen Neuanfang zu wagen. Lüül war inzwischen mehr in Frankreich als in Berlin und somit war die Geschichte von Agitation Free anscheinend abgeschlossen. Lagoona hat dann auch nur eine einzige Reise durch Dänemark gemacht, aber Plattenverträge, geschweige denn Aufnahmen zur Veröffentlichung waren uns nicht beschieden. Keiner von uns ahnte damals, was noch geschehen würde. Der Mißerfolg saß allen in den Knochen, und so wurden Agitation Free und Lagoona Ende 1975 zunächst zu Grabe getragen. Alle Gruppenmitglieder gingen ihrer Wege und ich begann aus Geldnot, die verbliebenen technischen Geräte zu vermieten. Das führte mich mit der Nina Hagen Band und Jim Rakete zusammen, ohne zu ahnen, daß der 23 Jahre später Agitation Free wieder zum Leben erwecken würde. Außerdem gab es während der nächsten Jahre zwischen 1975 und 1999 einige Ereignisse, die zumindest den Namen der Gruppe in Erinnerung hielten. Was das dann letztendlich bedeuten würde, war keinem von uns bewußt..."
[Quelle & Copyright: "Garden Of Delights"]

[Mit Beiträgen von: Michael Günther, Jürgen Hornschuh, Michael Gronostay, Klaus Unland]



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- 10-Januar-2000 -